Aachen zählt viel mehr Kirchenaustritte

Von: Robert Esser
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Wenig Lobgesang auf die Kirche: Immer mehr Christen melden sich am Amtsgericht ab - betroffen sind nicht nur katholische Pfarren (hier St. Fronleichnam), sondern auch der Evangelische Kirchenkreis. Foto: Wolfgang Plitzner

Aachen. Dass dieser Kelch an der Kaiserstadt vorübergeht, scheint ausgeschlossen: Die Austrittszahlen im Bistum steigen rasant, immer mehr Steuerzahler kehren der Kirche den Rücken. Allein das Amtsgericht Aachen registrierte 2008 exakt 1616 Kirchenaustritte - 384 mehr als im Vorjahr.

Schätzungen zufolge kommen 80 Prozent der Austrittswilligen aus dem katholischen Lager.

Zum päpstlichen Kurs richtete Regionaldekan Josef Voß am Montag einen Brief an Bischof Heinrich Mussinghoff: „Der regionale Pastoralrat nimmt mit Bestürzung die neueste Entwicklung in unserer Kirche zur Kenntnis, die seinerzeit mit der Wiederzulassung der Messe im tridentinischen Ritus durch Papst Benedikt XVI. begann und die sich nun mit der Rücknahme der Exkommunikation von vier Bischöfen, die zur Bruderschaft Pius X. gehören, fortsetzt.”

Ungemach droht

Hinter den Kulissen des Generalvikariats droht Ungemach. Auch im Kirchensteuerrat bahnt sich ein Machtkampf an. Mussinghoff bestand beim jüngsten Treffen darauf, dass dem Bischof in einer neuen Satzung ein Letztentscheidungsrecht bei Meinungsverschiedenheiten zusteht. Der Kirchensteuerrat hingegen - Wächter über hunderte Millionen Euro und unschätzbare diözesane Vermögenswerte - fürchtet schwindenden Einfluss. Um diesen Konflikt zu regeln, gab Mussinghoff ein Gutachten in Auftrag.

Früher als diese Frage wird das Schicksal vieler Pfarren geklärt: Bis zum 15. Februar bleibt Fusionskandidaten wie der Gemeinschaft der Gemeinden (GdG) Aachen-Ost/Eilendorf (St. Severin, St. Barbara, St. Apollonia) noch Zeit, um ihre Verschmelzung eigenständig zu klären. Danach werden Nägel mit Köpfen gemacht:

„Das abschließende Votum zur Anordnung der Vereinigung mit Wirkung zum 1. Januar 2010 erfolgt in der Sitzung des Diözesanpriesterrates am 12. März”, heißt es in einer Vorlage aus dem Generalvikariat. Dort wird dann auch über noch größere Sammelgemeinden - etwa in Alsdorf und Würselen - abgestimmt.

Dass der radikale Umbau der Diözese - unabhängig vom Streit um Papst und Pius-Bruderschaft - wohl schon Auswirkungen in den jüngsten Austrittszahlen zeigt, räumt das Generalvikariat ein. „Es ist vorstellbar, dass sich einige Katholiken nicht mehr in ihren Heimatgemeinden aufgehoben fühlen und sich dann enttäuscht abwenden”, sagt Bistumssprecher Franz Kretschmann.

Aber er betont: „Letztlich kann man über die Gründe für Kirchenaustritte nur spekulieren.” Unstrittig ist indes laut Steuerkommission des Verbandes der Diözesen, dass die Einnahmen 2009 sinken. Als Grund wird unter anderem die Pendlerpauschale angeführt, die auch die Kirche zig Millionen Euro kostet.

Arvid Schlegel-Krakau, Sprecher des Evangelischen Kirchenkreises Aachen, macht zudem die Neuordnung der Abgeltungssteuer mitverantwortlich. „2008 hatten wir in Aachen 297 Austritte, 70 mehr als 2006.” Denn das Verfahren ist simpel: Katholiken wie Protestanten müssen lediglich mit Personalausweis und Meldebestätigung im Justizzentrum am Adalbertsteinweg vorstellig werden und 30 Euro Bearbeitungsgebühr für den Austritt entrichten. Und diese Option wählen immer mehr Aachener.
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