Aachen - Aachen war „Auffangbecken” für NS-Ärzte

Aachen war „Auffangbecken” für NS-Ärzte

Von: Axel Borrenkott
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Aachen. Hunderte Menschen sind während der NS-Zeit zwangsweise von Klinikärzten in Aachen sterilisiert worden. Und ungezählte Opfer haben Mediziner auf dem Gewissen, die hier nach dem Krieg unbehelligt und gefeiert Karriere machten.

Die Städtischen Krankenanstalten waren Ende der 1940er Jahre geradezu ein „Auffangbecken” für NS-belastete Ärzte. Zu diesem Schluss kommt ein Forschungsprojekt an der RWTH, dessen Ergebnisse nun vollständig öffentlich gemacht werden.

Diese Mediziner waren überzeugt von dem, was sie taten, hatten es zum Teil schon Jahre vor dem „Dritten Reich” selber gefordert: Männer, Frauen und Kinder an der Fortpflanzung zu hindern, die sie für „erbkrank” erklärten und denen sie eine Behinderung attestierten, die den „Volkskörper” schädigen würde: Schwachsinn, Blindheit, Taubheit, manisch-depressives Irresein, schwere körperliche Missbildungen.

Nach diesem weit ausdeutbaren Katalog ließ das 1934 in Kraft getretene Gesetz zur Verhütung erbranken Nachwuchses (GzVeN) Zwangssterilisationen zu; reichsweit wurde davon fast 400.000 Mal Gebrauch gemacht. In jeder Stadt wurden bestimmte Ärzte an Kliniken ausdrücklich ermächtigt. In Aachen waren das, neben anderen, die Chefchirurgen Max Krabbel an den Städtischen Krankenanstalten und Eduard Borchers am Luisenhospital.

Krabbel nahm die allermeisten Zwangseingriffe in Aachen überhaupt vor, überzeugt, dass „die Menschheit davor geschützt werden muss, dass unheilbar Kranke die Möglichkeit zur Fortpflanzung finden und damit unberechenbares Elend heraufbeschwören”. Borchers hingegen soll nur wenige Eingriffe gemacht haben und entwickelte nach dem Krieg eine Methode zur Wiederherstellung der Fruchtbarkeit bei Männern.

Das eigentlich Erstaunliche, das die Aachener Medizinhistoriker in fast zwei Jahren Arbeit zutage gefördert haben, ist aber, wie bereitwillig die Stadtverwaltung nach 1945 Mediziner-Koryphäen nach Aachen holte, die wegen ihrer NS-Belastung an Universitätskliniken keine Chance mehr hatten.

Hierzu gehörte allen voran der Pathologe Martin Staemmler, der bekannteste NS-Rassenhygieniker überhaupt. Solche Berufungspolitik legte „zweifellos den Grundstein” für das - 1966 gegründete - Aachener Uniklinikum. Auch zu dessen Gründungsordinarien gehörten noch reihenweise ehemalige NSDAP-Mitglieder.

„Bis in 1990er Jahre herrschte eine Kultur des Verdrängens”, so Professor Dominik Groß im Interview mit dieser Zeitung. Groß ist Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, an dem das Forschungsprojekt „Leitende Klinikärzte und ihre Rolle im Dritten Reich” durchgeführt wurde. Die wesentlichen Ergebnisse der Arbeit und Auszüge aus den Biografien stellen wir in dieser Ausgabe vor.
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