Zwei Briefe, die einen Lebensweg begleiten

Von: ehg
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Anna Seifener blättert in Erinnerungen: Zur Weihnachtszeit nimmt die Würselenerin zwei Briefe zur Hand, die sie geprägt und jahrzehntelang begleitet haben. Foto: Wolfgang Sevenich
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Foto aus der Kindheit: Anna Seifener mit zwei verwandten Jungen.

Würselen. Zwei Briefe sind es, die die 74-jährige, an der Oppener Straße 33 sesshafte Anne Seifener sieben Jahrzehnte lang durch ein bewegtes und unstetes Leben begleitet haben und jedes Jahr zur Weihnachtszeit vielfältige Erinnerungen in ihr wecken.

Geboren wurde Anna Agathe Agnes Klos – so ihr ausführlicher Mädchenname im Stammbuch – 1938 in Kerkrade. Doch dort lebte sie nicht lange. „Da mein Vater Deutscher war, wurden wir ausgewiesen. Obwohl meine Mutter eine ‚Holländerin‘ war.“

Die Familie kam in Düsseldorf unter, wo Klein-Anna den Kindergarten besuchte. In ihm packte die Vierjährige genauso wie die anderen Kinder zu Weihnachten ein Päckchen für verletzte Soldaten im Lazarett in Lohausen. Es landete bei dem 50-jährigen Fritz Camin, wie sich aus dem in Sütterlin abgefassten zwei Seiten langen Brief ergab, der bei den Seifeners am 22. Dezember 1942 ins Haus flatterte. „Liebes kleines Mädel! Hab‘ recht innigen Dank für Dein Päckchen, das ich in unserer heutigen Weihnachtsfeier bekommen habe.“ So viel konnten die Seifeners entnehmen. Und dabei ließen sie es auch lange bewenden.

In lateinische Schrift „übersetzt“

Doch als der 70 Jahre alte, leicht ausgefranste Brief der Anne Seifener in diesen Tagen wieder in die Hände fiel, wollte sie endlich seinen kompletten Inhalt erschließen. Dazu bemühte sie eine Freundin, die ihn in die lateinische Schrift „übersetzte“. Obwohl vom Schicksal schwer geprüft, mahnte Fritz Camin das „liebe kleine Mädel“ vor 70 Jahren, den Mut nicht sinken zu lassen. „Wir wollen auf unseren Herrgott vertrauen, der alles wieder auf den rechten Weg bringen wird.“ Und: „Behalte Dein gutes Herz, auch Deinen Eltern gegenüber, so wirst Du viel Freude in Deinem Leben haben.“ Eine bessere Zukunft wünschte er ihr und auch – verständlicherweise – sich selbst!

Sie sah für Familie Seifener so aus, dass sie über Thüringen und die Lüneburger Heide 1946 eine neue Heimat in Fredeburg im Sauerland fand. „Dort hatte mein Vater Arbeit bei der Bahn gefunden.“ Hier besuchte Anne Seifener von der zweiten Klasse an die Schule, aus der sie 1953 entlassen wurde. Als Kindermädchen fand sie in Kreuztal (Siegen) eine Stelle.

Nach Mülheim an der Möhne bei Soest hatte es zuvor noch die neun Jahre alte Anna verschlagen, zur Kur in einem von Ordensschwestern geleiteten Kinderheim. „Ich war damals sehr schmächtig und sollte in ihm aufgepäppelt werden.“ Von dort schrieb sie selbst am 15. Dezember 1947 einen Brief an die Eltern.

„Gutes Essen gibt es hier, sonntags sogar Kuchen“, schrieb sie den Eltern und den fünf Geschwistern das Wasser im Mund zusammen.

Dennoch hatte das neunjährige Mädchen aus der Gruppe „Immerfroh“ einen Wunsch. „Liebe Mutti, schicke mir bitte das weiße Kleid, die weißen Strümpfe, das Kränzchen und die Halbschuhe von der Kinderkommunion.“ Keine Frage: Er wurde ihr erfüllt, so dass die Anna Agathe Agnes im englischen Gewand am Krippenspiel zu Weihnachten teilnehmen konnte. Auch den zweiten Brief hütet sie heute noch wie ihren Augapfel.

In Kreuztal lernte Anne Seifener ihren Mann kennen. 1959 wurde geheiratet. In Siegen sind auch ihre drei Kinder geboren, die Tochter und die beiden Söhne. Von der Sieg siedelte sie 1968 nach Würselen über, erst an die Kreuzstraße.

Zehn Jahre später starb nach dreijähriger schwerer Krankheit ihr Mann. Seitdem muss sie ihr Leben allein in die Hand nehmen, nachdem die Kinder flügge geworden waren.

Sicher ist sich die 74-Jährige, dass ihre Odyssee an der Oppener Straße 33 geendet hat. Zumal auch ihre drei Kinder – ihr ganzer Stolz! – in Würselen ihr Zuhause gefunden haben. Wobei ihre Söhne Heinz und Ralf keine Unbekannte in Würselen und Umgebung sind. In der weit über die Stadt hinaus bekannten Coverband „Wheels“ übernehmen sie als Gitarrist und Schlagzeuger ihren Part. „Der Sohn von Ralf hat auch schon eine eigene Band gegründet.“ Damit geht die Musik bei den Seifeners in die dritte Generation. „Mein Mann machte auch schon Musik.“ Anne wollte da nicht zurückstehen: „Ich habe von Kindheit an gerne gesungen.“

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