Aachen schickt den „Street Scooter” ins Rennen

Von: Berthold Strauch
Letzte Aktualisierung:
kreuz_bild_oben
Tiefgelegter Schwerpunkt: In den grünen Kisten des „auseinandergenommenen” Modells stecken Lithium-Ionen-Batterien. Damit kann ein Spitzentempo von 120 Kilometern pro Stunde erreicht werden - fast die Richtgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen. Foto: RWTH Aachen

Aachen. Das kleine blaue Ding sieht recht niedlich aus. Zwar ein bisschen zu groß geraten für Sohnemanns Matchbox-Gefährt. Doch auch er hätte seine helle Freude an diesem vermeintlichen „Spielzeug”. Irgendwie erinnert dessen äußere Hülle an die bekannten Smart-Flitzer. Aber weit gefehlt. Denn dieses kompakte Modell ist ein Stück Mobilität für die Zukunft - „made in Aachen”.

Die RWTH will gemeinsam mit den benachbarten Kollegen von der Fachhochschule ein vollkommen neues Auto erfinden und bauen lassen. Eines, das mit puristisch-sportlichem Design eigentlich nur noch bei der äußeren Form Ähnlichkeit mit herkömmlichen Fahrzeugen haben wird. Innendrin wird ein mit Strom betriebenes „Herz” schlagen - ein Elektromobil also. Auf einen wohlklingenden Namen ist dieses futuristische Fortbewegungsmittel schon „getauft” worden: Als „Street Scooter” soll der Wagen mit einem Bündel kreativer Ideen an Bord die Straßen der Region und weit darüber hinaus erobern.

Zwei Projektleiter

In nicht allzu ferner Zeit ist bereits die „Jungfernfahrt” geplant. Dabei möchte Achim Kampker selbst das Steuer fest in die Hand nehmen. Der gerade erst 33 Jahre alte Professor der Elite-Universität leitet am weltberühmten Werkzeugmaschinenlabor (WZL) den Lehrstuhl für Produktionsmanagement. Kampker bündelt in seinem Büro die geballte Kompetenz von insgesamt 16 exzellenten Hochschul-Instituten, die gemeinsam bei der Realisierung des höchst ehrgeizigen Projekts am selben Strang ziehen.

Weiterer Projektleiter ist Prof. Johannes Gartzen (61), Spezialist für Füge- und Trenntechnik sowie Lasertechnologie am Fachbereich Maschinenbau und Mechatronik der FH Aachen und „Motor” des Know-how-Transfers von der Hochschule in die regionale Wirtschaft. Sie stehen damit in der ersten Reihe bei dem mit neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen untermauerten Start in eine spektakuläre Form der Mobilität.

Grundversion für 5000 Euro

Wesentliche Eckpunkte für den Street Scooter sind bereits formuliert und zu Papier gebracht. So soll das Elektrofahrzeug in der Basisfunktion nach heutigen Erkenntnissen für den durchaus erschwinglichen Preis von nur 5000 Euro in die Show- und Verkaufsräume rollen - allerdings ohne die notwendigen Kraftpakete, die Batterien, und die Mehrwertsteuer. Der Street Scooter dürfte damit erhebliches Potenzial für den Massenmarkt haben. Abgesehen davon, dass diese Öko-Alternative den in absehbarer Zeit wieder kräftig steigenden Spritpreisen ein Schnippchen schlagen dürfte.

Die ersten zehn Prototypen sollen vielleicht schon im nächsten Jahr auf ihre Straßen- und Alltagstauglichkeit hin getestet werden, bevor die Serienproduktion startet. Die entsprechenden Fertigungsstätten sollen allerdings nicht in irgendwelche Billiglohnländer ausgelagert, sondern gleich um die Ecke, im gerade entstehenden Aachener Campus-Erweiterungsgelände der Hochschule, aus dem Boden gestampft werden.

Prof. Kampker und Prof. Gartzen machen in aller Entschiedenheit deutlich, dass sich die künftigen Street-Scooter-Fahrer keinesfalls auf eine abgespeckte Sparversion mit minimalen Komfort-Standards einstellen müssten, sondern ein attraktives Modell erwarten könnten, das ihnen „bei Zuverlässigkeit und Sicherheit keinerlei Abstriche” zumuten werde.

Wann die Großserienfertigung starten könnte, ist noch offen. Angestrebt wird für diesen entscheidenden Schritt das Jahr 2012. Bei den bisherigen Kalkulationen wird mit einer jährlichen Produktion von rund 100.000 Fahrzeugen gerechnet - allerdings natürlich noch nicht in der Startphase, sondern erst nach einer gewissen Anlaufphase am Markt.

Auf dem Hochschulgelände ist zunächst der Aufbau eines Demonstrationslabors vorgesehen, um für eine künftige Großserie ausreichend Erfahrungen sammeln zu können. Doch nicht allein die Aachener Forschungsexperten sind dabei mit im Rennen um den möglichst perfekten Autotypen. Denn eine ganz gewichtige Rolle in der Entwicklung und Fertigung sollen insbesondere - dem Fortschritt gegenüber aufgeschlossene - mittelständische Industriepartner möglichst aus der hiesigen Region und darüber hinaus spielen.

Dabei fällt sofort auf: Klassische Unternehmen aus dem Bereich der Automobilhersteller sucht man in dieser Aufzählung vergebens. Der Aachener Street Scooter kommt ohne die etablierten Marken aus, die noch überwiegend auf den Verbrennungsmotor setzen und das Elektrofahrzeug eher als Nischenprodukt betrachten. Er könnte denen aber durchaus in absehbarer Zeit gehörig das - geschäftliche - Wasser abgraben.

Das E-Mobil wird ganz anders als bislang üblich konzipiert. Das „Package”, der knappe Platz für den Antrieb, wird um die Batterie herum bestückt. Kerngedanke dieses Systems ist eine modulare Baukastenstruktur. Sie sorgt dafür, eine ganze Street-Scooter-Modellfamilie mit vielen gleichen, vorgefertigten Teilen mit größtmöglicher Sparsamkeit zu präsentieren. Dies umfasst sechs Varianten und reicht von einer Kompaktversion über ein Coup bis zum Cabrio und Pick-up mit Ladefläche. Für wirksame Kostenersparnis sorgt eine erhebliche Reduzierung der bislang verwendeten Bauteile. Ganz verzichten kann der Stromer natürlich auf Fahrzeugkomponenten wie Kraftstoffsystem, Abgasanlage, Getriebe und Verbrennungsmotor. Stattdessen kommen bei der Elektrifizierung des Antriebsstrangs neue elektrische Komponenten hinzu: Elektromotor, Batterie und Leistungselektronik.

Bevor nicht die Tinte unter den Verträgen trocken ist, müssen die Initiatoren des Smart-Scooter-Projekts ein wenig mit verdeckten Karten spielen, was das Mitmischen von Partnerunternehmen angeht: Namensnennungen sind vorerst weitgehend tabu. Nur diese Namen lassen Achim Kampker und Johannes Gartzen jetzt schon raus: das Laser-Bearbeitungs- und Beratungszentrum (LBBZ) in Geilenkirchen, Eibach-Dämpfersysteme aus dem sauerländischen Finnentrop, Waldraff Präzisionsteile und Formenbau aus Eschweiler - ein Anlagenbauer für die Produktion von Bremsbelägen, dazu ein Hersteller solcher Beläge aus Heinsberg-Oberbruch, Zentec Automotive aus Geilenkirchen - Verarbeitung von Kunststoff für Karosserieteile, außerdem der Batteriehersteller Gaia aus Nordhausen und PTC, ein Spezialist für Software für das Produktlebenszyklus-Management aus Düsseldorf. Weitere namhafte Firmen sind gleichfalls schon akquiriert.

Bis der Street Scooter losfährt, ist noch reichlich Ingenieurkunst vonnöten... Professor Kampker: „Wir müssen solche und noch viele andere Projekte voranbringen. Sonst ist die Vorgabe der Bundesregierung, dass bis zum Jahre 2020 eine Million Elektrofahrzeuge unterwegs sein sollen, nicht einzuhalten. Ich glaube, dass wir mit dem Street Scooter den Nerv der Zeit getroffen haben.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert