Würselens Kern verändert sein Gesicht

Von: Karl Stüber
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Verzichtbar: Die „neueren“ Verwaltungsgebäude und Produktionsstätten auf dem Singerglände werden auf jeden Fall abgerissen. Foto: Karl Stüber
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Geeignet für eine neue Nutzung: Der alte Treppenturm – eines von zwei Backsteingebäuden, welche die Kulturstiftung Würselen im Auge hat – soll erhalten bleiben. Foto: Karl Stüber
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Gilt als Zeugnis des „Neuen Bauens“: der Singer-Erweiterungsbau von 1935. Allerdings ist der Bau stark kontaminiert. Foto: Kulturstiftung

Würselen. Eine tiefe Narbe im Gesicht der Stadt Würselen wird endlich chirurgisch entfernt. Frisches Gewebe soll das Antlitz glätten und für Würselener wie Gäste attraktiver machen. Die (meisten) ausgedienten Fabrikgebäude auf dem Singergelände in Würselen-Mitte werden abgerissen.

Die Genehmigung hierfür liegt dem Besitzer des Areals, der Firma Groz-Beckert, seit September vor. Der Auftrag wurde ausgeschrieben, im Januar sollen die Fachleute anrücken und Schicht um Schicht die Substanz abtragen, wie Technischer Beigeordneter Till von Hoegen auf Anfrage sagte. Anschließend muss noch der Boden saniert werden. Das Konzept hat der Eigner mit der Städteregion Aachen abgestimmt.

Die langjährige Nutzung als Fabrikationsstätte für Zigarren, Nadeln sowie galvanische Produkte ist nicht ohne Folgen geblieben. Thomas Pilgrim, Leiter des Umweltamtes der Städteregion, sprach von „CKW-Schäden“ (Chlorkohlenwasserstoffe). Zwei Gebäude an der Bahnhofsstraße sind betroffen. Dort muss auch der Boden ausgetauscht werden. Wie tief, werde beim Ausschachten „begleitend“ entschieden.

Und was soll mit dem dann „baureif“ aufbereiteten Gelände geschehen? Seit Jahren versucht der niederländische Investor Albert C. Blok mit Partnern, das Gelände zu entwickeln. Im Jahre 2011 war zwischen Entwickler-/Investorengruppe und Stadt Würselen ein städtebaulicher Vertrag abgeschlossen worden, der die Übernahme der Kosten von Planungsleistungen für Bebauungsplanverfahren beinhaltet. Immer wieder wurde das städtebauliche Konzept überarbeitet. Zuletzt bereitete das Thema Denkmalschutz Probleme.

Nun läuft die Option für die Blok-Gruppe Ende März aus, wie von Hoegen sagte. Darauf werde man natürlich Rücksicht nehmen, aber andererseits will die Stadt Würselen auch nicht ohne Plan B dastehen. Denn Eigner Groz-Beckert will das Areal gerne veräußern und zumindest die Abriss- und Sanierungskosten einspielen.

Bevor es aber wieder zu einer jahrelangen Hängepartie kommt, will die Stadt Würselen sich stärker einbringen und nicht nur auf die Gestaltung des Planungsrechts beschränken. Entsprechende Verhandlungen mit Groz-Beckert laufen bereits. Letztlich eine vom Stadtrat zu entscheidende politische Frage ist, ob man mit Hilfe der Stadtentwicklungsgesellschaft (SEW) das Areal erwirbt – eine angesichts der Mikrozinsen am Kapitalmarkt attraktive Variante –, das ganze Vorhaben ausschreibt, einen oder mehrere externe Investoren zum Zuge kommen lässt und den damit verbundenen Kredit durch Vermarktung einzelner Teilstücke wieder einspielt.

Im Gespräch ist auch die Option, sich unter vor Ort angesiedelten Baufirmen umzuschauen, die bereits Interesse signalisiert haben, wie anderweitig zu hören war.

Technischer Beigeordneter Till von Hoegen will die Verhandlungsergebnisse mit Groz-Beckert in der nächsten Sitzung des Umwelt- und Stadtentwicklungsausschusses bald zur Diskussion stellen. Die Fraktionen müssen sich dann positionieren.

Letztlich wird vorgeschlagen, auf der Fläche – von wem auch immer – neuen Wohnraum zu schaffen. „Ich sehe da nicht viele Einfamilienhäuser. Wir brauchen in Würselen Mehrfamilienhäuser und sozial geförderten Wohnraum“, betont von Hoegen. Ergänzt werden soll die Bebauung mit innenstadtkompatiblem Handel und Gewerbe.

Hier kommt die Kulturstiftung Würselen ins Spiel, deren Vorsitzender Achim Großmann vor kurzem mit Vorlage der lokalhistorischen Abhandlung „Schlaglichter – Zigarren aus Würselen“ den Vorschlag bekräftigte, nicht alle Gebäude auf dem Singergelände dem Bagger zu opfern. Ihm geht es um den Erhalt der Ziegelgebäude, also der ehemaligen Zigarrenfabrik (Baujahr 1902/03) und dem Treppenturm (Baujahr 1935).

Ein entsprechendes Nutzungskonzept wurde gleich mitgeliefert . Der Stadtrat hat auf gemeinsamen Antrag von SPD-, CDU- und CDU-Fraktion dieses in einer Sitzung mit großer Mehrheit aufgegriffen – mit der Bitte an die Kulturstiftung, das Konzept weiter auszuarbeiten. Zudem soll dies mit der Nutzung des Alten Rathauses als Kulturzentrum abgestimmt werden. Die Kulturstiftung will für das Herrichten der Backsteingebäude Mittel einwerben, dies soll möglichst durch Fördermittel ergänzt werden. „Wir haben das bereits bei der Antragstellung im Rahmen des Integrierten Handlungskonzepts für Würselen-Mitte berücksichtigt“, betonte von Hoegen. Ob allerdings auch die Anregung der Kulturstiftung, ein drittes Gebäude, das zur Erweiterung der Fabrik Singer im Jahre 1935 errichtet wurde, ebenfalls „gerettet“ werden kann, ist äußerst fraglich. Das später für einen galvanischen Betrieb genutzt Gebäude der „Neuen Sachlichkeit“ ist arg kontaminiert.

„Ich bin total stolz, dass Verwaltung und Stadtrat den Vorschlag der Kulturstiftung mitträgt“, sagte Vorsitzender Achim Großmann. Laut von Hoegen hat die Firma Groz-Beckert zugesichert, erst einmal alle anderen Gebäude abzureißen – Zeit, um das weitere Vorgehen zu klären.

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