Herzogenrath - Zeitzeuge: Hubert Hermanns wurde in Russland verwundet

Zeitzeuge: Hubert Hermanns wurde in Russland verwundet

Von: Beatrix Oprée
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Heute Ehrenmitglied des Heimatvereins Kohlscheid: Hubert Hermanns hofft, dass aus der Vergangenheit Lehren gezogen werden. Foto: B. Oprée
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Winterfest ausgerüstet waren die Soldaten der Roten Armee. Foto: stock/United Archives
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Die Wehrmacht verfügte in weiten Teilen hingegen nur über Sommeruniformen. Foto: stock/United Archives

Herzogenrath. „Was damals geschah, kann sich keiner vorstellen, der nicht dabei war“, sagt Hubert Hermanns. So unfassbar war das Grauen, so unglaublich ist, wozu Menschen fähig sein können. Auch deshalb und damit junge Menschen aufgerüttelt werden, erzählt er, der 93-jährige Kohlscheider, überzeugter Christ und Ehrenmitglied des Heimatvereins, von seinen bitteren Erlebnissen in der wohl düstersten Phase der deutschen Geschichte.

Er beschreibt die Grundstimmung im so genannten Dritten Reich: „Wir waren ja keine freien Menschen. Unbedingter Gehorsam bestimmte unser Leben.“ Zwar hat sich der Sohn einer gläubigen Familie, Mitglied in katholischen Jugendverbänden, lange geweigert, der Hitler-Jugend beizutreten. Doch als der Kohlscheider Jugendpräses ihm eines Tages mitteilte, die Zwangsmitgliedschaft in der HJ stehe ohnehin kurz bevor, hat er nachgegeben. Auch, um als 14-Jähriger nach langer vergeblicher Suche eine Lehrstelle zu bekommen. Er wurde Jungbote bei der Deutschen Reichspost und ab dem 17. Lebensjahr verpflichtend vormilitärisch im Postschutz ausgebildet. Zudem im Fernmeldewesen, Morsen und Leitungsbau.

Nur zwei Monate Rekrut

Im Januar 1941 erhielt er den Gestellungsbefehl, da war er gerade 20 Jahre alt. „Der Polenfeldzug, so wurde uns damals vermittelt, sei mit Glanz und Gloria verlaufen“, berichtet er nüchtern. Aber das Lazarett in Aachen war voll, „da haben wir eigentlich schon gemerkt, dass das so nicht stimmen konnte.“

Wegen seiner paramilitärischen „Vorbildung“ dauerte seine Rekrutenzeit in Lingen an der Ems nur zwei Monate, dann wurde er an die französische Kanalküste verlegt. „Hier waren wir ja ,nur‘ Besatzer“, kommt ihm sein damaliger Offizier in den Sinn, der geradezu bedauerte, nicht zum Kampfeinsatz zu kommen. Hermanns selbst war als Nachrichtendienstler ohnehin nicht für den Kampf vorgesehen. „Ich habe den ganzen Krieg keinen einzigen Schuss abgegeben. Aber wenn Leitungen zerstört waren, musste ich – auf mich gestellt – mitten im Feuer raus, die Rissstellen suchen und reparieren.“

1942 wurde Hermanns‘ Einheit kurzfristig von Frankreich ins Baltikum transportiert und erreichte nach weiteren tagelangen Fußmärschen den Ladoga-See, größtes Süßwasser-Reservoir Europas. Am 8. September 1941 hatte die Wehrmacht dort die Landverbindung zu Leningrad unterbrochen und eine Blockade eingeleitet, die bis Ende Januar 1944 dauern sollte. „Das Ziel war: Leningrad aushungern“, sagt Hermanns. 1,1 Millionen zivile Bewohner der Stadt, so heutige Schätzungen, sollen damals ihr Leben verloren haben.

Hoch waren die Verluste auch auf deutscher Seite: „Der See fror frühzeitig zu“, berichtet Hermanns, „und die Russen bauten Gleise über das Eis. Die Züge fuhren nachts, beleuchtet. Unsere Artillerie aber war wegen der Minus-Temperaturen von über 25 Grad nur eingeschränkt handlungsfähig.“ Die eiskalten Granaten krepierten vorzeitig, sobald sie in die heißen Geschütze gelegt wurden. Und töteten die umstehenden Männer. Die unerbittliche Kälte tat ihr Übriges. „Der Proviant war festgefroren, wir durften ja kein Feuer machen. Schneelöcher waren unser einziger Schutz. Und wir hatten nur unsere dünne Sommeruniform.“ Bis die Russen eines Tages in großen Einheiten über den See kamen. Bestens ausgerüstet war die Rote Armee, mit Steppjacken und -hosen, Kapuzenoveralls, Stiefeln, Mützen und Skiern.

Verlobung im Fronturlaub

„Sie wollten uns niedermetzeln, wurden aber von unserem Infanteriefeuer umgemäht.“ Auf deutscher Seite folgte der Befehl, die Leichen systematisch zu entkleiden, um in den Besitz wintertauglicher Uniformen zu kommen, die Hoheitszeichen sollten abgetrennt werden. „Wenn Sie nur noch Haut und Knochen sind und drohen zu erfrieren, fragen Sie nicht mehr, ob die wärmende Hose, die Sie anziehen, einem Toten gehört hat“, sagt Hermanns. „Bis Mai 1943 habe ich die russische Kleidung getragen.“

Dann der lang ersehnte Fronturlaub. Die Heimat bot ein wenig privates Glück, die Verlobung mit seiner späteren Frau Agnes, von beiden Familien mit großer Skepsis und Sorge begleitet: Was, wenn der junge Soldat als „Krüppel“ wiederkehrt?

Als er zur Front zurückkam, waren seine Kameraden verschwunden. Hermanns‘ neue Einheit bezog im Sommer 1943 wieder Stellung am Ladoga-See. Luftkrieg und heftige Kämpfe folgten. Schließlich wurde der Kohlscheider verwundet. Traumatisch waren seine Erlebnisse auch auf dem Verbandsplatz: „Über 50 Kameraden wurden nach und nach gebracht, die in ein Minenfeld gelaufen waren. Schmerzverzerrt lagen sie da, ohne Beine, ohne Füße. Und es gab nur zwei Ärzte.“ Tagelang lag er, der eine Splitterverletzung erlitten hatte, mitten im Elend aus Schreien und Sterben. Bis auch er abtransportiert werden konnte.

Monate dauerte seine Genesung. Schließlich kam er an die Westfront, überlebte bei Calais heftigste Luftangriffe. Als die Alliierten das Kampfgebiet Richtung Bretagne verlagerten, erhielt er den Auftrag mit einer Gruppe von 25 Soldaten nach Paris zu marschieren. Dort geriet er in amerikanische Gefangenschaft und kehrte, nach Stationen in England, den USA und zum Arbeitseinsatz in Frankreich im März 1946 in seine Heimat zurück.

„Jeden Menschen achten“

Ein Aufarbeiten des Schreckens? „Das gab es nicht“, sagt Hubert Hermanns. „Wir mussten nach dem Krieg sofort wieder funktionieren.“

Umso mehr ist es ihm ein Anliegen, dass sich solches Grauen niemals wiederholt: „Das menschliche Miteinander muss der Grundsatz sein. Man muss jeden Menschen achten, egal, welcher Hautfarbe und Konfession!“

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