Aachen - 300 Philips-Beschäftigte demonstrierten gegen Schließung

300 Philips-Beschäftigte demonstrierten gegen Schließung

Von: Heiner Hautermans
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Zuerst Mahnwache vor der Einfahrt an der Weißhausstraße, anschließend eine Menschenkette, um die Forschungslaboratorien zu schützen: 50 Minuten lang demonstrierten Beschäftigte und Sympathisanten gestern gegen die angekündigte Schließung des Philips-Standortes. Foto: Harald Krömer

Aachen. Dass vor diesem Teil des Philips-Weltreichs einmal Grablichter stehen würden, hatte wohl niemand in Aachen erwartet. Am wenigsten die 230 Beschäftigten des Forschungslabors, seit Jahrzehnten an der Ecke Weißhausstraße/Eupener Straße angesiedelt, ein Vorzeigeobjekt mit bestem Ruf.

Um so härter traf sie die Nachricht aus der Zentrale in Eindhoven, dass im nächsten Jahr in Aachen weitgehend Schluss sein soll. Dass sie damit ganz und gar nicht einverstanden sind und um ihre Arbeitsplätze kämpfen werden, zeigte sich am Freitag bei einer Mahnwache, in deren Verlauf eine Menschenkette um das große Gelände gebildet wurde.

Franz-Peter Beckers, 1. Bevollmächtigter der Aachener IG Metall, gab in einer kämpferischen Rede die Richtung vor. „Das her ist keine Beerdigung, sondern eine Mahnwache. Diese Entscheidung wird so nicht akzeptiert.” Außerdem seien viele Fragen zu beantworten, etwa ob Alternativen besprochen worden sei und welche öffentlichen Mittel, unter Umständen auch für Eindhoven, in Anspruch genommen worden seien: „Ohne vernünftige Antworten wird hier nicht über den Abbau eines einzigen Arbeitsplatzes gesprochen.”

Zynisch

Außerdem sei es zynisch, von einer Zusammenlegung der beiden Labore in Aachen und Eindhoven zu sprechen: „Es ist eine Schließung. 230 Menschen sollen in unserer Stadt ihre Lebensgrundlage verlieren.” Es sei auch unrealistisch, dass von den 160 Forschern viele nach Eindhoven wechselten, schließlich hätten sie hier ihre Kinder, Freunde und Eltern. „Es wird nur eine Handvoll sein.” Aus mehreren Gründen sei die Entscheidung falsch, zum Beispiel in der Krise an den Wurzeln zu sparen. Philips verfüge in Aachen über eine Produktionsstätte, eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung und enge Kontakte zur Exzellenzuni RWTH: „So eine Linie aufzugeben, ist einfach sträflich.”

Beckers bedankte sich ebenso wie Betriebsratsvorsitzender Dr. Georg Gärtner, dass so viele Mitarbeiter, ehemalige Beschäftigte und Betriebsräte anderer Firmen gekommen waren. „Ihr steht nicht alleine, es sind viele, die mit euch fühlen.” Vorsitzender Gärtner sagte, dass der Betriebsrat weder detailliert informiert noch bei der Erstellung eines Konzepts mit einbezogen worden sei. Die Gründe für die Schließung seien nicht zwingend, beispielsweise hätte eine Gleichbehandlung der Labore erfolgen können.

Es sei im Gegenteil kein Kompromiss mit der Belegschaft gesucht worden. Gärtner: „Das Forschungslabor Aachen hat bisher exzellente Ergebnisse geliefert und verfügt über ausgezeichnete Kundenkontakte. Es hat zu wichtigen Geschäftserfolgen für Philips beigetragen.” Gerade die Mitarbeiter der administrativen und technischen Abteilungen, die jetzt alle entlassen werden sollen, hätten die Erfolge zum Beispiel bei der Planung und dem Bau von Pilotanlagen mit ermöglicht. „Diese 70 Kolleginnen und Kollegen und deren Familien werden durch die Schließung am meisten getroffen.”

Wie sehr, zeigt die Einschätzung eines Mechanikers, seit 25 Jahren bei Philips: „Für mich ist das eine Katastrophe.” Auch seine Frau arbeitet und hat schlechte Nachrichten aus ihrer Firma bekommen. Eine 47-Jährige aus dem Bereich Computer-Netzwerk-Support: „Wir waren am Montag total geschockt. Es gibt überhaupt keine Veranlassung, auf die Straße gesetzt zu werden bei der momentanen Auftragslage und den vielen Überstunden.” Eine Demonstrantin daneben: „Es ist unfassbar. Ich weiß nicht, wie das werden soll.” Eine Kollegin aus der Bibliothek, seit 32 Jahren bei Philips: „Das war unmöglich, wie die uns behandelt haben.”

Viel Solidarität

Betriebsratsvorsitzender Georg Gärtner bedankte sich für viele Solidaritätsadressen, unter anderem von Ericsson, und versprach, mit Unterstützung der Politik Gespräche mit der Konzernleitung in Eindhoven aufzunehmen, um „die Entscheidung so weit wie möglich zu revidieren”. Unterstützung versprachen etwa Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, deren Mitarbeiter Boris Linden verkündete, dass sie die Entscheidung für falsch halte und man darüber reden müsse. Auch sei die Frage, welchen Wert Zusagen von führenden Managern hätten.

Detlef Pipoh, Sprecher des Philips-Wirtschaftsausschusses in Aachen, kündigte an, dass man es dem Unternehmen in den anstehenden Verhandlungen „nicht leicht machen wird, hier abzuziehen”. Karl Schultheis teilte mit, dass er Wirtschaftsministerin Christa Thoben ebenfalls aufgefordert habe, tätig zu werden. Und Balsam für die Seelen war sicherlich die spontane Wortmeldung eines Personalrats des Uniklinikums, der viel Erfolg wünschte: „Eure Medizinprodukte sind topp. Wir sind stolz auf Euch.”
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