1000-Euro-Fund: Elas Glück entschädigt für alle Strapazen

Von: Beatrix Oprée
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Daumen hoch: Die kleine Ela weiß, worauf es ankommt, nämlich dass die Familie endlich wieder vereint ist. Foto: Beatrix Oprée

Alsdorf. Ihren dritten Geburtstag hat Ela nicht feiern können, keinen Kuchen, keine Kerzen, keine Geschenke. Ela war auf der Flucht. Ihre Mutter und ihre Tante haben sie abwechselnd auf dem Rücken durch Dörfer und karge Landschaften getragen. Hunderte Kilometer weit. Immer in der Angst, entdeckt oder gar überfallen zu werden.

Immer in der Sorge, ausreichend zu trinken zu haben, damit das kleine Mädchen unbeschadet den sicheren Zielort erreicht. Doch jetzt ist Ela glücklich, schmiegt sich voller Vertrauen an den Vater, den sie so viele Monate vermisst hat. Ela ist in Deutschland angekommen.

Der Vater ist Mahmoud Abdullah, der Flüchtling aus Syrien, über den Medien bundesweit berichteten, weil er in Alsdorf 1000 Euro auf der Straße fand, sie zur nächsten Polizeidienststelle brachte und sogar auf den Finderlohn verzichtete. Eine Sache der Ehre sei es für ihn gewesen, sagte Abdullah immer wieder knapp, als Medienvertreter ihn interviewten. So ganz genießen konnte und wollte er das Aufheben um ihn jedoch nicht. Denn seine Gedanken waren bei seiner Familie, bei seiner Frau Shirin und seinem Kind. Jetzt kann er aufatmen und würde das Töchterchen am liebsten nie wieder loslassen.

Die junge Familie stammt aus Aleppo, einer der am meisten umkämpften Städte in Syrien. Als ihr Haus weggebombt wurde, mussten die Abdullahs fliehen. Und alles aufgeben, was sie sich erarbeitet hatten: das Fachgeschäft, das der gelernte Elektroinstallateur führte, genauso wie die Schneiderwerkstatt mit 14 Nähmaschinen, die seiner Frau gehörte. 100 Kilometer nordwestlich von Aleppo fanden sie Unterschlupf, bei Shirins Familie. Doch dort mangelte es an allem, selbst Wasser zu besorgen, wurde zur schier unlösbaren Aufgabe. Zudem zieht die Armee des syrischen Machthabers Baschar al-Assad regelmäßig durch die Orte, um gewaltsam junge Männer einzuziehen. Nur die wenigsten kommen zurück.

Mahmoud Abdullah und sein Bruder beschlossen, sich nach Deutschland durchzuschlagen, um dort Asyl zu beantragen. Die Familie könne er bald nachholen, hoffte er. Das war vor rund neun Monaten. Mahmoud Abdullah wurde schnell anerkannter Flüchtling, doch eine geregelte Familienzusammenführung sollte in absehbarer Zeit nicht möglich sein. Für den 31-Jährigen war es unerträglich, dass er Frau und Tochter von Deutschland aus nicht unterstützen konnte. Shirin Abdullah war inzwischen mit dem Rest der Familie ins türkische Izmir geflohen. Es gab keine Wahl, die Kampfhandlungen rückten immer näher.

Als die Familie schließlich beschloss, die Flucht fortzusetzen, musste die 35-Jährige mit. Per Schlauchboot sollte es über das Mittelmeer gehen. Von der türkischen Küstenwache aufgegriffen, landete Shirin zunächst in Haft. Fast krank vor Sorge hatten ihr Mann und ihr Bruder Ahmed Hasan, der schon mehr als zehn Jahre in Deutschland lebt und einen deutschen Pass hat, erst drei Tage später wieder Mobilfunkkontakt zu ihr. Die Appelle der beiden Männer an Shirin, lieber doch in Izmir zu bleiben und nicht noch einmal das Leben zu riskieren, gingen ins Leere. Die Familie startete einen zweiten Versuch, um über die Ägäis zu gelangen, wieder in einem Schlauchboot. Mahmoud stand Todesängste aus, die Bilder von gekenterten Flüchtlingsbooten vor der libyschen Küste vor Augen.

Doch Shirin, die kleine Ela und ihre Tante, die ebenfalls Shirin heißt, hatten unendliches Glück. Wieder an Land begann der lange Weg, der größtenteils zu Fuß, aber auch in Lastwagen und Bussen zurückgelegt wurde. Je nachdem, was die Flüchtlingsgruppe organisieren konnte. Rund 6000 Euro hat Shirin insgesamt an Schlepper gezahlt, Geld, das die ganze Familie zusammengekratzt hatte.

Elas strahlende Augen aber entschädigen für alle Strapazen, Ängste und Sorgen. Doch mit der Ankunft in Deutschland war die Odyssee von Shirin und Ela Abdullah nicht zu Ende: Wo den ersehnten Asylantrag stellen? Über 300 Kilometer reiste die Familie vom Wohnort des Bruders zunächst nach Aachen. Das erschien naheliegend, denn hier ist Mahmoud Abdullah registriert. Das Ausländeramt der Städteregion erwies sich jedoch als nicht zuständig. Und die avisierte zentrale Ausländerbehörde für NRW in Dortmund hatte am Vortag die Pforten geschlossen, wegen Überfüllung. Seither irrten viele weitere Flüchtlinge durchs Land auf der Suche nach einer Anlaufstelle.

Dann der erlösende Hinweis: In Bielefeld könne man sich auch registrieren lassen. Hoffnungsfroh begab sich die völlig erschöpfte Familie am selben Abend also wieder auf die Autobahn. Am nächsten Morgen reihten sich die beiden Frauen mit der Dreijährigen und Hunderten von Menschen vor der Ausländerbehörde ein.

Bürokratische Hürden

„Wer es bis 12 Uhr ins Innere des Gebäudes schafft“, so die Auskunft der Behörde auf Anfrage unserer Zeitung, der schaffe es auch noch, innerhalb der Dienstzeit einen Asylantrag einzuleiten. Für alle anderen gebe es Transferpapiere und ein Notasyl, um am Folgetag erneut vorstellig zu werden. Shirin hat es geschafft. Ein erster Schritt inmitten eines Wustes von Anträgen, Untersuchungen und Verhandlungen, die die junge Familie in der kommenden Zeit bewältigen muss. Bei seinem Schwager Hasan, der eine Firma betreibt, kann Mahmoud eine Anstellung bekommen. Sobald alle bürokratischen Hürden genommen sind.

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