Region - 15 Jahre Unheilig: Der Graf über seine Wurzeln

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15 Jahre Unheilig: Der Graf über seine Wurzeln

Von: Michael Loesl
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Der Graf fasziniert auf der Bühne die Massen: Und warum tritt er nicht in unserer Region auf? „In Aachen habe ich noch nicht gespielt, weil wir schlicht nicht den richtigen Platz für ein Unheilig-Konzert gefunden haben“, sagt er. Foto: stock/Eibner
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In der Heimat: Der Graf 2011 beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Würselen im Rathaus am Morlaixplatz. Neben ihm Bürgermeister Arno Nelles. Foto: psw
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Auf der Bühne immer sehr emotional: Der Graf bei einem Auftritt während der Bambi-Verleihung im November 2010 in Potsdam. Foto: dpa

Region. Der Graf und seine Wurzeln in Würselen und Aachen: Der gefeierte Sänger spricht im Interview über sehr persönliche Dinge, auch übers Stottern. Es geht auch um die Teilnahme am Vorentscheid zum Eurovision Song Contest. 15 Jahre Unheilig – aus diesem Anlass erscheint am Freitag ein neues Album.

Er hat große Erfolge eingefahren in den vergangenen Jahren, hat das Popmusik-Geschehen in Deutschland mitbestimmt. Zum 15-jährigen Bestehen seines Musikprojekts blickt der Mann, der Unheilig ein markantes Gesicht verleiht, nun in Richtung Europa. Beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest am kommenden Donnerstag, wird der Balladen-Fürst, der sich Der Graf nennt, zwei neue Songs ins TV-Rennen schicken.

Zeitgleich erscheint die Unheilig-Retrospektive „Alles hat seine Zeit“ mit dem großen Hit „Geboren um zu leben“. Zum Interview erscheint der Würselener standesgemäß in schwarzer Anzughose und schwarzer Krawatte auf weißem Hemd. Verkleidung sei sein Äußeres längst nicht mehr, sagt er und erklärt im Gespräch über seine Aachener und Würselener Heimat auch, warum er sich Schritt für Schritt demaskiert.

Wie spricht man Sie eigentlich an: Herr Graf oder der Graf?

Der Graf: Für die meisten bin ich der Graf, und so können wir es meinetwegen auch in diesem Interview halten.

Können Sie trotz bundesweiter Bauzaunplakatierungen, auf denen Ihr Gesicht zu sehen ist, noch unbekümmert in Aachen unterwegs sein?

Der Graf: Auf jeden Fall. Sie glauben gar nicht, wie einfach es ist, nicht erkannt zu werden, wenn man nicht erkannt werden will. Dafür muss ich nicht mal Mütze und Schal tragen. Ich bin nicht der Star-Typ, der es darauf anlegt, begafft zu werden. Gerade in Aachen habe ich bislang nicht eine Situation erlebt, in der mich Leute nervten, weil sie mich erkannt hatten.

Ihr Anzug bleibt im Schrank, wenn Sie privat unterwegs sind?

Der Graf: Sicher. Aachen ist für mich Heimat, mein privater Rückzugsort, und so soll es bitte auch bleiben. Für mich fühlt sich in Aachen alles so normal an wie vor meinem Erfolg, und ich empfinde es als Privileg, dass mir dort nicht der rote Teppich ausgerollt wird. Ich glaube, für so was sind die Aachener auch viel zu cool.

Kein Wunder, über Sie weiß man quasi nichts.

Der Graf: Doch, man kennt meine Musik. Darin bin ich so privat, wie man mich im Gespräch nie erleben würde. Home-Storys und Familienfotos wird es allerdings mit und von mir nicht geben.

Sie sitzen ja auch bestimmt nicht im Anzug am heimischen Frühstückstisch.

Der Graf: Nein, ich muss mein Müsli nicht unterhalten. Der Typ, der daheim mit seinen Kumpels Würstchen grillt, ist derselbe wie der, den man auf der Bühne erlebt. Er sieht nur anders aus.

Lassen Sie wenigstens die Grill-Würstchen, Ihrem düsteren Gothic-Image entsprechend, auf dem Grill dunkel werden?

Der Graf: Sie werden lachen, aber ich mag Gegrilltes tatsächlich gerne schön cross. Ich grille für mein Leben gerne. Im letzten Jahr hatte ich viel Zeit und Muße dafür, weil ich mir eine Pause von öffentlichen Auftritten gegönnt hatte.

Und Ihre Freizeit verbrachten Sie in Ihrer Heimatstadt Würselen?

Der Graf: Ich bin in Würselen geboren, und ich wohne dort. Da würde mir keine Verkleidung helfen. In Würselen kennt und erkennt mich jeder.

Trifft die Formel „Überschaubare Heimat, große Träume“ auf Ihre Anfänge als Musiker in Würselen zu?

Der Graf: Ich glaube, dass es für einen Musiker immer sachdienlich ist, wenn man in der Heimat nicht mit Musik zugeworfen wird. In New York muss man nicht über den Tellerrand hinaus Ausschau halten, dort findet Musik an jeder Straßenecke statt. Als Würselener blickte ich mit tagträumerischer Euphorie über den großen Teich. Meinen heutigen Erfolg habe ich sicher ein gutes Stück weit diesen Träumen zu verdanken.

Haben Sie das Gefühl, dass man in Würselen stolz auf Sie ist?

Der Graf: Ja – und mir tut das sehr gut. Ich hatte als stotterndes Kind oft das Gefühl, nicht dazugehört zu haben. Musik war meine Möglichkeit zu kommunizieren. Heute fühle ich mich zugehörig, wenn ich mir vor Augen halte, dass gar nicht wenige Leute meine Musik mögen.

Wie ist das heute für Sie, wenn Sie im Interview stottern?

Der Graf: Es ist mir nach wie vor peinlich, weil meine Kindheitserinnerungen wach werden. Heute ist ein guter Tag, weil ich mich meiner Angst gestellt habe, irgendwann im Interview hängenbleiben zu können. Das ist eine psychologische Geschichte, für die es keine Patentlösung gibt. Wenn ein Gespräch gut läuft, höre ich mich selbst sehr gerne reden. Das ist wahrscheinlich dem Umstand geschuldet, dass ich dann jeweils großen Nachholbedarf habe.

Man sagt, dass es Menschen mit Sprachproblemen hilft, wenn Sie sich verkleiden. Waren die Kontaktlinsen und der Brokatmantel, den Sie zu Beginn der Unheilig-Karriere trugen, eine Möglichkeit, Ihrem Sprachproblem ein Schnippchen zu schlagen?

Der Graf: Vor 15 Jahren war mir das nicht klar, aber rückblickend betrachtet gebe ich Ihnen Recht. Ich versteckte mich damals mit meinem Bühnenoutfit vor meinem Sprachproblem. Ich lachte damals auch nie auf der Bühne, sondern dachte, dass ich dunkel und düster sein müsste. Was seit 15 Jahren, seit dem Beginn von Unheilig, passiert, ist mein schrittweises, persönliches Öffnen. Ich werde mutiger darin, ich selbst zu sein. Auf der Bühne werde ich allerdings immer meinen schwarzen Anzug tragen, weil der einfach zur Bühnenfigur des Grafen gehört.

Apropos Bühnenfigur. Warum hat man Sie in Aachen noch nicht auf der Bühne erlebt?

Der Graf: Es wäre natürlich ein Traum, Unheilig im akustischen Rahmen auf der Burg Wilhelmstein, in meiner Heimatstadt, zu präsentieren. Aber das wird schlicht nicht möglich sein.

Weil Sie von dort mit wesentlich weniger Gage als nach einer Show im Kölner Stadion heimführen?

Der Graf: Nein, das wäre kein Problem für mich. Aber es gäbe ein heilloses Chaos, denn da säßen ganz sicher nicht nur Würselener im Publikum. Ich könnte danach nicht heimfahren, weil garantiert 200 Leute meinem Wagen folgten. Nach dem Stadion-Konzert in Köln stand vor meinem Haus ein Autokorso, was ich nicht lustig fand.

Wächst Ihnen der Graf langsam über den Kopf?

Der Graf: Nein, so schlimm ist es nicht, ich bin aber sehr daran interessiert, meine Familie zu schützen. In Aachen habe ich noch nicht gespielt, weil wir schlicht nicht den richtigen Platz für ein Unheilig-Konzert gefunden haben. Ich organisiere meine Konzerte in einem Team selbst.

Haben Sie mal darüber nachgedacht, auf dem Tivoli zu spielen?

Der Graf: Da würde ich super gerne auftreten, aber leider hat der Planer des Tivolis vergessen, die Fluchtwege so zu bauen, dass Menschen auf den Rasenbereich können. Man sieht am Beispiel des Kölner Stadions, wie es laufen kann. Dort ist das Stadion oft für Veranstaltungen großer Künstler gebucht.

Unser schöner Tivoli ist leider oft leer, weil das Stadion nicht für Veranstaltungen wie Konzerte geplant worden war. Zumindest ist mir das entsprechend zugetragen worden. Für Konzerte muss ich die Aachener Gegend also nach wie vor verlassen.

An einen Wegzug aus Ihrer Heimat haben Sie nie gedacht?

Der Graf: Nein, warum auch? Für mich ist Aachen die schönste Stadt Deutschlands, nur Hamburg kann in meinem Städte-Ranking mithalten. Welche andere deutsche Stadt hat einen Marktplatz wie Aachen, der umgeben ist von diesen kleinen schönen Gässchen? Die Architektur der Gegend um Dom und Rathaus spricht mich an, das ist meine Heimat. Oder die Gegend um die Bastei herum.

Noch als Teenager ging ich manchmal von Würselen nach Aachen zu Fuß – durchs Wurmtal, durch die Soers. Und wenn ich oben an der Bastei war, lag unter mir die große Stadt. Diese Erinnerungen werden immer bleiben.

Am kommenden Donnerstag werden Sie sich mit zwei neuen Liedern beim deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest als Kandidat für Kopenhagen empfehlen. Ist Ihnen Deutschland als Wirkungsstätte zu klein geworden?

Der Graf: Natürlich reizt mich die Aussicht, Unheilig einem internationalen Millionenpublikum präsentieren zu können, wenn ich den Vorentscheid für mich entscheiden sollte. Aber deswegen ist mir Deutschland nicht zu klein geworden. Ich möchte nur die Chance, die sich mit dem ESC bietet, nicht ungenutzt lassen.

Ihre Konkurrenz beim Vorentscheid in Köln ist mit Santiano und The Baseballs nicht gerade unbedeutend. Würde Ihr erfolgs-verwöhntes Ego nicht angekratzt, wenn Sie den Vorentscheid nicht gewinnen würden?

Der Graf: Ach was, wer sich dazu entschließt, Musik zu machen, weiß, dass es keine Garantie für Erfolg gibt. Ich habe mehr als zehn Jahre lang an meine Musik geglaubt, ohne überhaupt vom großen Publikum wahrgenommen zu werden. Als Verlierer werde ich so oder so nicht aus dem Vorentscheid-Rennen herausgehen, weil ich mich getraut habe, gegen die Konkurrenz angetreten zu sein.

Das erste Best-Of-Album von Unheilig – „Alles hat seine Zeit“ – erscheint am kommenden Freitag. Welches Resümee ziehen Sie angesichts dieser Werkschau nach 15 Jahren Unheilig?

Der Graf: Dass es sich immer lohnt, an den eigenen Visionen festzuhalten. Auf dem Album sind sieben alte Songs, zwei neue Instrumental-Nummern, die ich als Intro und Outro komponiert habe, die beiden Songs, mit denen ich beim ESC-Vorentscheid antreten werde und natürlich die großen Unheilig-Hits. Mich füllt es mit Genugtuung, dass ich heute als Folge meines Glaubens an meine Musik von meiner Musik leben kann.

Und was wird sein, wenn der große Erfolg irgendwann nachlässt?

Der Graf: Das wird irgendwann so sein, ganz sicher sogar. Aber bis dahin werden sich weiterhin Chancen auftun, die ich zu nutzen weiß. Wenn es irgendwann vorbei ist, werde ich nicht an den Nägeln kauend daheim sitzen, sondern mich des Satzes entsinnen, der meinem neuen Album seinen Titel gibt: „Alles hat seine Zeit“.

Der Graf und sein Projekt im Internet:

www.unheilig.com

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