Zeitzeugen schildern Schrecken des Holocaust

Von: Sigi Malinowski und Stefan Schaum
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Viele Rückblicke: Beim Abend im Settericher Pfarrheim wurden die Schilderungen von Hanuš Hron, Michal SalomonoviČ und Eva Macourková (v.l.) von Musiker Bülent Saltik begleitet. Foto: Malinowski/Schaum
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Eröffnet wurde eine Ausstellung im Pfarrheim, über die Heinz-Josef Keutmann (l.) und Heinrich Jaeger vom Geschichtsverein Setterich informierten. Foto: Malinowski/Schaum
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Auch im Gymnasium waren die Zeitzeugen zu Gast. Foto: Malinowski/Schaum

Baesweiler. Eva Macourková kämpft oft mit Schuldgefühlen. Sie hat Ausschwitz überlebt – doch die 83-jährige Tschechin empfindet das manchmal als Belastung. Auch heute noch, 74 Jahre nach ihrer Befreiung aus dem Konzen-trationslager. Als damals Neunjährige ist sie den Gräueln entkommen.

Als sie ihre frühe Lebensgeschichte mit brüchiger Stimme im Settericher Pfarrheim St. Andreas erzählte, kämpfte sie mit den Tränen. Aber sie weinte nicht. Sie erzählte von der Zeit, als Juden selektiert, entwürdigt geschlagen, gefoltert, ermordet wurden. „Ich hatte das Glück, dass meine Mutter vor mir ging und meine Schwester nach mir kam...“

In einer Reihe standen die drei bei einer Selektion durch KZ-Arzt Josef Mengele. Der tippte abwechselnd auf die Menschen vor ihm – und danach waren Mutter und Schwester für immer verschwunden. Seitdem trägt die in Prag lebende Jüdin Schuldgefühle in sich, die sie nicht los wird. Aber dann sagte sie auch: „Der heutige Abend ist ein Grund zum Optimismus – dass sich das nie wiederholen mag“. Sie sagte das in der Sprache, die sie nie mochte aber auch – zum Überleben – lernen musste. Auf Deutsch.

Hilfen im Alltag

Im Pfarrheim an der Burg drängten sich fast 100 Gäste, um den Lebens- und Leidensgeschichten von drei deportierten Juden zuzuhören. Michal Salomonovi (81), Hanuš Hron (89) und Eva Macourková waren auf Einladung des Maximilian-Kolbe-Werks nach Baesweiler gekommen. Das Werk, das in Baesweiler von Herbert Meinl und Antje Hugle aus Freiburg vertreten wurde, bietet Überlebenden der Konzentrationslager und Ghettos Hilfe und Unterstützung im Alltag an und betreut die Menschen auch im hohen Alter. Nur noch wenige dieser Zeitzeugen gibt es. Auch deshalb sagen die drei jüdischen Besucher, die häufig auf Einladung des Werks in Deutschland sprechen: Fragt uns, wir sind die Letzten!

Vor Ort in Baesweiler hatten die beiden Geschichtsvereine aus Setterich und Baesweiler, der Nachbarschaftstreff, die Gruppe für Ausländerfreundlichkeit, die KAB St. Marien Baesweiler und das KAB-Bildungswerk der Diözese Aachen die Besuchergruppe begleitet und Termine koordiniert. Jorge Trigoso vom Nachbarschaftstreff begrüßte die Gäste bei der zentralen Abendveranstaltung. Er zeigte sich „überwältigt vom Zuspruch, den wir heute Abend haben“.

Bevor die Gäste ihre Geschichten erzählten und mit den Besuchern in den Dialog traten, ergriffen Heinz-Josef Keutmann, Vorsitzender Geschichtsverein Baesweiler, Günter Pesler, Geschäftsführer Geschichtsverein Baesweiler, sowie Dr. Herbert Weber das Wort. Weber stellte das neue Projekt des Geschichtsvereins Setterich vor, zu dem auch eine kleine Ausstellung angeboten wurde. „Die Geschichte der Juden in Setterich“ ist in Arbeit – dazu wird voraussichtlich 2018 ein Buch erscheinen, kündigte Weber an. Dem Arbeitskreis gehören neben ihm Heinz-Josef Keutmann, Heinrich Jäger, Anneliese Vater und René Jansen an. Jüdische Mitbewohner fanden weit vor dem Zweiten Weltkrieg in Setterich ihr Zuhause. Teilweise wohnten bis zu 90 Personen jüdischer Herkunft in Setterich.

Volker Klüppel übernahm die Moderation der Gespräche mit den Zeitzeugen. Auch Michal Salomonovi aus Ostrau erzählte von seiner Kindheit, die mit der Deportation in ein Ghetto nach Lodz jäh beendet wurde. „Es war schwierig aber man überlebte, wenn man arbeiten konnte. Ich war ja noch ein kleiner Bub als die Nazis uns holten.“ Dem Vater habe man eine tödliche Spritze ins Herz gesetzt, der damals zwölfjährige Michal wurde zur Arbeit in einer Munitionsfabrik in Dresden gezwungen. Bei einem Hungermarsch zu einem anderen KZ konnte er flüchten. „Wir sind bei einem Fliegerangriff weggelaufen.“

Von der Zeit im KZ sprach auch der Älteste in der Runde, Hanuš Hron. Auch ihm sei der Dialog sehr wichtig. „Alles, was man macht und was die Erinnerungen verlängert, hat seinen Zweck.“

Der schlimmste Teil

Wie schafft man das, diese Ereignisse zu verdrängen und wie schwer ist es, nach Deutschland zurückzukommen – diese Fragen hatten die Zuhörer. „Wir haben Hanuš und seinen Humor“, erklärte Michal Salomonovi ganz salopp. Um dann ernster zu werden. „Wir haben uns lange nicht erinnern wollen, uns dann aber mit unserer Geschichte auseinandergesetzt, bis man darüber reden konnte“. Manchmal falle es schon schwer, nach Deutschland zu kommen. „Wir haben aber heute keinen Zorn oder Hass mehr.“ Hanuš Hron: „Wir hatten noch weit nach Kriegsende große Angst vor den Deutschen, aber irgendwann merkte man auch: Hitlers Macht und seine Leute waren endgültig weg.“ Zum Thema Hunger merkten alle drei an: „Das war furchtbar. Vor allem unsere Mütter mussten sehr viel aushalten“.

Eva Macourková erinnerte sich an ihre letzten Wochen in Bergen-Belsen. „Die Deutschen waren alle bereits vor der Roten Armee geflohen. Wir hatten nichts mehr und waren uns völlig selbst überlassen. Krank mit hohem Fieber haben wir gefrorene Kartoffeln oder Schalen gegessen. Das war der schlimmste Teil meiner Kriegserfahrung.“ Volker Klüppel dankte am Schluss des Dialoges: „Sie machen Geschichte authentisch und lebendig“.

Lebendige Geschichte – darum ging es auch bei den Gesprächen mit Baesweiler Schülern. Vor den Neuntklässlern des Gymnasiums haben die Zeitzeugen gesprochen und vor dem zehnten Jahrgang der Realschule. Zwei Orte – ein Bild: Jeweils um die 100 Schüler, die still und aufmerksam zuhörten. Da war niemand, der mit seinem Nachbarn feixte, niemand, der lachte. Alle saßen sie einfach da und klebten mit ihren Blicken an Menschen, die von einer Zeit erzählten, die für heutige Schüler schon unfassbar weit weg ist.

Auch Fragen wurden gestellt, sehr viele sogar. Selbst als die eigentlich eingeräumte Zeit von jeweils zwei Schulstunden bereits verstrichen war, meldeten sich noch etliche Schüler zu Wort. „Wie war das Gefühl als Sie befreit wurden?“, „Verfolgen Sie die Bilder von damals heute noch in den Träumen?“, „Erwarten Sie, dass sich das noch einmal wiederholen kann?“ Viele Fragen, die alle beantwortet wurden. Damit es sich eben nicht wiederholt. Michal Salomonovi: „Deutschland hat gelernt. Die Menschen heute wissen, wohin es führt, wenn man wegsieht und rechte Kräfte stark macht.“ In der tschechischen Heimat sei das anders. „Dort nimmt der Extremismus gerade wieder zu.“ Dass junge Zuhörer noch offen für mahnende Worte sind, freute den Besucher sehr.

Viel Lob für das Engagement der Zeitzeugen gab es bei einem kleinen Empfang im Rathaus. „Ich bin zutiefst beeindruckt, dass sie trotz solch schrecklicher Erfahrungen heute bereit sind, wieder in dieses Land zu kommen und der Jugend zu zeigen, wie leicht solche Gräuel entstehen können“, sagte Bürgermeister Dr. Willi Linkens. Das sei gern geschehen, versicherten die Besucher. Denn es sei ihnen vor allem das: ein Herzenswunsch.

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