Zehn Jahre nach „Kyrill“: Wie bereitet man sich auf einen Orkan vor?

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Impressionen von Kyrill und seinen Folgen: Im Nordkreis mussten die Feuerwehren zu unzähligen Einsätzen ausrücken. Viele Wälder wurden stark in Mitleidenschaft gezogen. Verletzte gab es in unserer Region zum Glück nicht. Foto: S. Schaum/A. Klingbeil/R. Roeger/G. Schmitz/V. Müller
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Impressionen von Kyrill und seinen Folgen: Im Nordkreis mussten die Feuerwehren zu unzähligen Einsätzen ausrücken. Viele Wälder wurden stark in Mitleidenschaft gezogen. Verletzte gab es in unserer Region zum Glück nicht.
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Impressionen von Kyrill und seinen Folgen: Im Nordkreis mussten die Feuerwehren zu unzähligen Einsätzen ausrücken. Viele Wälder wurden stark in Mitleidenschaft gezogen. Verletzte gab es in unserer Region zum Glück nicht.
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Christoph Simon: Sprecher der Feuerwehr Alsdorf.

Alsdorf. Knapp zehn Jahre ist es inzwischen her, dass der Orkan „Kyrill“ in NRW europaweit die schwersten Schäden angerichtet und 25 Millionen Bäume umgeknickt hat. Schwer getroffen wurde der Raum Aachen/Nordeifel mit 350.000 Kubikmetern Sturmholz. Nach Angaben der Bahn waren landesweit insgesamt rund 10.000 Zugfahrten ausgefallen. Im Nordkreis hatten die Wehren wie allerorts unzählige Einsätze – 127 in Alsdorf, 76 in Herzogenrath, 35 in Baesweiler –, verletzt wurde aber niemand.

Einer, der die Folgen des Orkans am 18. und 19. Januar 2007 aus nächster Nähe erlebt hat, ist Christoph Simon. Damals hatte er gerade bei der Freiwilligen Feuerwehr Alsdorf angefangen. Heute ist er Sprecher aller Feuerwehrkräfte in Alsdorf und hauptberuflich Rechtsanwalt. Mit ihm sprach Verena Müller über die Frage, wie sich eine Kommune und jeder einzelne auf einen Orkan vorbereiten können.

Herr Simon, wie präsent ist Ihnen Kyrill noch, nach zehn Jahren?

Simon: Oh, daran kann ich mich noch sehr gut erinnern, das war nämlich mein erster Einsatz. Ich war gerade 18 und Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in Alsdorf geworden.

Das war bestimmt sehr aufregend, so als blutiger Anfänger.

Simon: Das war super aufregend! Aber auch bedrückend.

Durften Sie denn schon richtig mit anpacken?

Simon: Nein, ich habe Bäume beobachtet (lacht).

Verstehe. Männer, die auf Bäume starren. Im Ernst: Warum das?

Simon: In der Nähe des Annageländes, an der Ecke Bahnhofstraße/Prämienstraße, waren Bäume umgestürzt. Die Kollegen waren mit Aufräumarbeiten beschäftigt, und ich sollte beobachten, ob möglicherweise weitere Bäume umstürzen und die Kameraden gefährden. Eine Kettensäge hätte ich damals beispielsweise noch nicht benutzen dürfen.

Wie ist der Tag verlaufen?

Simon: Der war erst am nächsten Tag gegen 4 Uhr in der Früh beendet, ein Einsatz folgte auf den nächsten.

Darüber würde ich gerne mit Ihnen sprechen: Wie bei einer solchen Katastrophe priorisiert wird, und wie sich Einsatzkräfte für den Ernstfall rüsten.

Simon: Gerne.

Gibt es so etwas wie einen allgemeinen Katastrophenplan für einen Orkan?

Simon: Formal fällt der Katastrophenschutz in die Zuständigkeit der Städteregion, so dass wir in Alsdorf keinen Katastrophenplan haben. In Alsdorf gibt es jedoch eine feuerwehrinterne Organisationsstruktur für solche sogenannte Flächenlagen. Man unterscheidet mehrere Stadien, von der ersten Warnmeldung des DWD, des Deutschen Wetterdienstes, bis hin zum Einsatz.

Ok, der DWD gibt eine Sturmwarnung raus. Was passiert dann?

Simon: Erst mal noch nicht so viel. Die hauptamtlichen Kräfte auf der Wache prüfen das Equipment und stellen ergänzend Geräte raus, die mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Einsatz kommen. Tauchpumpen und Kettensägen zum Beispiel. Außerdem werden alle hauptamtlichen und ehrenamtlichen Kräfte mittels SMS beziehungsweise E-Mail informiert, dass eine Alarmierung und erhöhtes Einsatzaufkommen wahrscheinlich sind.

In den ersten Nachbarkommunen werden Einsätze gemeldet. Was folgt?

Simon: Die Wehrleitung bildet einen Einsatzführungsstab, und es wird eine Funkzentrale eingerichtet. Die Leitstelle in Aachen meldet dann alle Einsätze, die auf Alsdorfer Gebiet stattfinden, und die örtliche Zentrale in Alsdorf priorisiert diese.

Wie?

Simon: Also ein umgestürzter Baum auf einem Radweg ist beispielsweise nicht so dringend wie eine gekappte Überlandleitung, die möglicherweise auf eine Straße herunterhängt und weitere Personen gefährdet. Hauptverkehrsadern haben Priorität und beispielsweise Zuwegungen zu Altenheimen. Dahinter steht natürlich die Überlegung, Menschenleben zu retten, und das geht nur, wenn die Wege frei sind. Die Rettung von Menschenleben hat höchste Priorität.

Wo sollte man sich nicht aufhalten?

Simon: Überall dort, wo Bäume stehen. Von Wäldern geht eigentlich die größte Gefahr aus. Gerade jetzt in dieser Jahreszeit. Im Herbst haben die Bäume vielleicht schon die ersten Schäden bei Stürmen davongetragen, darauf folgt der Frost, und wenn dann im Januar der nächste Sturm kommt, gibt das manchen Bäumen den Rest. Vor allem bei Ostwind.

Wieso ausgerechnet bei Ostwind?

Simon: In unserer Region weht meist Westwind. Entsprechend haben die Bäume an der einen Seite stärkere Wurzeln ausgebildet als auf der anderen. Gegen Westwind sind die hiesigen Bäume sehr viel widerstandsfähiger als gegen Ostwind. Bei Ostwind besteht eine sehr viel größere Bruchgefahr. Waldwege werden übrigens bei Wetterlagen wie einem Orkan präventiv gesperrt so beispielsweise am Tierpark.

Nehmen wir an, der Orkan fegt schon über's Land, und ich bin gerade auf dem Nachhauseweg. Ich hab‘s halt nicht schneller geschafft. Wie verhalte ich mich?

Simon: Wenn Sie mit dem Auto unterwegs sind, fahren Sie möglichst langsam und vorausschauend; sehen Sie zu, dass Sie schnellstens in geschlossene Räume kommen. Fenster und Türen sollten geschlossen sein, wenn möglich auch die Rollläden runtergelassen werden. Sonst könnten eventuell herumfliegende Gegenstände durch das Fenster geschleudert werden. Gartenmöbel und dergleichen sollte man übrigens vorher reingeräumt haben.

Jetzt bin ich aber noch mitten in der Stadt, zu Fuß.

Simon: Nehmen Sie ein Taxi (lacht). Ok, im Ernst: Entweder, Sie laufen möglichst nahe an den Fassaden entlang, damit runterfallende Dachziegel Sie nicht treffen, oder Sie gehen im weiten Abstand zu den Häusern. Die meisten Dächer in der Region haben überhängende Traufen, wenn Dachziegel runterrutschen, fallen die eher auf die Gehwegmitte, als auf den inneren Randbereich. Und jedes Dach kann zur Gefahr werden.

Gibt es in Alsdorf besonders neuralgische Punkte?

Simon: Nein, eigentlich nicht. Und man kann auch nicht vorhersagen, welcher Stadtteil eher von Sturmschäden oder Hochwasser durch Starkregen betroffen ist. Ein Sturm ist in der Regel lokal begrenzt. Es gab auch schon Fälle, wo Zopp und Busch buchstäblich abgesoffen sind, während es in Kellersberg nur gehagelt hat. Was wohl immer mal wieder passiert, ist, dass Wassermassen in der Senke auf der B 57 unter der Brücke stehenbleiben. Aber sonst gibt es keine Hotspots. Die Straßenüberflutungen Hoengener Straße in Richtung L 240 haben sich seit den dortigen Baumaßnahmen erledigt.

Wann werden zusätzliche Kräfte alarmiert?

Simon: Das entscheidet die Wehrleitung. Das THW wird beispielsweise hinzugerufen, wenn großes technisches Gerät benötigt wird, das Rote Kreuz beispielsweise für die Verpflegung, wenn es sich um länger andauernde oder sogar mehrtägige Einsätze handelt. Der städtische Bauhof liefert in der Regel Absperrmaterial und Baken und ist mit eigenen Mitarbeitern in die Einsätze involviert. Weitere Wehren werden über die Städteregion angefordert – wobei man sagen muss, dass die Nachbarwehren bei Flächenlagen wie einem Orkan in der Regel selbst ausgelastet sind.

Stichwort „mehrtägig“: Muss ich für den Notfall Nahrungsmittel oder dergleichen gebunkert haben?

Simon: Ah, die Diskussion von vergangenem Sommer um das neue Zivilschutzkonzept des Bundes (lacht). Klar, bei einem Stromausfall ist es nicht schlecht, Kerzen oder Taschenlampen im Haus zu haben. Hamsterkäufe sind aber wirklich nicht notwendig.

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