30 Jahre Sanierung Aachener Dom: Über 13.000 Besucher

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
12325360.jpg
Handwerk pur: Auf dem Domhof bewiesen die Mitglieder Dombauhütte, dass auch heute noch traditionelle Techniken – etwa beim Hobeln – aktuell sind. Da flogen die Späne. Foto: Andreas Steindl
12325691.jpg
Bissig, klug und heiter: Schlagabtausch im Schatten des Doms mit (v.li.) Professor Max Kerner, Wendelin Haverkamp und Manfred Birmans. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Alle Türen sind weit geöffnet, keine noch so entlegene Kapelle ist gesperrt, auf der Wendeltreppe bis hoch hinauf zum Westturm drängeln sich die Menschen und achten geduldig den „Rechtsverkehr“. „30 Jahre Sanierung Aachener Dom“, ein Wochenende, an dem das Team sowie die Handwerksbetriebe rund um Dombaumeister Helmut Maintz stolz ihre Leistungen präsentieren.

Und über 13.000 Besucher feiern mit. Außer am Dach des Sechzehnecks sind die Arbeiten im Außenbereich abgeschlossen, verbunden mit Sanierungsprojekten im Innenraum wie der Rettung der Chorhalle und den neu erstrahlten Mosaiken.

Ein Wochenende lang darf man sich nun alles genau ansehen und wird durch 15 im Dom extra aufgestellte Monitore faszinierend nah an die Arbeitsschritte und die Dramatik der jeweiligen Schadenssituation herangeführt. 37 Millionen Euro mussten investiert werden, 4000 Rechnungen hat Maintz geschrieben, im Bautagebuch 7735 Tage auf 4425 Seiten beschrieben und rund 95.000 geleistete Handwerkertage vermerkt.

Was haben sie da oben am Dom, oft von Regenplanen umhüllt, geleistet – die Gerüstbauer Dachdecker, Schlosser, Steinmetze, Zimmerer und Glaser? Wo haben sich Studenten und Professoren des Instituts für Bauwerkserhaltung und -instandsetzung der RWTH Aachen die Köpfe zerbrochen und waren zugleich wegen der Möglichkeit begeistert, mit 1200-jähriger Handwerkstradition Fühlung aufzunehmen? Das wird erzählt.

Seinen Auftakt hat das Domfest, dem am Sonntag ein großes Festkonzert mit Musik von Georg Friedrich Händel besonderen Glanz verliehen hat, bei einem Dankgottesdienst mit anschließendem Richtfest für Handwerker und Baufachleute. Dem Segensspruch durch Dompropst Manfred von Holtum folgt auf der Quadrum-Bühne der nach altem Brauch gereimte Richtspruch, den Zimmermann Frank Tschamler in Vertretung aller beteiligten Gewerke spricht. Er erhebt das Schnapsglas, leert es und lässt es mit Schwung hinter der Bühne zersplittern – Scherben für Glück und Gesundheit.

Inzwischen hat sich der Domhof zur Dombauhütte gewandelt, wo die Steinmetze zeigen, wie sie es schaffen, eine gewaltige Steinrinne aus Belgischem Granit anzufertigen, die später das Regenwasser vom Dach des Sechzehnecks wegführen wird. Kräftig gehobelt wird bei den Zimmerleuten. Bei den Glasern wird von den Besuchern ein 90 X 90-Dom-Motiv aus Mosaiksteinchen gelegt – pro Steinchen ein Euro für den Dom. Das fertige Bild soll später versteigert werden. Daneben haben sich die Schmiede eingerichtet. Im Feuer glühen die Werkstücke, die vor den staunenden Zuschauern durch den schweren Hammer filigrane Formen erlangen.

Besonders guter Moselschiefer

So mancher trägt stolz ein Schieferherz nach Hause – eine Idee der Dachdecker, die geschickt die Arbeit mit dem Schieferhammer an der Haubrücke vorführen. Beides nehmen sie auch mit auf das Dach, wo man oft erst vor Ort die benötigten Formen und Größen der Schieferplatten bestimmen kann – für den Dom nutzt man übrigens ausschließlich Moselschiefer. Faszinierenden Einblick in die Bauforschung geben Mitarbeiterinnen des Instituts für Bauwerkserhaltung- und instandsetzung der RWTH Aachen. Institutsleiter Professor Michael Raupach ist vor Ort. Welche Steinsorten wurden für den Dom verwendet? Es sind tatsächlich 15 unterschiedliche Sorten im Mauerwerk.

Wie ist das mit dem „Pflaster“ für den Erdbebenriss? Was haben die Bauleute des Mittelalters in den harten Mörtel gemischt? „Wir haben neben Ziegelmehl sogar organisches Material gefunden, Käse, Blut, Tierhaare, alles, was zusammenklebt“, berichtet der Experte. Vertiefen kann Raupach die Früchte der Domkooperation beim hochkarätig besetzten Wissenschaftsteil des Festes in der Domsingschule. Hier macht Ulrike Heckner vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege den Zuschauern anschaulich klar, wie in den letzten Jahrhunderten ein Gebäudeteil nach dem anderen dem karolingischen Zentralbau hinzugefügt wurde. „Der Dom ist ein gewachsenes Bauensemble, der Kernbau wie ein Nukleus“, erläutert sie.

Aachen, ein Erdbebengebiet? Ja – bestätigt Klaus Lehmann vom Geologischen Landesdienst NRW, dessen Erdbebenmessstelle in Krefeld stets dann Ausschläge auf den Monitoren verzeichnet, wenn die Domglocken läuten. „Der Dom ist ein zentrales Bauwerk für unsere Erdbebenforschung“, versichert Lehmann. „Er ist das einzige Bauwerk, an dem die Archäoseismologie Schäden aus dem achten und frühen neunten Jahrhundert dokumentieren kann.“

Zu den interessiertesten Fragern gehören die Kinder – nicht nur beim Handwerk, sondern auch bei Michael Hoppes außergewöhnlichem Kinderorgelkonzert. Bevor der Domorganist in den oberen Umgang verschwindet, um zu Musik von Johann Sebastian Bach die Geschichte der Arche Noah (die Texte liest Irma Müller) erklingen zu lassen, nimmt er im Oktogon eine kleine Orgel auseinander – auf der Suche nach den Tönen, den Pfeifen und der Luft. „Kinder sollen das Erbe weitertragen, deshalb müssen wir es ihnen nahebringen“, sagt der Dompropst, der im neu überdachten Quadrum beim Satiretreff von Wendelin Haverkamp nicht nur kräftig applaudiert, sondern das frei nach Drafi Deutscher umgedichtete Motto „Marmor, Glas und Schiefer bricht – aber unser Münster nicht“, laut mitsingt.

Mit Gästen wie dem Historiker Professor Max Kerner, dem Öcher Platt-Experten Manfred Birmans, grandiosen Musikern wie dem bewegenden Akkordeonisten und Komponisten Manfred Leucher, dem Gitarristen Ian Melrose, dem inspirierten Franz-Brandt-Quartett und Dieter Kaspari, dem sympathisch-düsteren Meister des Mundart-Blues, gelingen Haverkamp und seinen Mitstreitern zwei besondere Abende.

Besinnlicher Abschluss: Mundart-Poet Hein Engelhardt spricht Gedichte über „Os Münster“. Denn, so Engelhardt: Echte Aachener sagen ja nicht „der Dom“. Alle sind gerührt und begeistert.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert