Aachen - Aachen schafft den Sprung in die Steinzeit

Aachen schafft den Sprung in die Steinzeit

Von: Heiner Hautermans
Letzte Aktualisierung:
Die Kanalarbeiten im Herzen de
Die Kanalarbeiten im Herzen der Stadt werden größtenteils unterirdisch vorgenommen. Doch schon die relativ kleinen Einstiegslöcher gaben viele wertvolle Fundstücke her, sagt Dr. Pavlovic. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Was für Laien aussieht wie eine unscheinbare Scherbe oder ein unbedeutendes Stück Feuerstein, versetzt Fachleute in Aufregung: Anhand kleiner und kleinster Fundstücke schauen sie weit in die Historie zurück - weiter als je zuvor.

Oberbürgermeister Marcel Philipp drückte es am Freitag im Ratssaal populärer aus: „Wann gab es die ersten Öcher?” Die richtige Antwort lautet nun: Vor 6500 Jahren, zur Jungsteinzeit.

Bei Kanalarbeiten in der Ritter-Chorus-Straße kamen nämlich 30 bis 40 Fundstücke ans Tageslicht, darunter die Reste eines Beils aus Feuerstein, ein Werkzeug zur Holzbearbeitung, eine Schnuröse eines Vorratsgefäßes, mehrere Keramik-Scherben eines möglicherweise etwa 50 bis 60 Zentimeter hohen Kugeltopfes sowie eine verzierte Keramikscherbe.

Dr. Markus Pavlovic, Stadtarchäologe und Steinzeit-Experte, datiert die Funde in die Zeit der sogenannten Rössener Kultur, in der sich das erste Mal dorfartige Strukturen bildeten und die Menschen begannen, Landwirtschaft und Viehzucht zu betreiben. Benannt ist sie nach dem Gräberfeld in Sachsen-Anhalt, wo zum ersten Mal Funde aus dieser Zeit gemacht wurden Da ähnliche Fundstücke an vier Stellen in der Innenstadt sichergestellt worden sind, gibt es laut OB inzwischen „sich sehr verdichtende Hinweise auf eine Besiedlung” in der Jungsteinzeit.

Keramikscherben waren etwa 1950 auf dem Klosterplatz entdeckt worden, ebenso 1991 bei Arbeiten im Quadrum des Doms, Steinartefakte bei der Verlegung einer Fernwärmeanlage vor Kurzem auf dem Katschhof. Zum großen Teil waren diese Funde bislang nicht katalogisiert und untersucht worden. Die relativ präzise Datierung (4625-4550 v. Chr.) können die Fachleute anhand der Herkunft und Art der Bearbeitung vornehmen, zum Beispiel wie auf einen Stein draufgeschlagen wurde.

Hausgrundrisse, etwa anhand der Erdverfärbung durch Pfosten, sind bislang zwar noch nicht entdeckt worden, aber die „Vielzahl der Ausgrabungen sowie deren breites Spektrum sprechen gegen reine Zufallsfunde.” Es handele sich auch nicht um einen Bestattungsplatz, so Pavlovic. „Es ist auch kein Baumaterial”, ergänzt Dr. Joachim Meffert von Goldschmidt Archäologie in Düren, der die Baumaßnahme wissenschaftlich begleitet: „Hier hat man offenbar ganz gezielt versucht, ein Beil herzustellen.”

Nicht nur vom Lousberg stammt der Stein für das Werkzeug, sondern auch vom Schneeberg und aus Rullen, einem Ort bei Aubel in Belgien, sagte Meffert. Pavlovic: „Es sieht sehr nach einer Siedlung aus.” Die Arbeitsmittel hätten nicht nur eine praktische, sondern auch eine soziale Funktion erfüllt. Siedlungen in der damaligen Zeit bestanden aus drei bis sechs etwa 20 bis 30 Meter langen, manchmal trapezartigen Holzhäusern mit Flechtwerk, manche bis zu 300 Quadratmeter groß und innen unterteilt, also vermutlich von mehreren Kleingruppen genutzt. „Wie viele Menschen in einer solchen Dorfgemeinschaft lebten, ist in der Wissenschaft umstritten”, erläuterte der Archäologe im Rathaus.

OB Philipp bezeichnete die Archäologie als einen „großen Schatz, der unter unseren Füßen liegt und darauf wartet, geborgen zu werden.” Allerdings müsse man sich für weitere Forschungen an der Notwendigkeit der Baustellen orientieren, Entdeckungen hätten daher etwas „Zufälliges”.

Eindeutige Nachweise einer Siedlung konnte man bislang nur bis in die Römerzeit erbringen, die aktuellen Funde sind daher der älteste Beleg für eine Besiedlung Aachens. Vermutungen reichten bis ins Jahr 3000 vor Christus zurück, ein Schlagplatz mit Feuerstein vom Lousberg war beispielsweise ebenfalls im Elisengarten entdeckt worden. Allerdings ließ sich daraus noch keine steinzeitliche Ansiedlung, wie sie offenkundig einmal nahe dem Katschhof existiert hat, ableiten.

Damit habe die Wissenschaft nun einen Einblick in die bisher wenig erforschte Prähistorie, meint Dr. Pavlovic: „Aachen ist nicht mehr Terra incognita.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert