122 Fotografien: Vom geheimen Leben der Dinge

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
Magnum
Licht und Schatten, Ligurien, Italien, 1936 Foto: Herbert List/ Magnum Photos
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Fischende Freunde, Vierwaldstättersee, Schweiz, 1936-1937 Foto: Herbert List/ Magnum Photos
Herbert List
Herbert List in Norwegen 1944 Foto: Herbert List/Magnum Photos
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Spiegelungen am Markusdom, Venedig, Italien, 1953 Foto: Herbert List/Magnum Photos
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Goldfisch-Schüssel, Santorin, Griechenland, 1937 Foto: Herbert List/ Magnum Photos
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Der Eier-Verächter, Hamburg, 1931 Foto: Herbert List/ Magnum Photos

Monschau. Auf einer Balustrade steht ein bauchiges Glas mit einem Goldfisch darin. In der Weite des Hintergrunds glitzert das Meer und umrahmt eine Landzunge. Ein Stillleben, auf den ersten Blick schlicht komponiert, auf den zweiten: komplex, hintergründig, symbolisch aufgeladen. Fotografiert von Herbert List (1903-1975) im Jahr 1937 auf Santorin.

Auf einer Balustrade steht ein bauchiges Glas mit einem Goldfisch darin. In der Weite des Hintergrunds glitzert das Meer und umrahmt eine Landzunge. Ein Stillleben, auf den ersten Blick schlicht komponiert, auf den zweiten: komplex, hintergründig, symbolisch aufgeladen. Fotografiert von Herbert List (1903-1975) im Jahr 1937 auf Santorin.

„Der Fisch in seinem engen Glas“, erklärt List später, „und draußen das weite Meer als Symbol für den Menschen, der sich infolge seiner Erdgebundenheit nie ganz von der Materie zu lösen vermag, der die großartige Jenseitigkeit nur ahnt, aber nicht in ihr untertauchen kann, weil er seinem Körper verhaftet ist.“ Licht und Schatten, die Spiegelung im Wasser und im Glas vereinen sich zu einem magischen Bild – ein überaus typisches Meisterwerk dieses in Hamburg geborenen Fotografen.

„The Magical in Passing“ („Das Magische im Vorübergehen“) ist die erste Ausstellung des Jahres im Kunst- und Kulturzentrum der Städteregion Aachen (KuK) in Monschau überschrieben. Mit dem englischen Titel unterstreicht KuK-Leiterin Nina Mika-Helfmeier einmal mehr den internationalen Anspruch ihrer Präsentationen.

122 Arbeiten zeigen einen Querschnitt durch das vielfältige Schaffen Herbert Lists – einem von insgesamt nur drei deutschen Angehörigen der legendären Pariser Fotoagentur Magnum. Humanistisch gebildet, kultiviert und äußerlich eine stets elegante Erscheinung, führen die Geschäfte den Kaufmannssohn aus der väterlichen Kaffeefirma bereits als 22-Jährigen nach Brasilien, Guatemala, Costa Rica, San Salvador und in die USA.

Die Kamera ist während dieser Zeit sein ständiger Begleiter. Nach dem Tod des Vaters übernimmt er für vier Jahre die Firma, um die Leitung dann aber dem jüngeren Bruder zu übergeben. List emigriert 1935 nach Paris, um der Verhaftung durch die Nazis wegen seiner jüdischen Abstammung zu entgehen. Die Fotografie wird für ihn die eigentliche Berufung.

Picasso und Braque haben List bereits als Jugendlichen fasziniert – in Paris lernt er sie später persönlich kennen und fotografiert sie. Maler wie Giorgio di Chirico und Max Ernst sowie Arbeiten des Künstlers Man Ray prägen seinen Stil – umschrieben wird er später mit dem Begriff „metaphysische Fotografie“.

In Paris werden für List die großen Surrealismus-Ausstellungen 1936 und 1937 zur Triebfeder seiner eigenen Arbeit. Motive wie Spiegel, Masken, Puppen, Metamorphosen, erweiterte Perspektiven und ungewöhnliche Kombinationen von Objekten kehren bei ihm immer wieder. „Das geheime Leben der Dinge sichtbar machen“ wird zu seinem Credo in dieser Zeit.

Diese „metaphysische Fotografie“ bildet eine Abteilung der Monschauer Ausstellung ab. „Im mediterranen Licht“ erlebt die List’sche Ästhetik eine ganz besondere Prägung, wie im Goldfisch-Stillleben von Santorin.

Faszination für die Antike

Die Faszination für die klassische Antike und den griechischen Mythos – sie wird ablesbar in all den Aufnahmen in Delphi, Delos, Korinth und Athen mit den Säulentrommeln vom Tempel des Olympischen Zeus oder den Schatten der Propyläen. List entwickelt in seinen Antikenbildern eine individuelle Handschrift und Bildsprache. „Ähnlich wie das Zeichnen ist die Photographie die Kunst des Weglassens“, erklärt er in seinem handschriftlich verfassten Aufsatz „Zur Photographie als Kunst“. „Das Typische setzen für die Vielheit, den richtigen Ausschnitt für das Ganze, die klare, konzentrierte Form für die verwirrende Fülle, das Symbol für eine Situation oder Handlung.“

Säulen und Skulpturen, architektonische Versatzstücke, Relikte und Reliefs – List separiert sie aus dem Ganzen heraus, stellt sie absolut und detailliert in den Vordergrund und erreicht eine unmittelbare Nähe mit faszinierender Wirkung. Zumal im raffinierten Spiel von Licht und Schatten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fotografiert List die Zerstörungen in München – in einem ähnlichen Stil wie die Aufnahmen von den antiken Ruinen in Griechenland. Er inszeniert eine Trümmerästhetik, die er als „bittere Warnung“ versteht, wie er in einem Brief im Jahr 1948 offenbart. Zu der Zeit hatte er ein Buchprojekt im Sinn, bei dem er die Aufnahmen von der Nachkriegssituation in München unter dem Titel „Die magischen Reste“ zusammenfassen wollte. Indes: Zur Realisierung ist es nicht gekommen.

15 Jahre nach seinem Tod, 1988, wurden indes diese Motive veröffentlicht: homoerotische Aktaufnahmen von jungen Männern. „Söhne des Lichts“ lautete der Titel des Buchs. Auch diesen Arbeiten ist ein Kapitel der KuK-Ausstellung gewidmet: „Begehren visualisieren“ – geschlechtslose Rückansichten, träumerisch inszenierte Posen und Situationen.

„Mit den Augen eines Poeten“ porträtiert List Maler, Schauspieler, Bildhauer, Musiker und Wissenschaftler – vor allem prominente Zeitgenossen während seiner Pariser Zeit von 1944 bis 1949. Er bildet sie auf Augenhöhe ab, als Künstlerkollege, psychologisch einfühlsam und zurückhaltend. Picasso, Chagall, Arp, Cocteau und wie sie alle heißen.

„Die Schönheit des Lebens“ – so ist die letzte List-Abteilung im KuK überschrieben – ein deutsch-italienisches Tagebuch mit lebensfrohen Aufnahmen aus Rom oder Norddeutschland. „Picknick an der Ostsee“ heißt eines dieser Bilder. Die Damen mit Hut und aufgespanntem Schirm in den Dünen. Nina Mika-Helfmeier: „So könnte man sich doch einen Ausflug der Buddenbrooks vorstellen.“ Magische Bilder, wie im Vorübergehen entstanden…

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