Aachener Architekturjournalist auf WM-Baustellen in Brasilien

Von: Holger Richter
Letzte Aktualisierung:
7585589.jpg
Der Aachener Architekturjournalist Robert Mehl war im März in Brasilien. Mitgebracht hat er jede Menge Eindrücke und viele Fotografien. Foto: Harald Krömer
7585171.jpg
Anflug auf Brasilia: Noch trüben Wolken die Aussicht auf die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Der zum Teil erheblich verzögerte Stadionbau sowie die Sicherheitsdiskussion sorgen nicht mal mehr 50 Tage vor dem Eröffnungsspiel, für reichlich Diskussionsstoff. Foto: Robert Mehl

Aachen. Es wird ein Wettlauf mit der Zeit, darüber sind sich alle Beteiligten einig. Es sind nicht mal mehr 50 Tage bis zum ersten Anpfiff bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien (12. Juni bis 13. Juli). Und längst sind noch nicht alle Stadien fertig.

Doch Jérôme Valcke macht auf Optimismus. Das neue Corinthians-Stadion werde für die Eröffnungspartie zwischen Brasilien und Kroatien „komplett fertig“ sein, ließ der Generalsekretär des Fußball-Weltverbandes Fifa nun nach einem Stadionbesuch in São Paulo verlauten. Und auch für das WM-Stadion in der brasilianischen Stadt Curitiba ist Valcke guter Hoffnung. Zwar werde das Schlusslicht im Zeitplan aller WM-Stadien nach Fifa-Einschätzung erst „in letzter Minute“ fertig, aber eine bereits angedrohte Streichung vom WM-Spielplan steht offenbar nicht mehr zur Debatte.

Ob die „Nummer Zwei“ des Fußball-Weltverbandes in Zweckoptimismus macht oder die Spiele in dem einen oder anderen der zwölf WM-Stadien tatsächlich gefährdet sind, das kann Robert Mehl ganz gut einschätzen. Denn der Aachener Architekt, der sich auf Architekturjournalismus spezialisiert hat, war im März selbst in Brasilien und hat sich die Baustellen vor Ort angesehen und erläutern lassen. Sein Fazit lautet grob zusammengefasst: „Die Spiele werden stattfinden. Und Baustellen wird‘s im Fernsehbild aus den Stadien nicht geben.“ Das heiße freilich nicht, dass es vor Ort keine Baustellen mehr gibt, betont Robert Mehl.

Zwei Gründe für Verzögerung

Zehn Tage lang hat der 44-Jährige im März den riesigen südamerikanischen Staat im Auftrag der Deutschen Bauzeitschrift bereist. „Ich habe mir nicht alle zwölf Stadien angesehen, sondern nur die kritischen und jene, die mit deutscher Beteiligung entstanden sind“, erzählt der 44-Jährige im Gespräch mit den „Nachrichten“. Im einzelnen waren dies die Arena da AmazÔnia in Manaus, das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro, das Estádio Nacional in der Hauptstadt Brasilia sowie die umstrittene Arena Corinthians in São Paulo, wo die WM am 12. Juni mit der Partie der Gastgeber gegen Kroatien beginnen wird.

Dass dies auch tatsächlich so sein wird, davon ist nicht nur Jérôme Valcke überzeugt, sondern auch Robert Mehl. „Man wird dort am 12. Juni ein Fußballspiel austragen können“, sagt er. Ohnehin sei die Zeitverzögerung in São Paulo seiner Ansicht nach nicht nur durch den Bauunfall im vergangenen November eingetreten, sondern auch durch die späte Vergabe des Stadionbaus. Denn die Fifa habe erst spät entschieden, das Corinthians-Stadion an der Peripherie der Stadt neu zu bauen, berichtet Mehl, der sich erstens mit Sportstättenarchitektur bestens auskennt und zweitens vor Ort im persönlichen Gespräch mit den Bauleitern viele Informationen aus erster Hand erhalten hat. Zuvor hatten sich die Lokalrivalen der Corinthians – Palmeiras São Paulo und FC São Paulo – offenbar nicht einigen können.

Ohnehin: „Das größte Problem in Brasilien ist die Infrastruktur“, sagt Mehl, und nicht der Stadionbau. So solle das Stadion in São Paulo zwar eine eigene Autobahnausfahrt bekommen, „doch die war im März noch im Rohbau“. Bei den vier Flughäfen in Manaus, Brasilia, Rio und São Paulo habe es ähnlich ausgesehen. „Das sind zum Teil noch Großbaustellen.“ Hinzu komme der chronische Stau auf den Stadtautobahnen. So reiche in Manaus selbst eine sechsspurige Magistrale nicht für den täglichen Verkehr aus.

Apropos Manaus: Die Stadt im Nordwesten des Landes liegt einigermaßen „weit ab vom Schuss“, wie Robert Mehl es ausdrückt. Sie ist über Land nur unzureichend erschlossen, versorgt wird sie aus der Luft beziehungsweise über den Amazonas, „der hier immer noch acht Kilometer breit und 90 Meter tief ist“, erzählt der gebürtige Koblenzer, „und das 1000 Kilometer von der Küste entfernt.“

Politische Entscheidung

Hier ein WM-Stadion zu errichten, sei sicher eine politische Entscheidung gewesen. Mehl befürchtet, dass die Arena da AmazÔnia nach der WM nicht mehr gebraucht und somit zu einem sogenannten „Weißen Elefanten“ werden könnte. Zwar gebe es Konzepte, das Stadion auch nach der WM zu nutzen, etwa durch Gastspiele brasilianischer Erstligisten. „Ob die aber funktionieren, muss sich erst zeigen.“ Die Baukosten von rund 206 Millionen Euro wären vielleicht im Ausbau der einzigen Landverbindung nach Manaus – eine bislang unbefestigte Dschungelpiste – besser angelegt gewesen, mutmaßt Robert Mehl.

Ansonsten aber verteidigt er die Vergabe der Weltmeisterschaft nach Brasilien. Man dürfe nicht vergessen, „dass mit der WM auch Arbeitsplätze geschaffen werden. Das Baugewerbe boomt derzeit in Brasilien.“ Somit bleibe das Geld vom Staat größtenteils im eigenen Land. „Denn auch bei den Projekten der deutschen Büros sind brasilianische Architekten und Firmen beteiligt.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert