Würselen setzt weiter auf Wachstum

Von: Georg Pinzek
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Für viele Würselener wichtig: Das Brauchtum in der Stadt der Jungenspiele hat auch heute noch starken Zulauf. Foto: Wolfgang Sevenich
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Würselen. Die Zukunft einer Stadt hängt bei Weitem nicht von Zufälligkeiten ab. Sie muss beizeiten gut geplant sein. Keine Kommune kann es sich leisten, sich nicht intensiv mit langfristigen Perspektiven zu beschäftigen. Besonders weil die Kassen leer sind.

Ein Stadtteil erstickt an der Verkehrsbelastung: Das verträgt kein Wirtschaftsstandort. Bricht die Gewerbesteuer ein, fehlt das Geld für Jugend- und Familienarbeit. Die Kosten für die Unterbringung von Kindern in Heimen sind aber exorbitant. Marode Schulen sind für jede Stadt ein mieses Aushängeschild. Ein Mangel an Kindergartenplätzen ist nicht erst seit Eltern sie einklagen können fürs Image einer Stadt schlecht. Bauland für Neubürger und Gewerbeflächen für neue Jobs, das lässt sich eben nicht von heute auf morgen aus dem Boden stampfen. Deutsches Planungsrecht ist kompliziert und vor allem langwierig.

Eine der größten Herausforderungen, die die Kommunen dabei zu bewältigen haben, steht unter dem Schlagwort „demografischer Wandel“. Den hat die Stadt Würselen wahrlich nicht erst seit gestern im Blick. Leitbilder wie „Stadt der Kinder“ oder die „sportgerechte Stadt“ sind diskutiert und entwickelt. Bereits vor zwei Jahren hat der Rat ein Zukunftsprogramm verabschiedet. Dabei wurden Handlungsfelder wie Stadtentwicklung, Wirtschaft, Einkaufsstadt, Bildung, Gesundheit etc. festgelegt und Ziele formuliert. Die Bürger wurden mit einer Befragung daran beteiligt.

Wichtige Grundlage für die zukunftsfähige Stadtgestaltung ist die Bevölkerungsentwicklung. Laut Zensus 2011 (Stichtag 9. Mai) zählt Würselen 37.206 Einwohner. Etwa 60 Prozent der Würselener leben in der Kernstadt, rund 25 Prozent in Broichweiden und rund 15 Prozent in Bardenberg. 1972 hatte Würselen 34.412 Einwohner, 1999 wurde die Einwohnerzahl mit 36.500 angegeben. Nicht nur die Bertelsmann-Stiftung kommt in ihren Demografie-Berichten zu dem Ergebnis, dass Würselen entgegen dem allgemeinen Trend vieler Regionen in Deutschland weiter wächst. Auch das Landesamt für Information und Technik (IT) rechnet mit Zuwachs.

Dabei wird eine Einwohnerzahl bis zum Jahr 2025 von IT-NRW mit rund 41 700 prognostiziert. Die Bertelsmann-Stiftung sagt für das Jahr 2020 ein Durchschnittsalter der Einwohner von 46 Jahren voraus. Der Anteil der unter 18-Jährigen wird voraussichtlich rund 15 Prozent betragen, drei Prozent weniger als heute. Der Anteil der 60- bis 79-Jährigen wird etwa 23 Prozent betragen. Der Anteil der über 80-Jährigen wird mit über sieben Prozent prognostiziert. Die Bevölkerung wird also 2020 im Schnitt älter sein als heute. Das hat Auswirkungen auf die kommunale Daseinsvorsorge. So hat auch die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund eine besondere Bedeutung, um die Aufgaben bewältigen zu können.

„Den demografischen Tatsachen müssen wir als Verantwortliche natürlich rechtzeitig entgegen sehen. Mit dem Zukunftsprogramm sind wir ganz gut vorbereitet. Dennoch bleibt die Aktualisierung eine uns begleitende Arbeit“, betont Arno Nelles. Im Gespräch mit unserer Zeitung nimmt der Bürgermeister Stellung zu wichtigen Handlungsfeldern.

Stadtentwicklung: „Würselen hat auf Grund seiner zentralen Lage in der Region hervorragende Entwicklungschancen. Die Entwicklung unserer Baugebiete und die nach wie vor starke Nachfrage bestätigt uns, dass die Menschen Würselen als Wohnstandort wählen. Das haben wir sicher auch der Nähe zum Oberzentrum Aachen zu verdanken. In Gesprächen wird mir immer wieder bestätigt, dass man bei uns ideal die Vorzüge einer benachbarten Großstadt mit der Lebensqualität einer kleineren Stadt verbinden kann. Unsere Aufgabe wird sein, diese Standortqualität im Wettbewerb der Städte ständig auszubauen. Dabei muss das Angebot alle Bevölkerungsgruppen umfassen, um eine gute Struktur beizubehalten.“

Wirtschaft: „Mit unseren Gewerbegebieten sind wir wirtschaftlich gut aufgestellt. Tausende Menschen aus Würselen aber auch aus der Region sind bei uns ansässigen Firmen beschäftigt. Mittlerweile müssen wir jedoch erkennen, dass wir die anhaltende Nachfrage nach Gewerbegrundstücken nicht immer abdecken können. Dazu wollen wir zügig die Erschließung weiterer Flächen vorantreiben. Das Gebiet Merzbrück bietet sich wegen seiner Anbindung an zwei Autobahnen ideal an. Dass wir gerade zehn Autominuten von einer der weltweit renommiertesten Hochschulen entfernt sind, sehe ich als weiteren Vorzug. Viele Unternehmen, die sich aus dem Hochschulbereich entwickelt haben, sind bei uns beheimatet. Sie haben teils Weltgeltung – um nur auf das kürzlich für die Fifa tätige Unternehmen GoalControl zu verweisen.“

Einkaufsstadt: „Würselen hat als Einkaufsstadt einen anderen Charakter als Aachen. Unsere Geschäfte punkten mit einem guten Angebot zu günstigen Preisen und einer hohen Servicequalität. Dabei spielt die gute Erreichbarkeit ebenfalls eine Rolle. Insgesamt befindet sich unsere Einkauflandschaft – wie überall – aber im starken Umbruch. Für die Nahversorgung fällt es überall schwerer, geeignete Partner zu finden. Zudem beeinflusst das Internet gerade das Kaufverhalten jüngerer Menschen stark. Dieser Herausforderung müssen wir uns mit den Geschäftsinhabern stellen. Ich gehe davon aus, dass das Erfahren von Produkten und Einkaufsverbünde die Chance auch des Handels vor Ort sein wird.“

Eine gute Chance

Verkehr: „Mit den Kapazitäten des Autoverkehrs stoßen wir mehr und mehr an Grenzen. Unsere Aufgabe muss es sein, den öffentlichen Personenverkehr so attraktiv zu gestalten, dass er eine echte Alternative wird. Natürlich ist das Fahrrad mit seiner steigenden Nutzung auch eine Möglichkeit, die aber in unseren Breitengraden nicht ganzjährig in Betracht kommt. Auch hier sehe ich in kombinierten Lösungen eine gute Chance. In diesem Zusammenhang wird die Anbindung von Merzbrück an die Euregiobahn für uns interessant.“

Umwelt: Der Stellenwert einer intakten Umwelt ist hoch. Wir haben rund um Würselen geschützte Naturflächen, die aber trotzdem eine große Bedeutung für die Naherholung haben. In der Stadt stellen der Stadtgarten und der Kalkhaldenpark Rückzugsgebiete für Mensch und Natur dar. Ich würde mir nur wünschen, dass alle Menschen diese unwiederbringlichen Vorzüge zu schätzen wüssten. Leider ist manches der Zerstörungswut und der Vermüllung einiger weniger ausgesetzt. Das zahlen wir alle, zumindest mit fehlenden Geldern bei dringenderen Sachen.“

Bildung: „Eine der ganz dringenden Sachen ist die Bildung. Dass wir hier erfolgreich waren und sind, wurde unlängst durch die Ergebnisse des Zensus bestätigt, der den Würselenern ein hohes Bildungsniveau attestierte. Dennoch ist großer Handlungsbedarf. Während bundesweit Ganztagsschulen gefordert und eingeführt werden, ist dies bei uns erst im kommenden Schuljahr so. Mit Nachdruck werden wir die Voraussetzungen schaffen, unsere Schullandschaft auf den modernsten Stand zu bringen. Zukünftig werden die schulischen Möglichkeiten noch stärker den Ausschlag geben bei der Entscheidung, sich niederzulassen.“

Kultur: „Mit den Kulturangeboten der Burg Wilhelmstein und des Alten Rathauses ist Würselen über die Region hinaus bekannt. Dabei ist es nicht einfach, in Zeiten leerer kommunaler Kassen so ein Angebot aufrecht zu erhalten, zumal dies selten kostendeckend möglich ist. Es ist jedoch schwer zu bemessen, welchen Wert diese weichen Standortfaktoren für die ,Marke‘ einer Stadt haben. Eine ebenso wichtige Rolle spielt das Vereinsleben. Zahlreiche Chöre und Theatergruppen aber auch Heimat- und Brauchtumsvereine tragen zur kulturellen Vielfalt Würselens bei.“

Gesundheit: „Mit dem Medizinischen Zentrum der Städteregion beheimatet Würselen die zentrale Gesundheitseinrichtung des Nordkreises. Nach zehn Jahren des Zusammenschlusses des Kreiskrankenhauses mit dem Knappschaftskrankenhaus werden aktuell die Weichen neu gestellt für eine hochmoderne Klinik mit Entwicklungsmöglichkeiten. Mit unserer Stadtentwicklungsgesellschaft und ihren leistungsfähigen Partnern werden wir besonders bei der Gestaltung in Bardenberg die nötigen Voraussetzungen generationengerechter Bebauung fördern.“

Sport und Freizeit: „Die Freizeitgestaltung nimmt eine immer stärkere Rolle in unserem Leben ein. Einen maßgeblichen Anteil haben nach wie vor sportliche Aktivitäten. Zahlreiche Vereine spielen dabei eine hervorragende Rolle. Gleichzeitig unterliegen wir aber einem geänderten Nachfrageverhalten. Auf der einen Seite steigt gerade bei Jüngeren die Nachfrage nach Individualsportarten und gleichzeitig nimmt die Notwendigkeit zu, Sportangebote für eine älter werdende Bevölkerung anzubieten. Eine weitere gemeinsame Herausforderung ist die Verzahnung von Ganztagsschulangeboten und Vereinen, von der beide Seiten profitieren können.“

Tourismus: „Im Sinne klassischen Tourismus wird unsere Stadt sich weniger entwickeln. Aber wir können verstärkt den Tourismus in Aachen mit Unterkunfts- und Restaurationsangeboten unterstützen. Potenzial haben wir im Segment Tagestourismus. Verstärkt gibt es Nachfrage, unsere Region zu Fuß oder Fahrrad zu erkunden. Wie alle Städte, so hat Würselen auch für Einheimische Interessantes zu bieten, was man bei einer Tour mit einem unserer ehrenamtlichen Stadtführer schnell merkt. Es ist erstaunlich, dass viele sich in entfernten Urlaubsorten auskennen, den Geschichten vor unserer Haustür aber nicht die zustehende Aufmerksamkeit widmen. Da können wir von Nachbarregionen viel lernen.“

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