Zwei Jahrzehnte Behindertenforum: Grund zum Feiern?

Von: Beatrix Oprée
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Dieser Behindertenparkplatz an der Friedrichstraße in Kohlscheid ist für Dieter Kohnen nur eines von oft haarsträubenden Beispielen. Wie soll ein Rollstuhlfahrer um den Baum herum in den Wagen gelangen? Foto: Oprée (2), Bienwald
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Hat sich in seinem Eigenheim auf sein Leben im Rollstuhl eingerichtet: Dieter Kohnen. In der Öffentlichkeit allerdings vermisst er die nötige Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme auf behinderte Menschen. Foto: Oprée (2), Bienwald

Herzogenrath. Zwei Jahrzehnte Behindertenforum in Herzogenrath – ein Grund zum Feiern? Natürlich, denn es ist ja auch viel erreicht worden, sagt Anne Fink, die heutige Vorsitzende. Auch auf Gesetzesebene gebe es gar keinen Grund zu meckern. Dennoch bleibe immer noch unendlich viel zu tun auf dem Gebiet der Inklusion. Und so kann man den runden Geburtstag trefflich nutzen zu einer kritischen Bestandsaufnahme.

 Die Anfrage unserer Zeitung nehmen die Akteure gerne zum Anlass. Forumsmitglied Dieter Kohnen weiß aus eigener leidiger Erfahrung, was es bedeutet, als Rollstuhlfahrer im Alltag klarkommen zu müssen. Eine missglückte Aorten-Operation machte ihn zum Querschnittsgelähmten. 17 Jahre ist es her, als sich das Leben des damals 52-Jährigen von Grund auf änderte. Sein Eigenheim haben er und seine Frau Henrica behindertengerecht aufgerüstet: Treppenlift, Rollstuhllifter, Rampen. Doch jenseits seiner eigenen vier Wände stößt er auf Grenzen, allerorts, Tag für Tag.

Was Kohnen am meisten ärgert: die Gedankenlosigkeit, die immer noch in den Köpfen vorherrsche. Nicht nur vieler Mitbürger im täglichen Miteinander, sondern vor allem auch in den Köpfen der Verantwortlichen. Politikern und Planern wirft er vor, immer noch nicht automatisch an die Belange Behinderter oder Gebrechlicher zu denken. Schlagworte wie „Barrierefreiheit“, „Inklusion“ und „Teilhabe“ sind für ihn allenfalls „Feigenblätter“.

Ehefrau Henrica winkt prompt mit einem Foto. Aufgenommen wurde es vor einer Arztpraxis an der Friedrichstraße in Kohlscheid. Es zeigt einen mit einem Rollstuhl-Piktogramm markierten Behindertenparkplatz. Angelegt genau vor einem Straßenbaum samt gut bepflanzter Baumscheibe. Genau hingucken beim Öffnen der Wagentür auf der Beifahrerseite ist da angesagt. Doch als Rollifahrer einsteigen? Fehlanzeige.

Erst auf dem Platz davor oder dahinter anhalten, das Aussteigemanöver vollziehen und dann den Wagen in die vorgesehene Bucht setzen, habe ihr ein anderer Patient geraten, berichtet Henrica Kohnen. Die betreffende Stelle zu überprüfen, sagt der zuständige Fachbereich auf Anfrage unserer Zeitung denn auch sofort zu. „Wir haben eine Reihe von Behindertenparkplätzen, speziell vor Arztpraxen“, ergänzt Fachbereichsleiter Jürgen Venohr. „Wir versuchen immer, solche Parkplätze einzurichten. Doch oft ist dies nur im Bestand möglich.“ Will heißen: Die Bäume am Straßenrand haben Bestandschutz. Doch Dieter Kohnens Liste der Unzulänglichkeiten in seiner Umwelt ist noch viel länger.

Betrachtet man zum Beispiel sein Engagement als sachkundiger Bürger im Bau- und Verkehrsausschuss der Stadt Herzogenrath: Alleine ins Rathaus zu gelangen, kann für ihn ein teurer Spaß werden. 27 Euro muss er pro Strecke berappen, macht hin und zurück stattliche 54 Euro, nur um seine Rechte respektive Pflichten als Ausschussmitglied wahrnehmen zu können. Kohnen: „Wir haben zwar ein Teilhabegesetz. Aber wenn man nur wenig über der Einkommensgrenze für ein Transportkontingent liegt, zahlt man kräftig drauf.“ Überhaupt das Rathaus: Dass das Behindertenforum aus Brandschutzgründen nicht mehr abends im Ratssaal auf der ersten Etage tagen darf, haben seine Mitglieder zähneknirschend hingenommen. Doch nun müssen auch alle Verbindungstüren geschlossen bleiben, erläutert Henrica Kohnen. „Wer zum Amt will, muss sich jetzt vorher anmelden und wird dann abgeholt.“ Das ist zwar ein guter Service, kratzt aber auch am Wunsch auf ein eigenbestimmtes und möglichst autarkes Leben.

Für Anne Fink ist deswegen klar: Hier muss das Rathaus technisch aufgerüstet werden: „Es gäbe zwei Varianten: Druckknöpfe für automatische Türöffner, oder die Türen bleiben wieder offen und schließen sich bei Rauchentwicklung. Dann müssten eben überall Rauchmelder aufgehängt werden.“ All das gelte es zu prüfen.

Anderes Beispiel: Beim jüngsten Rollstuhlwandertag war es ihr wieder aufgefallen – wie schwer die Behindertentoilette im Schulzentrum, einer auch am heutigen Tage gern genutzten Veranstaltungsstätte, zu erreichen sei. Die Schwelle zwischen den Türen sei einfach zu hoch, beim Wandertag sei eine Rollifahrerin an dieser Stelle denn auch prompt gestürzt.

Und dann gibt es noch die Dauerbrennerthemen wie die Unerreichbarkeit der Burg Rode für Menschen mit körperlichen Handicaps. Dieter Kohnen: „Auch bei der Umgestaltung im Zuge der Euregionale 2008 sind Behinderte außen vor gelassen worden. Man hat einfach nicht an uns gedacht.“

Immer noch nicht gelöst sei zudem die Situation am Bahnhof Kohlscheid, auf die Kohnen schon vor Jahren aufmerksam machte – vor versammelten Festgästen, als es darum ging, den neu gestalteten Bahnsteig einzuweihen: Denn die Plattform ist zu niedrig als dass man mit einem Rollstuhl oder auch einem Kinderwagen einfach so in den Zug rollen könnte. Fink: „Natürlich ist dies Sache der Bahn. Aber der Bahnsteig müsste nur ein wenig nach oben angeschrägt werden, um auf gleiches Niveau mit dem Zug zu kommen.“

Zu wenig spielten die einzelnen Institutionen ineinander, um die vorgeschriebene Inklusion endlich in die Tat umzusetzen, beklagt sie. Große Hoffnungen habe sie auf das Inklusionsamt bei der Städteregion gesetzt: „Aber es hat sich herausgestellt, dass die Zuständigkeiten in den Städten dann wiederum nicht geregelt sind.“

Dieter Kohnen beharrt: „Warum hat die Stadt Herzogenrath denn keinen festen Behindertenbeauftragten?“ Und mutmaßt: „Wir haben als Forum nur eine Alibifunktion!“

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