Aachen/Antwerpen - 1915: Der deutsche Elektrozaun, der Tausende tötete

1915: Der deutsche Elektrozaun, der Tausende tötete

Von: Joachim Zinsen
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Der Todeszaun: In der Ausstellung „Schock – Angst – Euphorie“ im RWTH-Hauptgebäude in Aachen ist ein Stück Originaldraht zu sehen. Foto: S. Rauh
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In Sippenaeken erinnert ein Gedenkstein an die Toten. Foto: S. Rauh
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Erforscht die Geschichte des Todesdrahts: Alex Vanneste. Foto: S. Rauh

Aachen/Antwerpen. Der Befehl an die deutschen Soldaten ist preußisch knapp gehalten. Sollten sie jemanden in der Sperrzone entdecken, habe ihr Ruf zu lauten: „Halt! Wer da? Näher rücken!“ Wird ihrer Anweisung nicht umgehend Folge geleistet, müssen die Soldaten sofort gezielt schießen, ohne weitere Vorwarnung.

Mit aller Härte – so der Ukas der Militärführung – gelte es, jeden Grenzübertritt und Fluchtversuch zu unterbinden.Was wie eine Beschreibung der Verhältnisse an der innerdeutschen Demarkationslinie während des Kalten Krieges klingt, stammt aus einer früheren Zeit, aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Ort des Geschehens ist die belgisch-niederländische Grenze.

An keiner anderen Grenze Europas floss im 20. Jahrhundert mehr Blut, selbst später nicht am Eisernen Vorhang. Mindestens tausend Menschen – wahrscheinlich liegt die Zahl sogar deutlich höher – verlieren hier zwischen Frühjahr 1915 und November 1918 ihr Leben. Viele werden erschossen.

Das Gros aber stirbt in einer Sperranlage, mit der die deutsche Besatzungsmacht Belgien hermetisch von den neutralen Niederlanden abriegeln will. Ihr Kernstück ist eine technische Neuheit, ein Zaun, der unter Starkstrom steht, ein Todesdraht. Er erstreckt sich über 357 Kilometer, von Vaalserquartier bei Aachen bis an die Küste Flanderns.

„Wer damals den Befehl zum Bau des Todesdrahtes gegeben hat und wann genau die Entscheidung dazu gefallen ist, lässt sich nicht mehr rekonstruieren“, sagt Alex Vanneste von der Universität Antwerpen. „Die Idee stammt wohl von einem gewissen Hauptmann Schütte, der sie Anfang 1915 der deutschen Militärverwaltung in Brüssel unterbreitete.“ Kurze Zeit später – im April 1915 – sei jedenfalls mit dem Bau begonnen, im Mai dann das erste Teilstück fertiggestellt und unter Strom gesetzt worden. „Im Laufe des Jahres 1916 war schließlich die gesamte Grenze zu den Niederlanden durch den Todesdraht geschlossen“, sagt Vanneste.

Der Hochschulprofessor, von Hause aus kein Historiker, sondern Romanist, war der erste Wissenschaftler, der sich mit diesem bizarren, in Deutschland weitgehend unbekannten und selbst in Belgien lange vergessenen Kapitel der Kriegsgeschichte beschäftigte.

Auch er hat nur durch Zufall, durch die Tagebuchaufzeichnungen des Großvaters seiner Frau, von der Sperranlage erfahren. Einmal neugierig geworden, durchstöberte Vanneste seit Anfang der 90er Jahre Gemeindearchive und Privatsammlungen, durchpflügte Akten, fand alte Zeitungen, vergilbte Fotos und holte das nach, was seine Kollegen bis dahin versäumt hatten.

Inzwischen kann Vanneste die Grenzanlage detailgenau beschreiben. Demnach war der Zaun je nach Teilstück zwischen 1,50 und zwei Meter hoch und bestand aus drei bis zehn Einzeldrähten. Mehrere davon standen unter Strom. Dessen Spannung betrug meist um die 2000 Volt. „Wie hoch die Ampère-Zahl war, also die Stromstärke, ist nicht ganz klar“, sagt Vanneste. „Aber sie lag so hoch, dass 99 Prozent der Menschen, die mit dem Draht in Berührung kamen, sofort gestorben sind.“

Beiderseits des Elektrozauns gab es Alarmdrähte und im Abstand von ein bis drei Metern niedrigere, stromfreie Stacheldrahtzäune. Sie sollten verhindern, dass deutsche Soldaten, die innerhalb einer hundert Meter breiten Sperrzone Patrouille liefen, mit dem Todesdraht in Berührung kamen.

Stationiert waren die Landsturmmänner in Schalthäusern und auf Wachtürmen, die entlang des Zauns errichtet waren und von denen aus das Gebiet um die Sperranlage nachts mit Scheinwerfern ausgeleuchtet wurde.

Strom war damals ein neues, für viele unbekanntes Phänomen. Ein öffentliches Stromnetz gab es nicht, weder in Belgien noch in Deutschland. Über Elektrizität verfügten in erster Linie Fabriken, die ihn für den Eigenbedarf produzierten. Von diesen Unternehmen bezog das deutsche Militär den Strom. Teilweise mussten die für damalige Verhältnisse ungeheuer großen Mengen an Energie über mehrere Kilometer herangeführt werden.

Für den Todesdraht zwischen dem damaligen Vierländereck und den Vuren lieferte den Strom beispielsweise das Transformatorenhaus Reutershag, das von der „Rheinischen Elektrizitäts- und Kleinbahn-Gesellschaft Kohlscheid zu Aachen“, einem Vorläufer der Aseag, betrieben wurde. „Technisch und logistisch war der Betrieb der Grenzanlage eine Herausforderung“, sagt Vanneste.

Und warum der Aufwand? Warum wollten die Deutschen die Grenze nach Belgien dicht machen? Es gab mehrere Gründe.

Belgien im August 1914: Bei ihrem Einmarsch verüben deutsche Truppen zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung. In Belgien setzt daraufhin eine Massenflucht ein. Bis Anfang Oktober hat fast ein Viertel der siebeneinhalb Millionen Flamen und Wallonen das Land verlassen – davon rund eine Million Richtung Niederlande. Zwar kehren im Winter 1914/15 viele von ihnen zurück – die deutschen Besatzer hatten gedroht, Geflüchtete zu enteignen.

Doch tausende junge Männer machen diesen Schritt nicht. Sie versuchen, entweder über die Niederlande, Großbritannien und Frankreich an die Yser-Front zu gelangen, in jenen kleinen, unbesetzten Teil Südflanderns, in dem die Reste der belgischen Armee den deutschen Eindringlingen weiter erbitterten Widerstand leisten. Oder sie gehen nach Frankreich und Großbritannien, um dort in der Kriegsindustrie zu arbeiten. Ihnen folgen immer wieder Freiwillige, die bislang in Belgien geblieben waren.

Nicht nur Menschen verlassen das Land, auch Nachrichten. Kurz nach dem deutschen Einmarsch organisieren sich in Belgien erste Widerstandsgruppen. Bald sind es bis zu 7000 Menschen, die im Untergrund arbeiten. Viele von ihnen liefern dem interalliierten Spionagerat, der sein Hauptquartier im niederländischen Vlissingen, später dann in Rotterdam hat, wichtige Informationen über Truppenbewegungen der Kaiserlichen Armee.

Die Deutschen versuchen, das zu unterbinden, stationieren Truppen an der Grenze zu den Niederlanden, verbieten den Belgiern sogar, Brieftauben zu halten, weil die Vögel von den Widerständlern als Kuriere benutzt werden. Doch all das nutzt wenig. Das bewaldete und sumpfige Grenzgebiet zwischen Maas und Schelde lässt sich nur schwer überwachen.

Mit dem Bau des Elektrozauns und der Errichtung einer Sperrzone wird das ständige Hin und Her an der Grenze gestoppt. Allerdings nur für kurze Zeit. Schon bald finden belgische Grenzbewohner Schlupflöcher, durch die sie in die Niederlande gelangen können. Einige werden zu professionellen Fluchthelfern, zu sogenannten „Passeurs“.

Sie bringen Agenten und Kriegsfreiwillige aus dem ganzen Land über die Grenze, schmuggeln Lebensmittel aus den Niederlanden ins hungernde Belgien, werden zu Kurieren, die Feldpostbriefe oder Spionage-Nachrichten überbringen. Manche von ihnen machen es gegen Bezahlung, andere aus Patriotismus.

Der einfachste Weg durch den Zaun führt über die Bestechung deutscher Grenzwächter. „Manchmal waren kriegsmüde und ausgehungerte Landsturmmänner bereit, für eine Viertelstunde den Strom abzustellen, wenn sie dafür von den belgischen ,Passeurs‘ Lebensmittel aus den Niederlanden mitgebracht bekamen“, sagt Vanneste.

Doch häufig ist großer Mut, vor allem aber Erfindungsreichtum nötig, um die Barriere zu überwinden. Gleich mehrere technische Hilfsmittel werden von den „Passeurs“ entwickelt. Als solche dienen alte Bierfässer, aus denen die Böden entfernt sind. Diese Tonnen werden zwischen einzelne Stromdrähte des Zauns geschoben. Da sie aus isolierendem Holz sind, können Flüchtlinge unbeschadet durch das Fass schlüpfen. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren hölzerne Fahrradfelgen.

Manchmal benutzten die Schleuser aber auch kleine Tische, deren Beine mit Porzellan-Stücken präpariert sind. Wenn die Grenzgänger auf sie steigen, können sie die Drähte berühren ohne einen Stromschlag zu riskieren. Verbreitet ist zudem der Einsatz von isolierenden Wolldecken, mit denen die Stromdrähte umwickelt werden. Oder der von Gummimatten, die unter den Zaun hindurch geschoben werden.

Eine außergewöhnliche Fluchttechnik ist aus dem Grenzgebiet bei Aachen bekannt. In der Nähe von Sippenaeken versteckt Graf D‘Oultremont russische Kriegsgefangene, die aus deutschen Lagern geflohen sind. Auf seinem Gutshof trainiert er die Männer im Stabhochsprung, damit sie so die Grenzanlage überwinden können.

Wie viele illegale Grenzübertritte es gab, lässt sich heute nur sehr schwer feststellen. Vanneste geht von mindestens 25.000 aus. Nur grob schätzen lässt sich auch die genaue Zahl der Toten, die die deutsche Sperranlage forderte. „Bis Ende 2012 konnte ich die Namen von 850 Opfern dokumentieren, heute sind es bereits 1011“, sagt Vanneste. „Die Hälfte davon waren Belgier, ein Viertel unvorsichtige Grenzsoldaten oder deutsche Deserteure, die sich auf neutrales Gebiet absetzen wollten, bei den restlichen Opfern handelte es sich um niederländische Schmuggler und russische Kriegsgefangene.“

Vanneste glaubt, dass bei weiteren Forschungen noch viele Opfernamen gefunden werden und die Gesamtzahl der Toten letztlich bei 2000 bis 3000 liegen wird. Hinzu rechnen müsse man zudem alle Personen, die von den deutschen Soldaten am Zaun erwischt und anschließend meist gehenkt wurden.

Der Todeszaun, dem noch am 12. November 1918, einen Tag nach dem Waffenstillstand, ein flandrischer Bauer zum Opfer fällt, ist nach Kriegsende schnell verschwunden. Seine Pfähle werden als Brennholz benutzt. Den Draht brauchen Bauern, um ihre Weidenzäune auszubessern. Bald schon erinnert kaum noch etwas an die Sperranlage.

Graf D‘Oultremont errichtet 1920 im Wald von Sippenaeken ein Denkmal. 20 Jahre später, nach dem zweiten Überfall deutscher Truppen auf Belgien, wird die Gedenktafel von den Nazis mit Zement zugeschmiert. Belgische Widerständler legen die Inschrift jedoch wieder frei. Daraufhin sprengen Deutsche das Monument. Erst in den 60er Jahren wird es wieder aufgebaut. Lange Zeit war die Steele die einzige Gedenkstelle für die Grenztoten.

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