„800 Jahre Karlsschrein“: Auf dem Pferdewagen in der Prozession

Von: Sabine Rother
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Gestern im Dom: Tausende haben bereits den Karlsschrein besichtigt. Beim Festgottesdienst mit karolingischen und gregorianischen Gesängen der Choralschola des Domchors stellt auch Weihbischof Johannes Bündgens den Schrein in den Mittelpunkt seiner Predigt. Foto: Andreas Steindl
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Dompropst Manfred von Holtum und seine Gäste (von li.): Professor Max Kerner, Herta Lepie und Professor Dieter Wynands in der Domsingschule. Foto: Andreas Steindl
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Seltenes Bild: Unter Aufsicht von Silberschmiedemeister Lothar Schmitt (links mit der Krone) wird die Karlsbüste in den Dom getragen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Knapp 90 sehr besondere Minuten im Aachener Dom: Karl der Große blickt auf seinen goldglänzenden Schrein, während die staunende Menge den Sonntags-Festgottesdienst feiert. Zunächst war es geplant, während der Festtage „800 Jahre Karlsschrein“ die berühmte Karlsbüste in die leere Schrein-Vitrine im Chorraum zu stellen.

 „Das haben wir aus konservatorischen Gründen nicht gewagt, schon leichte Temperaturschwankungen schaden dem empfindlichen Kunstwerk“, erklärt der Silberschmiedemeister Lothar Schmitt. Wenige Minuten zuvor: In der Domschatzkammer ziehen sich alle die feinen Baumwollhandschuhe an, Manfred Molls und Heinz Mols vom Ehrendienst sind dabei, um das etwa 25 Kilo schwere Objekt zu tragen, Schmitt nimmt die Krone. Es ist kurz vor 10 Uhr.

„Wir haben alle Zeit der Welt“, beruhigt er die Helfer, denen langsam heiß wird. Was ist bei der Büste so empfindlich? „Es sind die blauen Emaille-Flächen am Sockel, die bei der geringsten Temperaturveränderung Risse bekommen und abplatzen können“, sagt der Experte. Ein Podest auf der linken Seite des Oktogons ist vorbereitet. Alles geht gut. Die Ehrendienstler bleiben als Karls Bodyguards in der Nähe des „sprechenden Reliquiars“, das 1349 geschaffen wurde und die Schädeldecke des Franken enthält.

Zeugnis des Glaubens

Der Gottesdienst kann beginnen, und in seiner Predigt blickt Weihbischof Johannes Bündgens mit guten Gedanken auf den Schrein. „Wie ein Meteorit aus

einer fremden Galaxie platzt er in unsere Gegenwart 2015“, spricht er aus, was so mancher denkt, und er mahnt: „Der Schrein ist nicht nur Denkmal der Geschichte, sondern auch Zeugnis des Glaubens.“

Eine Aussage, die zum wissenschaftlich-theologischen Samstag passt, der – etwas karg als „Vortragsreihe“ angekündigt – von Anfang an ein facettenreiches Spek-trum bietet, während sich im Dom die Besucher drängen. Die 200 Plätze der Domsingschule sind von morgens bis nachmittags besetzt. In den Pausen lässt Gastronom und Dom-Freund Hans Holland zur Stärkung Tomatensuppe, Ciabatta mit Tomaten und Käse, Wraps mit Rucola und Fruchtspießchen reichen. Es erwartet die Zuhörer ein rasanter Flug durch die Geschichte, zu den Leistungen konservatorischer Arbeit, und sogar ein Theologe ist dabei, der sich mit Karls nicht unumstrittener Heiligkeit auskennt.

Wie war das mit Friedrich II., der laut Urkundenbericht am Montag vor 800 Jahren zum Hammer griff und sich am Verschließen des Schreins öffentlichkeitswirksam beteiligte?

„Es war taktisch sehr geschickt von ihm, an diesem Ort zu verkünden, dass er zu einem Kreuzzug ins Heilige Land aufbrechen würde”, betont Professor Max Kerner, der an diesem Morgen sein Publikum zu „Friedrich II. als Kreuzfahrer“ mitnimmt. Er erzählt von der bewegten Zeit zwischen Schrein-Auf-stellung 1215 und dem Frieden von Jaffa 1229, der zwar heilige Stätten in Jerusalem wieder für Christen und Muslime öffnete, aber von den jeweiligen Regierenden als skandalös liberal angefeindet wurde. Friedrich II. als weltoffener, der orientalischen Kultur und dem Islam tolerant begegnender Herrscher? Ein Unding.

Sultan Muhamad al-Kamil musste sich in seinen Kreisen ganz ähnliche Vorwürfe anhören. Und Papst Gregor IX. war auf Friedrich ohnehin nicht gut zu sprechen: Zunächst verzögert der Kaiser den Aufbruch zum Kreuzzug und dann verhandelt er auch noch, statt möglichst viele „Ungläubige“ zu erschlagen. „Politische Dimension und Religion sind eben eng miteinander verbunden“, betont der Historiker. Und die politische Kraft sieht man dem „Festtagsgegenstand“ an. „Der erste Schrein in rheinisch-maasländischer Tradition, den statt Apostel Kaiser und Könige schmücken”, stellt Kunsthistorikerin Herta Lepie fest, die bis 2003 Leiterin der Abteilung Goldschmiedekunst am Dom war.

Die „Nagelloch-Forschung“

Mit einem Schauder erzählt sie, wie noch 1925 Marien- und Karlsschrein bei Prozessionen per Pferdekarren mitgeführt wurden. Es gibt sogar Fotos. Fielen Teile herab, wurden sie vom Domschatzmeister eingesammelt, und manchmal vermutlich nicht mehr an den rechten Ort rückmontiert. Die Bögen mit den Inschriften, unter denen die Figuren wie unter Arkaden sitzen, wurden niemals verschoben, das beweisen die Nagel-Löcher. „Wir waren quasi ein Komitee für die internationale Nagelloch-Forschung“, erzählt sie. „Figuren haben ihre Plätze gewechselt, das lässt sich damit relativ sicher sagen.” Die enormen Schäden am Schrein wurden zwar beseitigt, aber die Stellen blieben kenntlich – Kernforderung der Konservierung, die spannende Details bietet. So berichtet Herta Lepie, wie die schwere Füllmasse aus Wachs und Ziegelmehl so manchem Fürsten zum Verhängnis wurde, weil sie das hauchdünne Metall ausbeulte.

„Otto II. wirkte stets melancholisch, weil er den Kopf hängen ließ. Nach der Konservierung war das nicht mehr so.“ Die neue Masse enthält gleichfalls Wachs sowie mit Luft gefüllte Glaskügelchen.

Als die Gebeine Karls des Großen 1988 in den Schrein zurückkehrten, war auch Herta Lepie vor Ort. „Dieser 13. Oktober 1988 ist allerdings kein Datum für ein neues Hochfest geworden, obwohl die Gelegenheit dazu bestand“, wirft Professor Dieter Wynands, Leiter des Bischöflichen Diözesanarchivs, einen Blick auf die Frage der Heiligkeit des Franken.

„Karl der Große als Heiliger ist ein Anachronismus”, ist das Fazit seiner Forschungen, bei denen Wynands den Zuhörern die Gelegenheit gibt, die kirchliche Fragestellung zu bedenken, wo schon die „Katholische Hauspostille“ im 19. Jahrhundert meldet: „Von Karl dem Großen als Heiligen zu sprechen, findet nicht allgemeine Zustimmung“, zumal der Herrscher durchaus auch „die Züge wild tobender Kräfte eines Naturmenschen“ trage. Humorvoll denkt Wynands laut nach – ob etwa die auf Aachen begrenzte Heiligenverehrung für neue Eingemeindungen gelte?

Die Heiligsprechung ein politischer Schachzug? „In einer Zeit, als weltliche und geistliche Macht im Abendland um den Vorrang kämpften, ganz sicher“, sagt der Theologe.

Ein Kuriosum: Bis heute wird im Frankfurter Dom am 28. Januar im Gedenken an den Todestag des Franken ein groß gestaltetes „Karls­amt“ mit prominenter Geistlichkeit gefeiert.

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