28 Jahre an der Drehorgel: „Aachen ist anspruchsvoller als Köln”

Von: Robert Baumann
Letzte Aktualisierung:
Das Spielen an seiner Drehorge
Das Spielen an seiner Drehorgel macht Werner Wittpoth sichtlich Freude: 4000 Lieder hat der Eschweiler im Repertoire. Auch wenn es dem Contergan-Geschädigten immer schwerer fällt, mit der Orgel durch die Fußgängerzonen zu ziehen, denkt er noch lange nicht ans Aufhören. Foto: Robert Baumann

Aachen. Eine gute Viertelstunde dauert es schon, bis es bei Werner Wittpoth so richtig rund läuft. Dann ist er warm gespielt, und es dreht sich alles nur noch um die Musik. 28 Jahre steht der Drehorgelspieler schon in den Fußgängerzonen der Aachener Innenstadt.

Aber auch in Köln gehört er seit vielen Jahren fest zum Stadtbild. „Es macht mir große Freude, die Menschen zu unterhalten. Das Spielen gibt mir sehr viel Energie und tut meiner Seele gut”, sagt er.

In Aachen hat Wittpoth seit 1984 seine feste Route. Gegen zehn Uhr am Morgen schmeißt er auf dem Münsterplatz am Dom seine Orgel aus Kirschholz an. Später zieht er weiter in die Adalbert-straße, Großkölnstraße und Krämerstraße. Natürlich nur in Frack und Zylinder. Die sind über die Jahre seine Markenzeichen geworden.

Vier Fracks hat Wittpoth zur Auswahl - in schwarz und grau. „Das ist die typische, alte Orgelkleidung”, erklärt der Eschweiler. Drehorgelspieler waren im 18. Jahrhundert in der Regel invalide und bürgerlich. Um sich aufzuwerten und nicht als Bettler zu gelten, habe man sich gut gekleidet.

Damals durfte keine weltliche Musik auf der Orgel gespielt werden. Nur militärische und kirchliche Lieder waren erlaubt. Das ist heute anders. Insgesamt hat Wittpoth rund 4000 Lieder im Repertoire: Schlager, Volksmusik, aktuelle Hits. Am besten kämen die Schlager wie „Lilly Marleen” an. Aber auch Walzer, Titelmelodien von Pippi Langstrumpf und der Sendung mit der Maus, das Lied „Satellite” von der Eurovision-Song-Contest-Gewinnerin 2010, Lena Meyer-Landrut, oder den Rocksong „Born to be wild” spielt Wittpoth auf seiner Orgel.

„Es gibt große Unterschiede im Musikgeschmack zwischen den Städten”, beobachtet Wittpoth. Aachen sei anspruchsvoller als Köln. Dort würde mehr klassische Musik verlangt, in Köln mehr Kirmesmusik und Kölsche Lieder wie „Viva Colonia”. Ob Wittpoth den Geschmack der Menschen trifft, merkt er vor allem an seinem kleinen Geldkorb, der auf seiner Orgel steht. „In den 1990er Jahren hat man vom Drehorgelspielen noch leben können. Das ist heute nicht mehr so”, sagt Wittpoth.

Alle Songs sind elektronisch in seiner Orgel gespeichert. Dennoch muss er die Orgel noch selbst von Hand bedienen. Denn erst durch das Drehen an der Kurbel der Orgel wird die nötige Luft durch die Pfeifen gepumpt, und die Töne erklingen.

Zwischen vier und sechs Kilogramm Drehwiderstand muss Wittpoth dafür bewegen. „Es ist wichtig, die Kraft richtig einzusetzen und mit dem ganzen Körper zu drehen, sonst gibt es einen heftigen Muskelkater”, sagt er.

In einem Sprinter transportiert Wittpoth seine Orgel von Eschweiler nach Aachen. Ein Bekannter hilft ihm beim Aus- und Einladen. In Köln hat er sich in der Innenstadt extra eine Garage gemietet, in der er seine Orgel lagert.

Schon 1980 stand der Contergan-Geschädigte als Straßenmusiker in der Kölner Innenstadt - allerdings ohne Drehorgel. Da sang er politisch motivierte Protestlieder für die Integration von Behinderten. In Köln, der damals einzigen Stadt in NRW mit einem Gymnasium für Behinderte, machte der gebürtige Ostwestfale sein Abitur. Dort spielte er auch Theater und Pantomime.

Früh kam Wittpoth mit dem Orgelspiel in Berührung. Schon sein Vater unterhielt in den Fußgängerzonen von Ostwestfalen mit Musik aus der Drehorgel die Leute. Kaum hat Wittpoth in Aachen auf dem Münsterplatz im Schatten des Doms seine Drehorgel angeschmissen, bleiben die ersten Menschen stehen und lauschen seinen Liedern. Väter heben ihre Kinder hoch, die mit einem breiten Lächeln Münzen in Wittpoths Geldkorb werfen. Immer wenn es in seinem Körbchen klingelt, nimmt Wittpoth seinen Zylinder vom Kopf. „Das ist eine Geste der Höflichkeit und des Dankes”, erklärt er.

Vier Orgeln verschiedener Größen besitzt der 52-Jährige. Alle sind nach seinen Vorstellungen von einem befreundeten Kirchenorgelbauer angefertigt worden. „Ich hatte schon als Kind Spaß an Orgeln. Der Klang und die Mechanik faszinieren mich”, sagt Wittpoth. Mit einer seiner vier Orgeln hat es Wittpoth sogar ins Fernsehen geschafft. In der ZDF-Krimiserie „Wilsberg” trat er mit seiner Orgel als Statist auf.

Vor vielen Jahren spielte Wittpoth noch mehrfach in der Woche in Aachen. Jetzt ist er nur noch samstags da - zu anstrengend ist ihm das Orgelspielen wegen seiner Behinderung geworden. „In Aachen geht es rauf und runter. Vor allem hinauf zum Markt ist es mit der Orgel sehr beschwerlich”, sagt Wittpoth. Köln sei da schon deutlich ebener.

Ans Aufhören denkt Werner Wittpoth aber noch lange nicht. „Die Menschen zeigen mir viel Sympathie und ich bekomme viel positiven Zuspruch”, freut er sich. „Durch die Drehorgel bleibe ich ein Teil der Gesellschaft. Und solange ich noch mit so einer großen Freude dabei bin, werde ich weiterspielen.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert