Eschweiler - 100 Jahre Kraftwerke: Dunkle Wolken zum Jubiläum

100 Jahre Kraftwerke: Dunkle Wolken zum Jubiläum

Von: Patrick Nowicki
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Der Tagebau Inden und das Kraftwerk Weisweiler: Vor 100 Jahren wurde dort zum ersten Mal Strom produziert. Foto: RWE-Archiv/Nowicki

Eschweiler. Das Prinzip hat auch nach 100 Jahren noch Bestand: Wasser wird erhitzt, der dadurch entstehende Dampf treibt eine Turbine an, die an einen Generator gekoppelt ist. So entsteht Strom in einem Braunkohlekraftwerk.

Zwölf Megawatt Leistung schaffte das erste Kraftwerk in Weisweiler im Jahr 1914, zehn Dekaden später besitzt der Nachfolger auf der anderen Seite der Autobahn 4 eine Leistung von 1992 Megawattstunden und produziert 14 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr – die Vorschaltgasturbinen sind dort nicht eingerechnet.

Standort auf dem Prüfstand

Ausgerechnet im Jubiläumsjahr ziehen jedoch dunkle Wolken über Weisweiler: Der RWE-Konzern steckt mit dem Aufschwung der regenerativen Energieformen mitten in der Krise, weil der Photovoltaik-Boom die Preise auf dem Strommarkt purzeln ließ. Jedes Jahr stellt der Essener Energieriese seinen Kraftwerkspark auf den Prüfstand. „Jeder Standort für sich muss sich rechnen“, sagt der Weisweiler Kraftwerksleiter Gerhard Hofmann.

In seinem Fall werden der Produktionsstandort und der Tagebau Inden, der Braunkohle ausschließlich zur Stromerzeugung in Weisweiler gewinnt, gemeinsam betrachtet. Derzeit gilt dort das Spardiktat. Will sagen: Die Personaldecke von noch 530 Arbeitnehmern wird konkret um 60 Menschen verringert. „Sozialverträglich“, wie Hofmann betont.

Kein Zweifel, der Industriestandort Weisweiler hat schon rosigere Zeiten erlebt. Der Vorort von Eschweiler war ein Sinnbild für den Aufschwung mit dem Bergbau. Die ehemalige BIAG Zukunft, die den Tagebau nördlich von Eschweiler und das Kraftwerk bis zur Fusion zur „Rheinischen Braunkohlewerke Aktiengesellschaft“ im Jahr 1959 betrieb, beschäftigte bis zu 3500 Menschen.

Das erste Kraftwerk, überraschender Weise „Kraftwerk Weisweiler II“ genannt, befand sich auf dem Gelände des heutigen Gewerbeparks „In der Krause“. Also südlich von und unmittelbar an der Autobahn 4 zwischen Aachen und Köln. Zwischen 1975 und 1980 verschwanden sämtliche Spuren der Industrieanlage – das Kraftwerk wurde samt Brikettfabrik abgerissen.

Schon im Zweiten Weltkrieg bestanden erste Pläne, nördlich der Autobahn ein neues Kraftwerk zu errichten. Umgesetzt wurde dieses Vorhaben allerdings erst im Juli 1953, als die Bauarbeiten dort begannen, ehe die Anlage zwei Jahre später mit einer Leistung von 350 Megawatt ans Netz ging. Die Bedeutung dieses Ereignisses wird auch darin deutlich, dass die Symbolfigur des Nachkriegsaufschwungs, der Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhardt, an dem Festakt teilnahm.

Doch zurück zur Gegenwart: Am Kraftwerk Weisweiler lässt sich auch eine große Fehleinschätzung der Energieexperten im vergangenen Jahrzehnt erkennen. Gas sollte nämlich als günstiger und auch umweltschonender Brennstoff den Wandel in der Stromerzeugung mitprägen. RWE Power investierte in zwei Vorschaltgasturbinen, die die beiden großen 600 Megawatt-Blöcke verstärken sollten.

Zudem kann man mit Gasanlagen schneller als mit reinen Braunkohlekraftwerken auf Stromschwankungen im Netz reagieren. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn das Wetter umschlägt und Wolkendecken die Einspeisung von Strom aus Photovoltaikanlagen deutlich verringern.

Doch inzwischen ist Gas unwirtschaftlich geworden, die Anlage am Kraftwerk Weisweiler ist konserviert, weil sich der Betrieb nicht auszahlt. 150 Millionen Euro hat sie vor sieben Jahren gekostet.

Wohin die Reise in der Energiewirtschaft gehen soll, ist von der Politik eindeutig vorgegeben: Strom aus Braunkohle soll in absehbarer Zeit der Vergangenheit angehören, um die Umwelt zu entlasten.

Der RWE-Konzern hält dem entgegen, dass aktuell keine Technologie bestehe, die den Strom aus Wind und Sonne so speichern könne, dass er in großer Menge auch bei windstillen, dunklen Tagen nutzbar ist. Auch der Weisweiler Kraftwerksdirektor Gerhard Hofmann vertritt diese Ansicht: „Wir benötigen die fossilen Brennstoffe zur Stromgewinnung als Brückentechnologie.“

Investiert wurde in den vergangenen Jahren dennoch im Weisweiler Kraftwerk: Die Leittechnik wurde bei den Revisionen der beiden großen 600-Megawatt-Blöcke vor zwei Jahren auf den neusten Stand gebracht. Der Essener Energieriese ließ sich die Instandhaltung der Kessel und die Erneuerung des Leitstands eine dreistellige Millionensumme kosten.

Damit kann man im Kraftwerk nun schneller auf die Schwankungen im Stromnetz reagieren, die vor allem durch Photovoltaik und Windenergie entstehen. Allerdings bemängelt Hofmann, dass nach wie vor nur jede Kilowattstunde Strom abgerechnet werde: „Es ist ja auch wichtig, dass wir den Strom für den Fall der Fälle bereithalten müssen.“ In seinen Augen werde dies jedoch nicht entsprechend vergütet.

Wohin die Reise des Kraftwerkstandorts Weisweiler geht, kann im Moment noch niemand sagen. Eschweilers Bürgermeister Rudolf Bertram mahnt seit Jahren, dass ein erneuter Strukturwandel in der Region bevorstehe. Dies wird inzwischen auch bei der Landesregierung in Düsseldorf so gesehen. Für Weisweiler bedeutet dies konkret, dass der Tagebau Inden im Jahr 2030 ausgekohlt sein soll. Dann dürfte nach heutigem Stand auch die Kraftwerksära in Weisweiler enden. Ein weiteres klassisches Jubiläum wird es wohl nicht mehr dort geben.

Auch das „Hundertjährige“ wird nicht in einem großen Rahmen gefeiert. „Aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Lage“ werden nur zwei interne Feste stattfinden: eines für geladene Gäste aus Politik und Gesellschaft sowie ein Oktoberfest mit Programm für die RWE-Mitarbeiter.

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