Würselen - Würselener Arzt Ghazi Ashqar versorgt Verletzte in Gaza

Würselener Arzt Ghazi Ashqar versorgt Verletzte in Gaza

Von: Stefan Schaum
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Helfen, so gut es eben geht: In einem Krankenhaus in Gaza musste Ghazi Ashqar auf viele Hilfsmittel verzichten, die für ihn in Deutschland selbstverständlich sind. Foto: privat

Würselen. Im Medizinischen Zentrum (MZ) in Würselen hat Ghazi Ashqar Zugriff auf moderne medizinische Geräte. Seit 2007 ist er Facharzt am Zentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie. Zwei Wochen lang hat der aus Gaza stammende Mediziner humanitäre Hilfe in seiner alten Heimat geleistet.

Über seinen Einsatz spricht er im Interview.

Sie sind kaum aus Gaza zurückgekehrt und stehen nur einen Tag später wieder im Würselener Krankenhaus. Brauchen Sie keine Auszeit?

Ashqar: Ach, ich bin zwar ganz sicher nicht ausgeschlafen, aber körperlich funktioniert es ganz gut.

Weil das als Arzt so ist: Funktionieren, wenn man gebraucht wird?

Ashqar: Das kann sein. Ich mache diese Arbeit ja auch schon eine ganze Weile.

Aber dass sie ihren Urlaub in den Tagen des jüngsten Konflikts in Gaza verbringen, dürfte Kollegen überrascht haben.

Ashqar: Ja, das hat es. Viele haben gesagt, dass sie mich dafür bewundern, dass ich das mache. Aber ich habe gesagt: Ich sehe das als meine Pflicht. Ich bin in Gaza geboren, meine Familie lebt dort, viele Verwandte sind da. In Gedanken war ich in den vergangenen Wochen ohnehin immer bei meinen Angehörigen und den Menschen in Gaza. Dort hin zu fliegen, war also nur der nächste Schritt. Meine Frau war anfangs sehr traurig, als ich ihr gesagt habe, dass ich das möchte.

Verständlich, oder nicht?

Ashqar: Sicher, aber sie hat mich dann auch sehr unterstützt. Sie hat selbst palästinensische Wurzeln, ist aber in Deutschland aufgewachsen, wie meine vier Kinder. Sie haben alle Verständnis für meinen Wunsch gehabt.

Und die Angst? Hatten Sie denn keine Furcht vor dem Schritt?

Ashqar: Nicht um mich, nein. Eher um meine Familie in Gaza. Einer meiner Brüder ist vor fünf Jahren in diesem Krieg umgekommen. Er war in seinem Haus als dort eine Rakete einschlug.

Sie sagen Krieg, nicht Konflikt.

Ashqar: Wissen Sie, einen Konflikt stelle ich mir anders vor. Wenn man derzeit in diesem Land ist und die Geschehnisse erlebt, dann ist das ein Krieg.

Offiziell sind sie nicht als Arzt geflogen.

Ashqar: Nein, offiziell habe ich Urlaub gemacht. Aber als einer, der medizinisch etwas leisten kann. Ich bin mit vier Kollegen geflogen, die zum Deutsch-Palästinenischen Ärzteverein gehören. Der hat rund 200 Mitglieder, wir waren jetzt die dritte Delegation, die in Gaza war. Bezahlt haben wir alle Reisekosten aus eigener Tasche. Doch es war ungeheuer schwierig, überhaupt dorthin zu kommen.

Bestand keine Möglichkeit, über Israel nach Gaza einzureisen?

Ashqar: Nein, unmöglich. Obwohl ich einen deutschen Pass habe. Aber wer in Gaza geboren ist, darf nicht nach Israel einreisen. Bekannte von mir haben es einmal versucht – die mussten von Tel Aviv gleich wieder zurück nach Deutschland fliegen. Mein Heimatdorf Beit-Lahia liegt im Norden von Gaza, kaum eine Dreiviertelstunde vom Flughafen Tel Aviv entfernt.

Doch wir mussten über Ägypten einreisen. Und auch da war überhaupt nicht sicher, dass es klappt. Erst nach fünf Tagen konnten wir über die Grenze. Vier mal sind wir zuvor dort abgewiesen worden. Der fünfte war unser letzter Versuch. Hätte es auch dann nicht geklappt, wären wir nach Hause geflogen, ohne auch nur einem Menschen geholfen zu haben.

Wie viele haben Sie behandelt?

Ashqar: Ich habe sie nicht gezählt. Es könne 150 gewesen sein, oder auch mehr. In Gaza stellt derzeit ganz sicher niemand eine Patientenakte aus oder hält sonst etwas nach. Da geht es nur um eine rasche Versorgung von Verletzten, mit welchen Mitteln auch immer. Es gibt vielleicht gerade noch genug Ärzte, aber darüber hinaus nichts mehr.

Woran fehlt es besonders?

Ashqar: An allem. Medikamente, Verbandmaterial, medizinische Geräte – das finden sie fast nicht in den Krankenhäusern. Narkosemittel gibt es ebenfalls kaum, die reichen nur für die, die am schwersten verletzt sind, für die lebensbedrohlichen Fälle. Alle anderen müssen so operiert werden.

Geht das überhaupt?

Ashqar: Gibt es denn eine Wahl? In dem Krankenhaus, in dem ich war, gibt es sechs Operationssäle – und pro Tag kamen 250, 300 Verletzte. Da kann keiner warten, bis einer frei wird. Da geschieht alles gleichzeitig. Einige Opfer wurden auf dem Boden in der Wartehalle operiert, andere gleich vor der Theke in der Notaufnahme, in der Wasser durch die Decke tropft.

Wie können Sie das ertragen? Oder gilt auch da: einfach funktionieren?

Ashqar: Ich denke, dass meine lange Berufserfahrung mir geholfen hat. Ich habe auch in Deutschland schon hässliche Verletzungen gesehen. In solchen Momenten ist man ganz Arzt, da reagiert man einfach. Selbst wenn es in diesen Fällen sehr viel Fantasie braucht.

Inwiefern?

Ashqar: Einmal musste ich einen Jungen operieren, der nach der Behandlung einer früheren Verletzung noch Schrauben in den Knochen hatte. Das hatte sich entzündet, Eiter quoll raus. Ich konnte aber nichts desinfizieren und musste mit einem Skalpell schneiden, das keinen Griff hatte. Ohne Betäubung. Was glauben Sie, was das für eine Belastung ist? Da liegt ein Kind, das vor Schmerzen wahnsinnig wird und schreit und von seinen Angehörigen festgehalten werden muss. Anschließend kann ich die Wunde nicht einmal nähen, sondern muss sie mit Pflaster verkleben, weil kein Garn da ist.

Das sind Dinge, die man sich heute in der westlichen Welt nicht vorstellen kann. Bei einem Kind, das eine Amputation hinter sich hatte, klebte ein Verband so fest in der Wunde, dass ich ihn nicht mehr abbekam. Es hat geschrien wie verrückt. Ich habe in den vergangenen Tagen zweimal geweint. Dies war die eine Situation.

Und die andere?

Ashqar: Ein Mädchen, das mir erzählte wie es die Tür seines Hauses geöffnet hatte und einen Schuss in den Hals bekam. Das Kind ist seitdem gelähmt. Von einem Moment auf den anderen. Seine Mutter ist ums Leben gekommen, um die Kleine kann sich niemand richtig kümmern. Das sind Dinge, die man nicht einfach wegsteckt, wenn man sie sieht oder hört.

Wie gehen Sie mit solchen Bildern um?

Ashqar: Ich glaube, dass ich sie alleine verarbeiten kann. Ich brauche jedenfalls keine psychologische Hilfe – die brauchen die Menschen in Gaza.

Mit welchem Gefühl sind Sie abgereist? Ihre Hilfe wäre sicher noch länger willkommen gewesen.

Ashqar: Natürlich. Und auch bei meiner Familie wäre ich gern länger geblieben. Ich habe meine Eltern und Geschwister nur zwei Tage lang gesehen. Meine Mutter ist 87 Jahre alt, die kann jederzeit sterben – aber meine Familie hier in Deutschland braucht mich auch, ebenso die Kollegen. Man fühlt sich zerrissen, würde ich sagen.

Ist eine Rückkehr geplant?

Ashqar: Ja, und zwar bald. Schon in den Herbstferien. Ich hoffe, dass sich die Situation bis dahin entspannt hat.

Glauben Sie daran? Sind sie optimistisch?

Ashqar: Nein, im Gegenteil, ich bin sehr pessimistisch. So lange sich an der Blockadesituation in Gaza nichts ändert, so lange die Grenzen im Gaza-Streifen nicht gelockert werden, wird sich nichts ändern. Der Streifen ist vielleicht so groß wie Bremen, aber da leben 1,8 Millionen Menschen. Viele leben da seit 70 Jahren und haben das Gebiet nie verlassen. Diese Menschen brauchen eine Perspektive.

Können Sie denn auch von Deutschland aus helfen?

Ashqar: Ja. Unsere Vereinigung versucht, über das Internet junge Ärzte in Gaza anzuleiten. Das ist leider oft nicht möglich. Die Stromversorgung und die Telefonleitungen brechen in normalen Zeiten schon häufig zusammen – aber derzeit ist da gar nichts zu machen. Das Medizinische Zentrum unterstützt mich sehr in meinem Anliegen, in Gaza zu helfen.

Zur humanitären Hilfe gehört es hier in Würselen ohnehin seit langem, kranke Kinder aus Krisengebieten und armen Ländern in Kooperation mit dem Friedensdorf Oberhausen zu behandeln. Drei bis vier Kinder kommen pro Jahr zu uns. Jetzt wollen wir versuchen, auch das ein oder andere Kind aus Gaza zu holen und zu versorgen. Ich hoffe, dass es gelingt. Das wäre ein wichtiger Anfang.

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