Aachen - Aachen und das Internet, die Webcon und die Mettbrötchen

Aachen und das Internet, die Webcon und die Mettbrötchen

Von: Marc Heckert
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Hat noch gute Erinnerungen an die Anfänge des Internets: der Online-Marketingspezialist Michael Keukert. Foto: Marc Heckert

Aachen. Ist Aachen ein digitales Provinznest? Und wie kann ein kleiner Ladenbetreiber in Zeiten von Amazon & Co im Internet Geld machen? Im AZ-Interview spricht Michael Keukert, Teamleiter Onlinemarketing bei der Aachener E-Commerce-Agentur Aixhibit, über gestrickte Minion-Figuren, Extremismus im Netz, die Zeit, als das Internet noch Schwarz-Grün war - und über Mettbrötchen.

Das hackfleischbelegte Backwerk ist die traditionelle Kult-Verköstigung auf der jährlichen Aachener Internetmesse Webcon. Die von der Agentur in diesem Jahr zum vierten Mal angesetzte Veranstaltung hätte eigentlich am Samstag stattfinden sollen. Sie musste aber kurzfristig abgesagt werden, weil der Veranstaltungsort die Räume irrtümlich doppelt vergeben hatte.

Die Aachener Webcon ist ja bekannt als der einzige Kongress in Deutschland, auf dem sich die Teilnehmer in der zweiten Tageshälfte beim Pausengespräch nicht mehr die Gesichter zudrehen. Was machen Sie denn jetzt mit all den vorbereiteten Mettbrötchen?

Keukert: Ich fange erstmal mit einem Geständnis an: Ich mag gar keine Mettbrötchen. Ich weiß auch gar nicht mehr, wer mal der Urheber dieser Idee war. Ich weiß aber, dass beim Zusammenkommen von Menschen in der digitalen Szene oft Mettbrötchen im Spiel sind. Es ist eine liebgewonnene Tradition, die seit vielen Jahren lebt. Und eins esse ich dann auch immer. Nachdem wir die Veranstaltung sozusagen auf der Zielgeraden absagen mussten, gibt es heute für die angemeldeten Teilnehmer zumindest die Mettbrötchen als Trostpflaster bei uns in der Agentur.

Die Aachener Internetszene ist ja ohnehin ganz gerne unter sich, oder? Sie merken: Das ist eine verdeckte Frage, ob wir onlinemäßig ein Dorf sind.

Keukert: Sehr gute Frage... es gibt Städte wie Berlin, Hamburg oder Köln, die eine sehr ausgeprägte Internetszene haben. Da setzen Sie sich in kein Café, ohne von einer Flut von MacBooks erschlagen zu werden. Auch wenn Lehrstühle an der RWTH über ihr Fachgebiet hinaus überregional mit Projekten Anziehungskraft ausüben, Stichwort: FabLab, haben wir so eine übergreifende Szene in Aachen leider nicht. Deshalb haben mein Chef Tobias Kollewe und ich vor vier Jahren die Webcon ins Leben gerufen, um den Menschen hier eine Bühne zu geben, auf der man sich kennenlernen kann.

Fallen Ihnen denn auf Anhieb bekannte Internetprojekte „made in Kaiserstadt“ ein?

Keukert: Das Projekt „Rudi rockt“ zum Beispiel ist so eines, bei dem viele Leute gar nicht mehr wissen, dass es aus Aachen kommt. Und dass der Gründer von Youporn [Fabian Thylmann, d. Red.] auch aus Aachen kommt, das wissen auch nur die Wenigsten...

Ähm, „Rudi rockt“, das war doch diese Koch-Sache, oder?

Keukert: Ja, man bewirbt sich zu zweit, um einen Gang eines mehrgängigen Abendessens zu kochen. Abends klingeln dann vier wildfremde Personen an der Tür, die man idealerweise noch nie vorher gesehen hat. Nach jedem Gang wechselt man zum nächsten Gastgeber, am Ende gibt es eine große Party. Die Idee ist, neue Leute kennenzulernen und neue Speisen.

Haben Sie so etwas wie ein digitales Lieblingsprojekt aus Aachen?

Keukert: Hm, da fällt mir spontan eines ein, das wir selbst realisiert haben: die Seite Stricken.de, eines der größten deutschsprachigen Portale rund ums Stricken. Das ist eine sehr dankbare Aufgabe, weil das – zu 95 Prozent aus Frauen bestehende – Publikum einfach toll und wunderbar kreativ ist. Das ist eine sehr lustige, liebe Szene. Da werden zum Beispiel Figuren aus PC-Spielen und Filmen nachgestrickt, wie die Minions oder die Angry Birds.

Okay, überzeugt. Wir sind also kein Dorf. Außer, man will bei uns gleichzeitig lokal und digital shoppen.

Keukert: Ganz spannendes Thema: Einzelhandel und E-Commerce! Das wird ja oft als totaler Gegensatz gesehen. Es gibt aber Experimente wie die Online City Wuppertal, die versucht, beide Welten zu verbinden. Dort hat der lokale Einzelhandel 2014 eine Plattform zur Verfügung gestellt bekommen, auf der Waren verkauft werden können, ohne dass vorher groß investiert werden muss. Mittlerweile mehren sich allerdings die Stimmen, dass das Projekt nicht den erhofften Erfolg hat.

Gibt es auch Positivbeispiele hier?

Keukert: Ja, es gibt schon viele lokale Händler, die digital unterwegs sind. Die Mayersche etwa oder der Möbel-Händler Baum&Krone mit mehreren Onlineshops. Es gibt aber interessanterweise auch den anderen Weg: Onlinehändler, die Ladenlokale eröffnen. Zum Beispiel MyMuesli mit der Filiale im Aquis Plaza.

Als Kunde im Einzelhandel hat man ja manchmal das Gefühl, der eine oder andere Geschäftsbetreiber versucht, dieses kurzfristige Modephänomen „Internet“ einfach zu ignorieren, bis es von selbst wieder weggeht.

Keukert: Für Manche gilt das bestimmt. Aber der Onlinehandel wird nicht weggehen. Auch wenn es ihm in Deutschland durch Gesetze zum Teil sehr schwierig gemacht wird. Ich kann ja verstehen, dass man als Geschäftsbetreiber davor Angst hat. Aber Angst war noch nie ein guter Ratgeber bei geschäftlichen Entscheidungen. Wer früh dabei ist, offen ist, Chancen ergreift und vielleicht auch ein Risiko eingeht, steht besser da als jemand, der die Augen zumacht.

Was heißt das konkret?

Keukert: Nehmen wir zum Beispiel eine große Kaufhauskette. Die schaut natürlich, was Zalando tut. Sie legen aber in ihren eigenen Filialen Flyer aus, die auf ihren Onlineshop aufmerksam machen. Mit der Möglichkeit, außerhalb der Ladenöffnungszeiten einzukaufen oder sich Produkte zum Abholen in die Filiale liefern zu lassen.

Einen Onlineshop muss man sich erstmal leisten können. Wenn Ihnen ein Geschäftsbetreiber sagt: „Gegen Amazon habe ich doch sowieso keine Chance, da stecke ich das Geld für eine Webseite lieber in ein neues Beleuchtungskonzept für meinen Laden“ - was antworten Sie?

Keukert: Gegen Amazon hat er vielleicht wirklich keine Chance. Aber mit Amazon. Ein viel diskutierter Begriff im Moment ist „Multichannel“. Das bedeutet, man bietet seine Produkte im Ladenlokal an, auf der eigenen Webseite und bei Amazon. Ich kann kaum jemandem empfehlen, der im Internet verkauft, Amazon nicht zu nutzen. Die Umsatzzahlen dort erreichen im Multichannel-Vertrieb nicht selten 80 Prozent.

Aber hilft das einem kleinen althergebrachten Öcher Familienunternehmen? Den Kampf um den niedrigsten Preis verliert man doch ohnehin, und im Internet gibt es bekanntlich keine Beratung, mit der man sich abheben könnte.

Keukert: Der Kampf um den Preis ist immer schwierig. Man sollte aber nicht den Anspruch haben, der Billigste, sondern der Beste zu sein. Abheben kann man sich zum Beispiel durch Produktdarstellung und Hintergrundinformationen, Kundenservice, Liefergeschwindigkeit und Beratung – ja, auch telefonische Beratung, das ist im Onlinehandel eine Seltenheit! Bei Amazon gibt es das nicht.

Blicken wir mal nach vorn: Wird es in 20 Jahren überhaupt noch liebenswerte kleine Einzelhandelsgeschäft geben? Oder nur noch Outlet-Center und große Onlinehändler?

Keukert: Über diese Frage haben meine Kollegen in der Agentur und ich schon oft und leidenschaftlich gestritten. Ich glaube, dass es weiterhin Einzelhändler geben wird. Aber sie müssen sich anstrengen, müssen Servicebereiche ausbauen, insbesondere den der individuellen Fertigung auf Kundenwunsch. Ich denke, Individualität wird eines der Themen für die nächsten 30 bis 40 Jahre. Was die Städte angeht: Ich glaube, die Innenstädte werden zu Freizeitbereichen werden, mit kleinen Boutiquen für Kunst und Mode, Cafés, Restaurants, Galerien und Experimentalküchen. Daneben werden wir viele Outlet-Center haben. Die Kaufhausketten werden sich noch umschauen, also die großen Sortimenter ohne Alleinstellungsmerkmal.

Vom geschäftlichen zum gesellschaftlichen Wandel. Nicht nur das Netz wandelt sich stark, Stichwort: Soziale Medien, auch die Gesellschaft wandelt sich durch das Netz. „Pegida“ wäre ohne Facebook nicht denkbar. Und seit der Flüchtlingskrise tobt der Krieg der Leserkommentare. Warum?

Keukert: Wir haben eine Offenheit im Netz, die es so noch nie gab. Das hat nicht nur Vorteile. Auch Meinungen, die auf kaum oder falschen Fakten basieren, und offene Manipulation kursieren jetzt frei. Das reicht bis zu Gewaltverherrlichung und extrem fremdenfeindlichen Äußerungen auf Facebook. Damit müssen wir als Gesellschaft umzugehen lernen, das ist eine Aufgabe für die nächsten Jahre: Dazu eine gelassene, erwachsene Haltung zu entwickeln. Grenzen da zu ziehen, wo sie gezogen werden müssen.

Ein Riss scheint durch die Informationsgesellschaft zu gehen – eine Gruppe hat sich abgenabelt, ruft „Lügenpresse“ und zieht ihre Wahrheiten aus anderen Quellen wie Hassblogs und wilden Verschwörungstheoretiker-Seiten. Wird sich das noch verschärfen?

Keukert: Die Fähigkeit, andere Meinungen zuzulassen, geht verloren, wenn man sich ausschließlich über das Internet informiert. Leute, die ihr Weltbild bestätigt sehen wollen, haben es im Netz viel leichter. Extremismus verbreitet sich digital viel einfacher für Leute, die dafür anfällig sind.

Werden wir uns daran „gewöhnen“? Und irgendwann wieder ein einig Volk von Kätzchenvideoguckern sein?

Keukert: Wir werden uns daran gewöhnen. Und das wird von den Jüngeren ausgehen, die ja bereits daran gewöhnt sind, mit solchen Phänomenen umzugehen. Nehmen Sie nur die Panik vor wilden Partyfotos auf Facebook vor einigen Jahren: Da hieß es, so etwas sei für junge Menschen der Karrierekiller Nummer Eins. Heute haben sie und auch die Personalchefs gelernt, dass so etwas als Etappe auf dem Weg zum Erwachsenwerden dazugehört.

Lassen Sie uns noch einmal nostalgisch werden. Können Sie sich noch an ihr erstes Mal im Internet erinnern? Auf der Datenautobahn im virtuellen Cyberspace, um mal alle Buzzwords der späten 90er zu bringen?

Keukert: Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. In meinem Fall war das aber schon zehn Jahre früher.

Jetzt übertreiben Sie aber. Damals gab es dieses Interdings doch noch gar nicht!

Keukert: Doch. Im Oktober 1989, es war in der Anfangszeit meines Studiums an der RWTH, sagten Kommilitonen eines Tages: Komm mal mit, die Informatiker haben da was Neues. Wir sind dann zum Lehrstuhl gepilgert und haben uns zum ersten Mal das Internet angeschaut. Das war damals allerdings noch Schwarz-Weiß. Oder Grün auf schwarzem Grund. Und bestand nur aus Schrift.

Und was gab es da zu sehen?

Keukert: Zum Beispiel Newsgroups, in denen man mit Studenten aus Kalifornien oder Australien chatten konnte. Da wurden etwa Quelltexte für Software getauscht. Alles war recht technisch. Einfache Spiele und E-Mail gab es aber auch schon.

Wenn Sie zurückschauen – welche digitale Entwicklung der letzten 20 Jahre hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?

Keukert: Die weltweite unmittelbare Verfügbarkeit jedes Kultur- und Wissensartikels zu haben, ob Bild, Lied, Gedicht, Video oder wissenschaftlicher Text.

Und auf welche noch nicht gemachte Erfindung in den nächsten 20 Jahren freuen Sie sich am meisten?

Keukert: Ich erwarte, dass Computer, Laptops und Smartphones verschwinden werden. Die Inhalte werden im Vordergrund stehen.

Zuletzt: Wird es eine fünfte Webcon geben?

Keukert: Im Moment müssen wir den Schock erstmal verdauen. Wir werden dann in den kommenden Wochen überlegen, wann, in welchem Format, und vor allem wo es etwas Neues in 2016 gibt. Es gibt schon erste Überlegungen. Sie werden‘s als Erste erfahren.

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