Region - 30 Jahre Domsanierung: Ein Experte mit feiner Nase fürs Holz

Radarfallen Bltzen Freisteller

30 Jahre Domsanierung: Ein Experte mit feiner Nase fürs Holz

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
12153842.jpg
Sein Arbeitsplatz ist der Dom: Zimmermann Freddy Brenner erinnert sich noch an jede Station der 30-jährigen Sanierung – unter anderem an die kleine Brücke, die den Westturm mit dem Oktogon verbindet. Foto: Harald Krömer
12153844.jpg
Uralt: Für Freddy Brenner ist es immer wieder spannend, alte gesunde Substanz mit heutigen Hölzern zu verbinden.
12153846.jpg
Magischer Raum: Im riesigen Dachstuhl der Chorhalle des Aachener Doms gab es jede Menge Arbeit.
12153847.jpg
Weiter Blick: Vom Dach der Chorhalle sieht das Rathaus wie ein Spielzeug aus.

Region. Es ist sehr still, obwohl wir mitten in der Stadt sind, ein Raum, in dem alles schweigt, der Ehrfurcht weckt, ein dämmriger Wald. Das Holz duftet. Rund 17 Festmeter wurden auf den 400 Quadratmetern dieses Dachstuhls verbaut.

Wie überall im Dom gibt es auch über der Chorhalle keinen Balken ohne Nummer. Jeden einzelnen könnte Dombaumeister Helmut Maintz sofort lokalisieren. Dabei unterstützt ihn ein eingeschworenes Handwerker-Team.

„Hier habe ich praktisch jedes Stück Holz in der Hand gehabt oder bin daran herumgeklettert“, sagt Friedrich Brenner und schaut in die Höhe. Alle nennen ihn „Freddy“, und das passt gut zu diesem lebensfrohen und doch sehr nachdenklichen Mann. Freddy Brenner ist Zimmermann. Seit gut 30 Jahren gehört er zur Dombauhütte – zunächst als langjähriger Mitarbeiter der Firma Korr und inzwischen als selbstständiger Unternehmer. Längst hat der heute 58-Jährige neben großem Fachwissen ein gutes Gespür und eine feine Nase für Holz. „Ich rieche sofort, wenn irgendwo etwas nicht stimmt, wenn es Schädlinge, Feuchtigkeit oder Fäulnis gibt“, sagt er. „Selbst dann, wenn noch gar nicht viel passiert ist.“

Im Aachener Dom, bei dem nach 30 Jahren die Außensanierung sowie ein Teil der Innensanierung (Mosaiken, Marmorverkleidung) als abgeschlossen gelten, bestand jede Menge Handlungsbedarf. Von den 791 Balken, die man im Dachstuhl der Chorhalle verbaut hatte, waren nur wenige ohne Schäden.

Vielfach hatte sich der Gescheckte Nagekäfer eingenistet und das Eichenholz zerfressen. „Ich kann mich noch gut an die Heißluftbehandlung erinnern“, berichtet Brenner. „Etwa 55 Grad Celsius herrschten hier, und draußen war es eiskalt.“ Doch damit war noch nicht alles erledigt: Fallen mussten aufgebaut werden, um zu garantieren, dass der Schädling nicht überlebte. Ein speziell angerührter Maismaischekleber konnte ihn auf Packpapier locken. „Chemie wittert der Käfer, dann versteckt er sich“, weiß Brenner.

Den Wunsch anzupacken, etwas zu bewegen, hatte Freddy Brenner schon sehr früh. „Wir waren sieben Kinder in der Familie, fünf Jungen, zwei Mädchen“, erzählt der Aachener. „Da wurde frühzeitig überlegt, welcher Beruf infrage kam.“ Nach einem Praktikum in einer Schreinerei kamen die ersten Zimmermann-Erfahrungen. Die Schreinerei war nicht seine Sache – aber das Zimmermannshandwerk, das war’s. Die traditionelle Zimmermannskluft aus schwarzem Breitcord mit der Jacke, den stabilen Hosen, in denen bis heute griffbereit Zollstock und Bleistift stecken, mit weißem Stehkragenhemd und der Weste mit acht Knöpfen trägt er stolz.

Nach der Lehre bei der Firma Mohr ging Brenner zu Korr – und dann kam der Dom. Die Laterne des Oktogons musste erneuert werden, ein aufsehenerregender Arbeitsabschnitt, der 1987 fortsetzte, was 1985/86 mit der Stabilisierung des dortigen Dachstuhls begonnen hatte. „Eine tolle Sache für alle. Ich war noch so jung und durfte schon dabei sein“, erinnert sich der Zimmermann, der damals mit seinen Kollegen, von denen heute viele Freunde sind, ganz schön schuften musste. „Der Schutt wurde abgetragen und nach unten geschleppt, davon gab es jede Menge, aber wir hatten keine Gerätschaften, die uns helfen konnten. Ich weiß nicht, wie oft ich diese Treppen auf- und abgestiegen bin!“

Einer von damals – Frank Tschamler – ist heute Firmenpartner und Ausbilder seines 18-jährigen Sohns Nico. Allen am Dom war und ist bewusst, dass dies kein beliebiger Arbeitsplatz ist – und dass sich jeder Handwerker dort einen Einsatz wünscht. Gemeinsam haben sie den Atem angehalten, als die nachgebaute Oktogon-Laterne eines Nachts verladen und in den frühen Morgenstunden in die vorbereitete Verankerung eingesetzt wurde. Sie passte!

Brenner und die Kollegen haben zuletzt am Dachstuhl des Sechzehnecks gearbeitet – bevor die Holzkonstruktion nicht perfekt ist, können die Dachdecker nicht ans Werk gehen. Die Nordhälfte des Dachs ist mittlerweile ganz fertig, die Südhälfte folgt noch.

Eng ist es hier oben. Schmal sind die Gänge, in denen sich die Handwerker bewegen. „Da ist es praktisch, dass ich mit 1,67 nicht so riesig bin und auch kein Übergewicht habe“, schmunzelt Brenner selbstironisch. Hier oben wird er wieder an seine Lehrlingsjahre erinnert. „Beim Abräumen des defekten Daches haben wir einige weggeworfene Zigarettenpackungen gefunden, unter anderem von der Marke ,Emir‘, einer orientalischen Zigarette. Als Lehrling musste ich mit dem Fahrrad durch die ganze Stadt fahren, um sie einem unserer Gesellen zu besorgen.“

Mit der Zeit hat Freddy Brenner immer mehr über den Dom und seine Geschichte gelernt, über Karl den Großen, aber auch über die Besonderheit dieses Bauwerks und nicht zuletzt über die erstaunlichen Fähigkeiten seiner Kollegen aus früheren Jahrhunderten. „Ist schon irre, was die Jungs damals gemacht haben“, meint der Zimmermann, der einen Blick für die vielleicht sogar geheimen Zeichen seiner Vorgänger entwickelt hat. In die Eichenbalken haben sie bereits römische Zahlen geschnitzt und damit eine Art Dokumentation betrieben.

Größter Respekt vor dem Gotteshaus – das gehört zu dieser Arbeit. So würde während des täglichen Gottesdienstes ab 10 Uhr niemand über den Köpfen der Geistlichen und Gläubigen hämmern oder herumlaufen – man hat extra die Frühstückspause, die stets von Orgelmusik begleitet wird, in diese Zeit gelegt.

Brenner mag die Baustelle Dom – mitten in der Stadt und doch eine Insel, umgeben von Menschen und den Klängen der Straßenmusiker. Ob er irgendwann Angst hatte, ihm schwindelig war? „Nein, am Dom ist mir nie etwas passiert“, betont er. Auf einer anderen Baustelle schon, da ist er einmal elf Meter in die Tiefe gestürzt. „18 Brüche an den Füßen, ich musste ein Dreivierteljahr zu Hause bleiben, aber alles ist wieder in Ordnung gekommen.“

Freddy Brenner möchte keinen Bauabschnitt missen. Auch nicht das Feierabendbier mit Kollegen in Domnähe. „Wir wurden oft nach dem Dom gefragt, das hat uns sehr stolz gemacht“, gesteht er. Noch ein paar Jahre will er im Beruf bleiben, bis Sohn Nico die Meisterschule absolviert hat. Entspannung findet er beim Spaziergang mit den beiden Schäferhunden. Später wird er sich verstärkt seinem Haus widmen. „Das habe ich schon zehn Mal umgebaut, sicher nicht das letzte Mal“, lächelt der Zimmermann.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert