„Aachen 2025“: Mehr Vernetzung in den eigenen vier Wänden

Von: Annika Kasties
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Aachen 2025

Aachen/Kelmis. Für Maria Diederich liegt die Lösung auf der Hand: Nicht etwa Putzpläne oder langatmige Diskussionen am Küchentisch werden in Zukunft viele Konflikte in Wohngemeinschaften lösen. Sondern der Einzug der Digitalisierung in die Studentenbude, genauer gesagt in die Gemeinschaftsküche.

Die 20-jährige Studentin kennt das Szenario nur zu gut: Man bereitet vor der Vorlesung noch schnell sein Frühstück zu – und der Erdbeerjoghurt, mit dem man sein Müsli genießen wollte, ist weg. Verputzt vom gierigen Mitbewohner. Schon wieder. Wenn es nach Diederich und ihren Kommilitonen an der FH Aachen ginge, könnte das bald der Vergangenheit angehören. Dann nämlich, wenn der Kühlschrank nicht nur weiß, welche Nahrungsmittel sich in ihm befinden, sondern auch, wem sie gehören. Und im Falle des unrechtmäßig entwendeten Joghurts eine Warnung ausgibt – die nur noch befolgt werden muss.

Diederich ist eine von 15 Studenten des Studiengangs Communication and Multimedia Design, die im Rahmen ihres Multimediaprojekts das Konzept einer „Küche der Zukunft“ entwickeln. Ihre Vision: Alle Produkte im Kühlschrank werden mit Hilfe von RFID-Tags – eine Technologie, mit der Objekte automatisch und berührungslos mit Radiowellen identifiziert und lokalisiert werden können – erkannt und optional einem Besitzer zugeordnet. Der Kühlschrank ist so in der Lage, Rezeptvorschläge zu machen oder darauf hinzuweisen, dass beispielsweise die Milch in wenigen Tagen abläuft.

Küchengeräte mit Touchscreen

Weit entfernt sind die Studenten von dieser Vision nicht. Schon jetzt finden intelligente Geräte zunehmend Einzug in den Wohnbereich. Während smarte Kühlschranke bislang selten sind, gehören Küchenmaschinen, die mit Touchscreen und digitalen Rezeptbüchern ausgestattet sind, in immer mehr deutschen Haushalten zum Hauptinventar.

„Insellösungen“, nennt Martin Wolf diese Innovationen. Das Wohnen der Zukunft beruhe jedoch auf Vernetzung. Da immer mehr Informationen aus der analogen in die digitale Welt übertragen werden, lassen sie sich verknüpfen. Nach Ansicht des Professors für IT Management an der FH Aachen sei es möglich, dass der Kühlschrank einen im Jahr 2025 über das Smartphone in dem Moment daran erinnert, Milch zu kaufen, wenn man sowieso an einem Supermarkt vorbeifährt – und sich sogleich der Weinkeller anschließt und das nahende Ende des Alkoholvorrats meldet.

Ganz schön praktisch – aber auch nicht frei von ethischen Fragen. „Natürlich ist die Technik der Zukunft nicht perfekt und birgt Risiken, insbesondere was den Datenschutz angeht“, betont Wolf. „Wichtig ist, wie man damit umgeht. Lässt man sich von der Technik beherrschen oder versucht man, sie aktiv zu beeinflussen? Darüber wird man in Zukunft diskutieren müssen.“

Sprechende Kühlschränke gibt es bei Oliver Ringelstein in Kelmis noch nicht. Dafür aber Bier aus Regenwasser. Wenn der Geschäftsführer der Aachener Firma Intewa seinen Feierabend mit einem Bier ausklingen lässt, erhält die Bezeichnung „umweltfreundlich durch regionale Herstellung“ eine ganz neue Bedeutung. Die Marke, die er dieser Tage besonders gerne an den Mann bringt, wird nicht nur ortsnah in einer Brauerei im belgischen Hombourg gebraut. Das Wasser, aus dem es besteht, ist auch noch frisch „abgezapft“ von der hauseigenen Zisterne.

Wer einen Blick in die Zukunft der autarken Wasserversorgung erhaschen will, ist im Wohnhaus des Diplom-Ingenieurs in Kelmis an der richtigen Adresse. Seit 22 Jahren widmet er sich mit seinem Unternehmen der Regenwassertechnik. Wasserkästen schleppt Ringelstein schon lange nicht mehr. Seine Familie trinkt fast ausschließlich recyceltes Regenwasser. Die Technik dahinter befindet sich unter der Erde. Im Keller von Ringelsteins Haus stehen drei graue Plastikbehälter, die an überdimensionierte Mülleimer erinnern. Hier wird das Regenwasser gefiltert und gespeichert. Mit einer Trinkwasser- und einer Grauwasseranlage deckt die vierköpfige Familie fast 100 Prozent ihres Wasserverbrauchs ab.

Auch wenn Ringelstein seinen Gästen gerne die Regenwassertechnik vorführt, den Gang in den Keller kann er sich in der Regel sparen. Um zu sehen, wie viel Liter Wasser gespeichert sind, reicht ein Blick aufs Smartphone. Sensoren messen den Füllstand in den Wassertanks. Einzusehen sind diese Informationen online auf einer entsprechenden Plattform, erklärt Ringelstein und zückt zur Demonstration sein Handy aus der Hosentasche. „Das muss natürlich noch benutzerfreundlicher werden“, räumt er angesichts der kruden Optik ein. Das System befindet sich noch in den Kinderschuhen.

Das Potenzial, das die Digitalisierung auch für die Wasserversorgung von Haushalten biete, sei enorm. So könnten Nutzer digital erfasste Daten über ein zentrales, webbasiertes Datensystem rund um die Uhr einsehen, Parameter vergleichen und auf Veränderungen reagieren. Schon jetzt messen Sensoren neben Füllstand und Verbrauch auch den Trübungsgrad des Wassers. Eine Herausforderung der Zukunft sei es, Sensoren zu entwickeln, die zuverlässig die Wasserqualität erfassen können, glaubt der Diplom-Ingenieur. Bislang können Bakterien nur im Labor nachgewiesen werden.

Wasserlieferant für den Nachbarn

Zentraler ist laut Ringelstein jedoch die Möglichkeit der Vernetzung. So könnten schon in einem Jahrzehnt Regenwasserhäuser über das bestehende Leitungssystem miteinander verbunden werden. Eine Überproduktion in einem Haus könne dann den Bedarf in einem anderen Haus decken. „Jeder Besitzer einer großen Dachfläche mit viel Regenwasserertrag wird so zum Lieferanten für seinen Nachbarn“, erklärt Ringelstein. Ein komplexes Abrechnungsmodell – basierend auf digitalen Daten – macht es möglich.

Die Vernetzung von Wohneinheiten zu lokal begrenzten Clustern spielt auch zwölf Kilometer von Kelmis entfernt eine wichtige Rolle. Am Aachener Standort des IT-Dienstleisters QSC beschäftigen sich Ulrich Hacker und Mirja Keßler von der Abteilung Forschung und Entwicklung damit, wie die Verarbeitung von Daten für einen effizienten Umgang mit Ressourcen sorgen kann, ohne dass Komfort eingebüßt wird.

Eine witzige Spielerei für Hightech-Fans sei der Einzug der Digitalisierung in den Wohnbereich nicht, betont Hacker. Der Elektro-Ingenieur sieht zwar durchaus die praktischen Vorzüge eines Kühlschrankes, der vor verdorbener Milch warnt. Sein Anliegen ist jedoch globaler Natur: „Wir wollen die Ziele der Energiewende unterstützen.“ Die Vision: Energie wird lokal erzeugt und lokal verbraucht. Statt einiger weniger konventioneller Energiekraftwerke – Atomkraft und Kohle – werde es in Zukunft Hunderttausende kleine Kraftwerke geben, nämlich durch Solar- und Windenergie.

Genau wie Oliver Ringelstein setzen Keßler und Hacker auf einen effizienten Austausch von Ressourcen. „Es ist wichtiger, dass sich die Kühltruhe nachts automatisiert für einige Stunden abschalten kann, als dass sie sieht, dass der Lachs bald verbraucht ist“, betont Keßler. Eine Kühltruhe, die zwei, drei Stunden lang ohne Strom auskommen muss, lasse noch keine Nahrungsmittel verderben. Doch die Energie könne an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt werden, zum Beispiel, um das Elektroauto des Nachbarn aufzuladen.

Voraussetzung für diese vernetzte Energienutzung sei ein automatisiertes System, das intelligent mitdenkt, und zwar basierend auf der individuellen Routine der Bewohner. Keßler beschreibt die Vision folgendermaßen: „Wenn ich nach Feierabend das Büro verlasse, erkennt das System, dass ich nach Hause fahre und heizt automatisch die Wohnung auf.“ Es sei denn, der Weg führe Richtung Tivoli, wo Alemannia Aachen gegen Rot-Weiss Essen spiele. „Das System weiß, wie lange das Spiel dauert. Die Daten hat es aus dem Internet. Und es weiß, dass ich mir in der Regel im Stadion eine Bratwurst kaufe – und die Küche zu Hause nicht mehr nutzen werde.“ Das Besondere: Das System lernt und steuert den Haushalt unter energieeffizienten Gesichtspunkten, und zwar ohne dass der Verbraucher einen Finger auf dem Smartphone rühren muss.

Die entsprechenden Geodaten trage jeder bei sich – auf seinem Smartphone. „Die Daten sind bereits da. Neu wäre ihre intelligente Verknüpfung mit dem Heizsystem und der Energieversorgung“, sagt Keßler.

Für sie ist klar: „Wenn jeder in einem Stadtviertel dieses System nutzt, dann bleibt keine Heizung und kein Licht ungenutzt an.“ So könne man mit Hilfe von Digitalisierung, Automatisierung und Datenverarbeitung Erleichterung bieten, nicht nur für den Menschen, sondern auch für die Netze.

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