32,24 Zentimeter sind das Maß des Domes

Von: Christina Diels
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Das Maß aller Dinge: Ulrike H
Das Maß aller Dinge: Ulrike Heckner mit einem Modell des „Fußmaßes” unter dem Barbarossaleuchter im Oktogon des Domes. Foto: Krömer

Aachen. Wenn sich dem Aachener Dompropst Helmut Poqué die Gelegenheit böte, mit Kaiser Karl ins Gespräch zu kommen, würde er ihn als Erstes auf das Zahlenverhältnis im Bauplan der Pfalzkapelle ansprechen. „Ich frage mich immer wieder, welche Zahl Karl der Große im Dom zugrunde gelegt hat”, sagt Poqué am Montag in der Dominformation.

Dort empfängt er mit Dombaumeister Helmut Maintz Bauforscherin Ulrike Heckner vom Amt für Denkmalpflege des Landschaftverbands Rheinland (LVR). Sie hat angekündigt, dass sie das Rätsel des Bauplans der Pfalzkapelle gelöst habe und die „perfekte Geometrie der Pfalzkapelle Karls des Großen” der Öffentlichkeit vorstellen wird.

Ihr Forscherteam greift dafür zurück auf Querschnitte, Grundrisse und Materialkartierungen der Pfalzkapelle, die die Domleitung im Zuge der Sanierung des karolingischen Mauerwerkes hat anfertigen lassen. „Diese Vermessungspläne waren die Grundlage für ihre Arbeit”, sagt Dombaumeister Maintz, der schon eingeweiht ist in Heckners Ansatz. der nur auf Kreis und Quadrat basiert.

„Vom Meter müssen wir uns verabschieden”, sagt Ulrike Heckner den Journalisten im Saal und hält ihnen eine gut 30 Zentimeter lange Metallstange vor. Es ist die Maßeinheit, nach der sie ein Jahrzehnt gesucht hat. „Dem Bau der Pfalzkapelle liegt ein Fußmaß zugrunde, das dem Pariser Königsfuß sehr nah kommt, der im Mittelalter verbreitet war.” Legt man dieses Maß, umgerechnet 32,24 Zentimeter, zugrunde, gehe der Bauplan nach dem damals gebräuchlichen Duodezimalsystem glatt auf. Entscheidend für Heckners Ansatz sind das besagte Fußmaß, das Rechnen im Duodezimalsystem und die geometrische Form des Kreises.

Mit dem Schulzirkel ihrer Tochter, erzählt Heckner, habe sie vor einem Querschnitt des Zentralbaus der Aachener Pfalzkapelle gesessen und probiert. Heckner schlägt immer wieder Kreise mit dem Zirkel. Die letzte Zeichnung sieht so aus: In die Kuppel malt sie einen Kreis mit einem Radius von 24 Fuß, darunter passt ein weiterer 24-Fuß-Kreis, der exakt auf der Unterkante des Fußbodens auskommt. Ein dritter Kreis, 48 Fuß Radius, also 96 Zentimeter Durchmesser, kommt an den Außenmaßen des Gebäudes an.

Als die Forscherin sieht, dass die Geometrie steht, ist für sie klar: „Da muss es auch ein Fußmaß geben, das dazu passt”, sagt sie und lächelt. 33,3 Zentimeter wie von früheren Forschern angenommen, konnten es nicht sei. Angenommen haben die Forscher, darunter auch ihr Vermessungsingenieur Hans Meyer, erzählt Heckner weiter, ein Höhenmaß von 96 Fuß, das entspricht 30,95 Metern. Teilt man diese Gesamthöhe durch 96, kommt man auf die 32,24 Zentimeter, das Fußmaß eben.

Auch in den Grundriss des Doms zeichnet Ulrike Heckner ihre Kreise, die sich am besagten Fußmaß orientieren - die Gesamtlänge des Bauwerks entspricht drei Kreisen, die hintereinander liegen, jeweils 48 Fuß Durchmesser. „Das passt also auch”, stellt sie fest.

Auf den Grundriss legt sie dann drei unterschiedlich große Kreise - 48, 96 und 144 Fuß Durchmesser -, die denselben Mittelpunkt haben. Auf den ersten Blick scheint der Bauplan plötzlich nicht mehr symmetrisch, doch das erklärt Heckner so: „Was in der Apsis im Osten fehlt, hat man im Westbau angefügt.” Und auf der Tafel mit dem Grundriss setzt sie passend dazu ein kleines blaues Plättchen, sechs Fuß breit, von der Ostseite des Gebäudes in die äußere Nische des Westbaus um.

Auch auf die Konstruktion von Oktogon und Sechzehneck geht Heckner in ihrem Vortrag kurz ein. „Ein bisschen Geometrie müssen wir noch machen”, sagt sie und beruhigt: „Aber das wird nicht schwieriger als 5. Klasse.” Dann beschreibt sie die bekannte Zeichnung, in der zwei bzw. vier sternförmig versetzte Quadrate auf einen Kreis gesetzt werden.

„Wir haben ein harmonisches Konzept, das alle Maße und Abmessungen dieses Bauwerks umfasst”, sagt Heckner sichtlich zufrieden. „Bei 24 Fuß liegt die Empore, 48 Fuß hoch sind die Außenwände, bei 72 Fuß setzt die Kuppel an, 12 Fuß hoch sind die Pfeiler im Erdgeschoss”, zählt sie auf.

Ein bisschen Stolz schwingt mit, wenn sie erzählt, und doch bleibt die Forscherin bescheiden. „Ich weiß nicht, ob das Modell in Zukunft jemand widerlegt”, sagt sie. „Aber für mich ist es gerade rund. Für mich sprechen die Zeichnungen. Das sind Kreise. Da kann man nichts ziehen, nichts drücken - die passen”, sagt sie. „Wichtig ist, dass man immer von den Gebäudeachsen, nicht von den Mauerstärken, aus misst”, betont sie.

„Mit einem Fußmaß, Rastern, Quadraten kann man auf der Baustelle vernünftig arbeiten”, sagt Dombaumeister Maintz anerkennend. Das spricht für Heckners Ansatz. Trotzdem will er nichts übereilen: „Ich nehme das jetzt erstmal so zur Kenntnis”, sagt er und lehnt sich auf seinem Stuhl zurück. „Ich würde das gerne nochmal alles schriftlich sehen.”

Ob diese „perfekte Geometrie” tatsächlich das Zahlenverhältnis ist, das Kaiser Karl zugrunde gelegt hat für seinen Dom, weiß keiner der Anwesenden. Auch nicht Helmut Poqué, der es den Kaiser so gerne gefragt hätte ...
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