Aachen - Aachen-Brüssel: Im Schneckentempo zur Hochgeschwindigkeits-Strecke

Aachen-Brüssel: Im Schneckentempo zur Hochgeschwindigkeits-Strecke

Von: Mischa Wyboris
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Der internationale Hochgeschwindigkeitszug Thalys hat im Geschäftsjahr 2010 seinen Umsatz um 13,1 Prozent auf 432 Millionen Euro gesteigert. Foto: Thalys

Aachen. Seit 2007 ist die neue Hochgeschwindigkeitsroute zwischen Lüttich und Walhorn an der deutsch-belgischen Grenze fertiggestellt - der Zugverkehr bleibt auf der Strecke. Das allerdings nicht in dem Sinne, wie es sich Bahnreisende zwischen Aachen und Lüttich wünschen würden.

Auf dem 36 Kilometer langen 830-Millionen-Euro-Projekt des belgischen Schienennetzbetreibers Infrabel finden - nach wie vor - nur Testfahrten statt.

Dabei hätte man die Strecke gut ein Jahr früher in Betrieb nehmen können, sagt Professor Ekkehard Wendler, Leiter des verkehrswissenschaftlichen Instituts und Inhaber des Lehrstuhls für Schienenbahnwesen und Verkehrswirtschaft der RWTH Aachen.

Er nennt die Verzögerung beim Namen: „ETCS-2”, das nach einem EU-Beschluss auf allen neuen Hochgeschwindigkeitsstrecken vorgeschriebene und europaweit einheitlich angestrebte Zugverkehrsleitsystem.

Abnahme verschoben

Tatsächlich hätte die neue Verbindung zwischen Walhorn und Chènée (Lüttich) schon Ende letzten Jahres freigegeben werden sollen, bestätigt Infrabel-Sprecher Frédéric Petit.

Doch dann wurde die Abnahme auf Mitte 2009 verschoben, und bis neben den ab diesem Monat endlich auf die Gleise gehenden ICE-Zügen auch Thalys-Züge ins Rollen kommen, dauert es ein weiteres halbes Jahr. „Die Planung eines solch großen Projekts ist immer ein komplexes Unterfangen”, erklärt Petit für den Streckenbetreiber.

„Die Verzögerung hat aber auch damit zu tun, dass die Züge mit ETCS-2-Computern ausgerüstet werden müssen, die mit dem Sicherheitssystem auf der Infrabel-Strecke kompatibel sind.”

Im Vergleich zwischen ICE und Thalys haben dabei die Wagen der Deutschen Bahn die Nase vorn: Die ICE-Züge, die von Frankfurt aus über Lüttich nach Brüssel fahren, haben das System bereits installiert, absolvieren derzeit letzte Testfahrten und sollen ab Juni die neue Strecke nutzen, bestätigt Bahnsprecher Andreas Fuhrmann.

Die Thalys-Züge, die Reisende von Köln über Aachen, Lüttich und Brüssel nach Paris befördern, haben ihre Tests zwar auch begonnen, fahren aber sprichwörtlich hinterher: Sie gehen erst ab Dezember auf die Strecke.

„Bislang hat jedes Land sein eigenes Süppchen gekocht”, erklärt Andreas Leisdon, Pressesprecher von Thalys in Deutschland, dass die roten Züge sieben unterschiedliche Signalisierungssysteme für die Sicherheit an Bord haben, die nun um die neue ETCS-2-Einheit erweitert werden müssen.

„Wir testen momentan, wie die Technik mit den bereits bestehenden Systemen zusammenarbeitet, und können keine Abstriche machen, wenn es um die Sicherheit geht”, erklärt Leisdon das lange Prozedere.

Für Wendler ist das aber noch nicht alles: Er vermutet zudem finanzielle Gründe für die Verzögerung. „Der ETCS-2-Standard setzt sich leider nur mühsam durch”, erklärt der Dekan.

„Derzeit sind verschiedene Versionen im Einsatz, die untereinander nicht vollständig kompatibel sind, und da die Umrüstung von einer Version zur nächsten teuer ist, versuchen die Eisenbahnunternehmen natürlich, die Anzahl der Versionswechsel gering zu halten.”

Die Brüsseler Betreibergesellschaft der französischen Thalys-Züge habe möglicherweise noch die nächste ETCS-Version abwarten wollen.

Die steht zwar in den Startlöchern, ist jedoch nicht so schnell wie geplant in Serie gegangen. „Dieses Abwarten bringt dann aber die Projektzeitpläne durcheinander”, sagt Wendler. Leisdon konnte diese These allerdings nicht bestätigen.

So oder so: Wer künftig nicht mehr in 47, sondern in 21 Minuten mit dem Thalys von Aachen nach Lüttich reisen will, muss sich weiterhin gedulden - und darf sich im Dezember nicht wundern, wenn sein Zug dann nicht mal ansatzweise 300 Stundenkilometer erreicht: „Theoretisch ist diese Höchstgeschwindigkeit zwar möglich, wegen des kurzen Streckenabschnitts von weniger als 40 Kilometern reicht die Zeit allerdings nur für eine Beschleunigung auf 260 Stundenkilometer”, rechnet Leisdon vor.
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