Aachener Experte: „Von Normalität ist Fukushima weit entfernt“

Von: Christina Handschuhmacher
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Bildschirmfoto einer Explosion im japanischen Kernkraftwerk Fukushima, aufgenommen am 14.03.2011. Am 11.03.2015 jährt sich die Atomkatastrophe von Fukushima zum vierten Mal. Foto: dpa
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Greenpeace-Experte Thomas Breuer ist aktuell auf einem Forschungsschiff vor Fukushima unterwegs. Foto: Christian Aslund/dpa
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Bilder der Katastrophe: Die abgetragene radioaktive Erde lagert überall in der Region in schwarzen Kunststoffsäcken – ein Endlager gibt es nicht. Foto: dpa
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Bilder der Katastrophe: Eine Frau im Schutzanzug trauert kurz nach dem Unglück vor den Überresten ihres Hauses. Foto: dpa

Aachen. Es war der schlimmste Atomunfall seit dem Reaktorunglück von Tschernobyl im April 1986: Ein Erdbeben der Stärke 9,0 löste am 11. März 2011 einen schweren Tsunami mit meterhohen Flutwellen aus. Im Atomkraftwerk (AKW) Fukushima Eins im Nordosten Japans kam es in der Folge zum Ausfall des Kühlsystems und zu insgesamt drei Kernschmelzen.

Die Dreifachkatastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Atomunfall führte dazu, dass rund 150.000 Menschen die verstrahlte Gegend zeitweise oder dauerhaft verlassen mussten. Thomas Breuer, Leiter des Klima- und Energiebereichs bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace, ist aktuell in der Präfektur Fukushima – zum dritten Mal seit der Katastrophe.

Als Mitglied einer internationalen Gruppe untersucht er auf einem Forschungsschiff, welche Auswirkungen die radioaktive Strahlung auf den Pazifik hat. Im Interview spricht der gebürtige Aachener über die Folgen des Atomunfalls und schildert, wie der Super-GAU das Leben der Menschen verändert hat.

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe sagt, dass die Lage in Fukushima Eins fünf Jahre nach der Atomkatastrophe „unter Kontrolle“ sei. Gleiches ist von der Betreiberfirma Tepco zu hören. Wie ist Ihre Einschätzung?

Breuer: Von einer Kontrolle der Situation kann nicht die Rede sein, denn der Unfall läuft weiterhin ab. Nach wie vor müssen die Kernreaktoren mit Wasser gekühlt werden. Dadurch werden gigantische Mengen an radioaktiv kontaminiertem Wasser produziert, und das ist ein großes ungelöstes Problem.

Das Wasser lagert inzwischen in 1100 Tanks auf dem Gelände, und weder die Betreiberfirma noch die Regierung hat eine vernünftige Lösung, was damit geschehen soll. Durch Regen und den Anstieg des Grundwassers gelangt immer wieder Wasser auf das Grundstück des Atomkraftwerks, das dann kontaminiert weiter in den Pazifik fließt. Die Probleme sind riesengroß und nicht ansatzweise gelöst.

Sie sind aktuell in der Präfektur Fukushima. Können Sie die Szenerie beschreiben, die sich Ihnen im Umkreis der Atomruine bietet?

Breuer: Es ist sehr erschreckend. Nach wie vor fährt man durch Geisterstädte. Das Auffälligste sind Hunderttausende schwarze Plastiksäcke mit radioaktiv kontaminiertem Erdreich, die überall in der Region in rund 116.000 Lagerstätten deponiert sind.

Sobald man sich in Richtung Nordwesten in stärker bewaldete Gebiete bewegt, sieht man auf den Messgeräten, dass dort nach wie vor eine sehr hohe radioaktive Strahlung vorherrscht, weil der Waldboden und die Bäume sehr viel der Radioaktivität speichern. Das ist ein ganz ungutes Gefühl, sich in der Region zu bewegen, obwohl wir ja – im Gegensatz zu den Menschen, die dort wohnen – nur für kurze Zeit in dieser Gegend sind.

Wie geht es den Menschen, die in der Region geblieben sind?

Breuer: Immer noch sind rund 100.000 Menschen evakuiert und leben in Notunterkünften. Viele von ihnen werden wohl nie in ihre alte Heimat zurückkehren können. Wir hören von den Einwohnern, dass der Druck, in nach wie vor verseuchte Gebiete zurückzuziehen, immer größer wird. In die 20-Kilometer-Sperrzone wird noch nicht zurückgesiedelt, aber in weiter entfernte Gebiete wie die Region Iitate.

Diese Stadt liegt zwar 40 Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt, aber dennoch ist die Kontamination dort höher als in manchen Gebieten der Sperrzone. Denn die Radioaktivität hat sich ja mit dem Wetter ausgebreitet und nicht nur in einem genau messbaren Radius um das Atomkraftwerk herum. Sobald die Regierung bestimmte Gebiete wieder für bewohnbar erklärt, erhalten die Menschen nur noch für kurze Zeit Ausgleichszahlungen.

Und auch der Betreiber des AKW Fukushima müsste deutlich weniger Entschädigung zahlen, wenn die Betroffenen zurückkehren. Das sehen viele Menschen mit großer Sorge, denn sie wollen nicht zurück, weil sie wissen, dass die ganze Umgebung verseucht ist.

Studien zeigen ein erhöhtes Suizidrisiko bei denjenigen, die aufgrund der Atomkatastrophe ihre Heimat verlassen mussten. Bei Kindern tritt gehäuft Schilddrüsenkrebs auf. Mit welchen Folgen müssen die Menschen langfristig noch rechnen?

Breuer: Zurzeit spielen definitiv die psychischen Probleme eine große Rolle. Viele Menschen, etwa Landwirte, haben ihre Lebensgrundlage verloren und werden in Fukushima nie wieder in ihrem Beruf arbeiten können, den sie über Generationen hinweg dort ausgeübt haben.

Und so schlimm auch allein der Tsunami und das Erdbeben gewesen sind: Die Menschen in diesen Regionen konnten sich wieder an den Aufbau machen – das bleibt den Einwohnern in den kontaminierten Gegenden verwehrt. Langfristige Folgen sind schwer abzusehen, aber wenn man nach Tschernobyl schaut und sieht, was dort an Krankheitsbildern aufgetreten ist, dann befürchten wir, dass ähnliche Entwicklungen sich auch in Fukushima abspielen werden.

Japanische Medien berichten vor allem von Fortschritten beim Wiederaufbau und beschreiben, dass sich das Leben wieder normalisiert. Wird die Bevölkerung getäuscht?

Breuer: Die Regierung will zur Normalität zurückkehren, aber das funktioniert nicht so einfach. Auch dort, wo der Alltag neu organisiert ist, sieht er völlig anders aus als vor der Katastrophe. Kinder dürfen nur noch eine begrenzte Zeit pro Tag draußen verbringen.

Der Wald ist sowieso tabu, weil dort zum Teil die höchste Verseuchung festgestellt wurde. Eltern lassen das Schulessen ihrer Kinder im Labor auf Radioaktivität testen. Die Landwirte können in den kontaminierten Gebieten nicht mehr ihr Gemüse anbauen und auch die, die aus weniger stark betroffenen Gebieten der Präfektur kommen, haben mit großem Misstrauen gegenüber ihren Produkten zu kämpfen.

Von Normalität ist Fukushima noch weit entfernt. Die Menschen müssen täglich mit der Radioaktivität leben, und das ist einfach kein Normalzustand.

Wie stark ist die Umwelt fünf Jahre danach belastet, und wie lange wird diese Belastung anhalten?

Breuer: Es gibt erste Hinweise auf Mutationen bei Pflanzen, aber das ist bislang noch nicht ausreichend untersucht und verstanden, welche Folgen sich daraus ergeben. Bei unseren Messungen am Meeresgrund haben wir bis zu 60 Kilometer von dem havarierten AKW entfernt das radioaktive Isotop Cäsium 137 auf dem Meeresgrund festgestellt.

Cäsium 137 ist eines der Hauptisotope, von denen die Region belastet ist. Es hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Man geht in etwa davon aus, dass die radioaktiven Stoffe etwa zehn Halbwertszeiten brauchen, um für den Menschen nicht mehr gefährlich zu sein. Das heißt: Die Region kann erst in etwa 300 Jahren wieder normal und völlig unbedenklich bewohnt werden.

Wie sinnvoll ist das Dekontaminationsprogramm, mit dem die Regierung die atomare Belastung im Umkreis von Fukushima senken will?

Breuer: In einem Radius von 20 Metern um die Häuser wird verseuchte Erde abgetragen und durch nicht kontaminierte Erde ersetzt. Aber das funktioniert aus zwei Gründen nicht: Gerade in den bewaldeten und hügeligen Regionen findet beständig wieder eine Rekontamination statt, weil bei der Schneeschmelze und bei Regen viele radioaktive Stoffe in Richtung der Täler, Flüsse und des Grundwassers transportiert werden.

Dieses Wasser fließt auch über die bereits gereinigten Grundstücke, so dass eine erneute Verunreinigung stattfindet. Hinzu kommt, dass die Menschen sich vielleicht zu Beginn in diesem 20-Meter-Umkreis um ihre Häuser aufhalten können, aber sie müssen beständig aufpassen, wenn sie sich wegbewegen. Sie können nicht mehr in den Wald hineingehen, wo sie früher Pilze gesammelt haben.

Auf Feldern haben sie im trockenen Sommer das Risiko, radioaktive Partikel, die durch Wind aufgewirbelt werden, einzuatmen. In einem städtischen Umfeld hat eine derartige Dekontamination eher Sinn, da die radioaktiven Partikel an Beton und Stein nicht so gut anhaften. In den ländlichen Regionen funktioniert das nicht. Letztendlich muss man den Menschen Perspektiven in anderen Gebieten geben und ihnen auch Starthilfe bieten.

Tonnen von radioaktiver Erde lagern überall in der Gegend in schwarzen Kunststoffsäcken. Hinzu kommt das verseuchte Wasser. Was soll mit diesem radioaktiven Müll geschehen?

Breuer: Dafür gibt es bislang keine Lösung. Das sind gigantische Mengen an radioaktivem Material. Fraglich ist auch, wie lange diese Kunststoffsäcke eigentlich dicht halten. Vergangene Woche gab es in einer Anlage einen großen Brand. In den Säcken ist neben Erde auch viel natürliches Material wie Reisig, Blätter und Holz, also leicht brennbares Material. Und durch ein Feuer gelangen radioaktive Stoffe in die Atemluft.

Trotz der Atomkatastrophe hat die japanische Regierung bislang vier Reaktoren wieder ans Netz gebracht. Hat dieser Super-GAU Japan nicht zu einem Umdenken bewegt?

Breuer: Man muss zwischen Regierung und Bevölkerung unterscheiden. Bei den Japanern selbst hat die Atomkatastrophe klar zu einem Umdenken geführt. Die Menschen wollen aus der Atomkraft raus. Überall im Land sprießen Solaranlagen aus dem Boden. Traurig ist, dass die Regierung Abe nichts dazugelernt hat. Aber sie gerät mehr und mehr unter Druck.

Gegen zwei der vier wieder angefahrenen Reaktoren gibt es einen Gerichtsbeschluss, so dass diese wieder heruntergefahren werden müssen. Diese Reaktoren in Takahama sind ähnlich alt wie die Anlage im belgischen Tihange. Ebenfalls eine alte Technologie, die nicht auf dem heutigen Stand der Sicherheitstechnik ist.

Blicken wir auf Deutschland: Fukushima hat zu einer Kehrtwende in der hiesigen Atompolitik geführt. Aber der Atomausstieg ist ein Riesenprojekt, und der Rückbau der AKWs und die Endlagerung kosten eine Menge Geld...

Breuer: Greenpeace fordert seit Jahren, dass die Milliarden für die Rückstellungen den Konzernen entzogen und in einen öffentlich-rechtlichen Fonds eingezahlt werden müssen. Nur so lässt sich das Geld für den Zeitpunkt sichern, zu dem es gebraucht wird. Es ist klar, dass die Konzerne nicht aus der Verantwortung gelassen werden dürfen.

Die Regierung muss sicherstellen, dass der Rückbau, die Entsorgung und die damit verbundenen Risiken von den Firmen getragen werden. Schließlich haben die Firmen jahrelang Milliarden mit den Atomkraftwerken verdient und sträuben sich jetzt dagegen, die Verantwortung für die Nachsorge zu übernehmen. Das darf nicht am Steuerzahler hängen bleiben.

Zuletzt war das AKW Fessenheim an der deutsch-französischen Grenze in den Schlagzeilen, immer wieder sorgen auch die alten belgischen Meiler Tihange und Doel für Ärger. Braucht Europa einen EU-weiten Atomausstieg?

Breuer: Ja, denn eine verantwortliche Atompolitik der Bundesregierung kann sich nicht allein auf Deutschland beziehen. Deutschland ist umgeben von vielen Atomkraftwerken, und die meisten sind extrem alt und anfällig wie Tihange und Doel. Wenn man sich eine ähnliche Situation wie in Fukushima in Tihange vorstellt, dann wäre das Risiko um ein Vielfaches größer.

In Japan ist – das kann man wohl Glück im Unglück nennen – ein Großteil der Kontamination vom Wind aufs Meer hinausgetragen worden. In Tihange und Doel würde das anders aussehen. Ein Großteil der frei werdenden Radioaktivität würde bei den vorliegenden Wetterbedingungen in Richtung Deutschland ziehen und auch über Belgien und den Niederlanden runtergehen – also in extrem dicht besiedelten Gebieten. Wenn man sich die Auswirkungen hier in der relativ ländlichen Region Fukushima anschaut, mag man sich das gar nicht vorstellen.

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