Zeitzeugen befragt: „Alpträume kommen noch heute”

Von: ger
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So lebthaft kann kein Geschichtsbuch sein: Zeitzeuge Helmut Clahsen berichtet Magnus Pütz (l.) und Amir Jariani (r.) von Verfolgung und Hass der Nazi-Zeit und dem Neuanfang. Foto: Daniel Gerhards

Würselen. Wie war das eigentlich damals, als die Bundesrepublik gegründet wurde? Was bedeutete dies für die Überlebenden des Zweiten Weltkrieges? Wie sehen Jugendliche von Heute diese Zeit?

Im Rahmen der Sozialaktion „72 Stunden” des Bundes der deutschen katholischen Jugend sprachen Jugendliche einer Jugendgruppe der „Kleinen offenen Tür” St. Sebastian mit Zeitzeugen, die den Krieg und den Neuanfang in der Region erlebten.

Kaplan Tran Huu-Duc hat das Projekt, bei dem die anstehenden Wahlen und das Grundgesetzes im Mittelpunkt standen, begleitet. „Die Einführung des Grundgesetzes ist ständig Erinnerung wert”, sagt er. „Viele leben heute mit seinen Errungenschaften ohne es wertzuschätzen”.

Für die Jugendlichen war die Beschäftigung mit dieser Zeit spannend, aber auch bedrückend. Magnus Pütz und Amir Jariani (beide 16) wollten von Helmut Clahsen wissen, wie er seine Jugend in Aachen erlebt hat.

Clahsen ist Jahrgang 1931 und jüdischen Glaubens. Als Clahsen von der alltäglichen Verfolgung berichtete, senkten die Jugendlichen die Köpfe. Völlige Ruhe herrschte.

Clahsen berichtete: „Die Kinder haben mich auf der Straße mit Steinen und Stöcken beworfen und Sau-Jude genannt. Da musste man, wenn man aus der Tür ging, immer gucken, ob da niemand aus der Nachbarschaft rumlungert.” Nachdem Clahsen von der Nazi-Zeit erzählt hatte, wollten Magnus und Amir wissen, wie Clahsen den ersten Moment in Freiheit erlebte.

Clahsen: „Das war eine große Erleichterung.” Aber Vertrauen fiel in dieser Zeit noch schwer. „Ich hatte keine Freunde. Alle waren ja in der Hitler-Jugend. Ich wusste nicht, ob die immer noch so denken. Ich traute keinem, nicht mal Konrad Adenauer. Den kannte ich ja auch nicht.”

Clahsen warnte die Jugendlichen, dass sich die Fehler von damals heute schnell wiederholen könnten: „Wir bekommen die braune Pest schneller wieder an den Hals, als wir uns vorstellen können. Irgendwer muss sie ja gewählt haben, sonst säßen die nicht in den Parlamenten.” Da sollte das Grundgesetz Abhilfe schaffen.

Aber wie nahm Clahsen dessen Einführung wahr? „Ich war skeptisch. Damals hatten alle Richter eine Nazi-Vergangenheit. Diese Leute haben Menschen mit anderem Glauben geknechtet. Dass die sofort entnazifiziert sein sollten, konnte ich nicht glauben.”

Für die Jugendlichen waren die Zeitzeugengespräche eine lehrreiche Erfahrung. „Die Schule bringt uns Politik bei weitem nicht so nahe, wie so ein Gespräch”, sagt der 18-jährige Stefan Rogge. „Ich finde das sehr wichtig, dass politische Information nicht nur vom Wahlplakat kommt.”

Heute leben die verfolgten von damals im Schutz des Grundgesetzes, doch die Schrecken der Nazi-Zeit sind für Clahsen noch immer präsent: „Die Alpträume kommen noch heute. Das kann man nicht vergessen.”
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