Workshopreihe: Die Demokratie ist jedermanns Sache

Von: Karl Stüber
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Organisieren die aktive Teilhabe an der Verteidigung wichtiger Grundwerte:. (V.l.) Jana Blaney, VHS Nordkreis, Günter Pesler, Geschichtsverein Baesweiler, und der engagierte Ehrenamtler Heinz W. Kneip. Foto: Karl Stüber

Nordkreis. Noch eine Veranstaltungsreihe mehr über die Gefährdung der demokratischen Grundordnung und Werte in Deutschland, in Europa und der ganzen Welt?

Weitere Vorträge zum artigen Konsumieren und wohlwollenden Applaudieren, um danach zwar mit einem guten Gefühl des geschärften Problembewusstseins, aber auch vollkommen folgenlos für das eigene Verhalten nach Hause zu gehen? Nein, ganz im Gegenteil. Den Machern und Partnern der Reihe „Geschichte verstehen – Zukunft gestalten“ geht es um ein Projekt der besonderen Art.

Klar, die Leiterin der VHS Nordkreis, Jana Blaney, der Geschäftsführer des Geschichtsvereins Baesweiler, Günter Pesler, und Heinz W. Kneip, engagierter ehrenamtlicher Projektbegleiter, haben die Reihe initiiert, weil sie zu denen zählen, die erkannt haben, dass die westlichen Gesellschaften zunehmend fragiler werden. Aber: „Nicht die anderen, sondern wir sind Garant der demokratischen Freiheit!“, sagt Kneip und lenkt den Blick auf die Eigenverantwortung jedes Einzelnen, aus der Vergangenheit und der Gegenwart zu lernen und aktiv zu werden.

Mit jungen Wissenschaftlern

Ökonomische Ungleichheiten, Wanderungsbewegungen aufgrund von Armut, Krieg und Unterdrückung, digitale Zeitenwende, ökonomische und kulturelle Globalisierung, Supranationalismus, der Kampf um knapper werdende Ressourcen befördern die längst überwunden geglaubte Sehnsucht nach autoritären Gesellschaftsmodellen, das Bedürfnis nach nationalen Antworten, nach Ab- und Ausgrenzung, sagt Blaney und ergänzt: „In solchen Zeiten haben wir als Bildungsinstitutionen eine Verantwortung, die Entwicklungslinien zu erkennen und aufzuzeigen.“ Lebendige und wehrhafte Demokratie sollen aufgezeigt und engagierte Demokraten mobilisiert werden – zum Beispiel als Gegenbild zum Vorurteil „Quatschbuden der Demokratie“.

Die gemeinsame Veranstaltungsreihe von VHS und Geschichtsverein soll für die Gefahren sensibilisieren. Wichtiger Partner ist dabei der Wissenschaftler Enno Schwanke vom Historischen Institut der Universität zu Köln, der als wissenschaftlicher Berater und Koordinator weiterer teilnehmender Wissenschaftler verschiedener Hochschulen fungiert.

Vom September 2017 bis Juni 2018 sind sieben Workshops (an Samstagen 14 bis 17 Uhr) geplant, die jeweils mit einem Referat von wissenschaftlichen Mitarbeitern starten, beschreibt Blaney das Konzept. Zudem sollen Co-Referate Entwicklungslinien in die heutige Zeit aufzeigen. Anschließend findet in Arbeitsgruppen ein Austausch der Besucher statt, deren Ergebnisse ins Plenum einfließen.

Themenstart ist jeweils an den Freitagen zuvor (19 bis 21 Uhr), mit einer Lesung, einer Theateraufführung, einer Filmvorführung oder eine Kunstaktion „mit renommierten Personen“. „Für unsere Auftaktveranstaltung am Freitag, 29. September, haben wir Niklas Frank gewonnen, der sich seit Jahren aktiv und öffentlichkeitswirksam von seinem Vater, dem ‚Schlächter von Polen’ distanziert“, sagt Blaney (siehe Info).

Günter Pesler arbeitet mit seinen Mitstreitern daran, unter anderem auch zur „Einstimmung“ auf einen Workshop ein ganz spezielles Theaterstück in den Nordkreis zu holen. Es geht dabei um eine Tötungsanstalt im mittelhessischen Hadamar, in der zwischen 1941 und 1945 etwa 14 500 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen ermordet wurden. Das Dokumentartheaterstück befasst sich mit den Vordenkern der Euthanasie-Verbrechen.

„Historisch betrachtet steht bei dem Gesamtprojekt im Nordkreis die Frage im Vordergrund, warum die deutsche Gesellschaft der 1930 und 1940er Jahre zum großen Teil unwidersprochen die Beseitigung demokratischer Rechte und mehr hingenommen hat“, sagt Kneip. Was können wir aus dem Ende der Weimarer Republik lernen?

Grundsätzlich wenden sich die Veranstaltungen der Reihe „Geschichte verstehen – Zukunft gestalten“ an alle Interessierten. Die gezielte Akquise der Projektgruppe konzentriert sich jedoch auf zwei Zielgruppen, sagt Heinz W. Kneip: Menschen, die in den 1930er bis 1950-er Jahren geboren wurden, und junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren. Auf diese Weise soll zum einen das Einbringen von eigener Sozialisation, Erfahrungen, Beobachtungen und Interpretation der gesellschaftlichen Entwicklung in eine gelungene Demokratie 1949 bis heute gewährleistet werden. Zum anderen sollen Jüngere frei von (möglichen) Verteidigungs- oder Klagereflexen in einem offenen Diskurs kritisch zu einem Erkenntnisprozess beitragen. „Das Gelingen der Veranstaltungsreihe liegt in den Händen der Teilnehmenden“, sagt der Ehrenamtler. Das verspricht, ein spannender Prozess zu werden.

Sieben Veranstaltungsblöcke stehen bereits thematisch fest

Drei Veranstaltungen stehen bereits für das VHS-Programm fest. Am 30. September geht es um „Ideengeschichtliche Vorläufer des Nationalismus“ mit Michael Sulies, Universität Göttingen. „Vorstellungen der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft“ beleuchtet am 18. November Dr. Kerstin Thieler, Universität Köln. Dr. Matthias Krischel vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Düsseldorf, stellt „Die Rolle der Ärzte und medizinischen Institutionen“ am 13. Januar in den Mittelpunkt. Die ersten zwei Veranstaltungen nebst Einführungsabenden einen Tag zuvor finden im Gymnasium Baesweiler statt, die dritte in der Burg Baesweiler.

Noch nicht terminiert sind „Die Rolle des öffentlichen Lebens im Nationalsozialismus – Vereine, Verbände, Presse, Kultur, Arbeiterbewegung, Gleichschaltung“ mit Yves Müller, Universität Hamburg, „Verfolgung und Vernichtung von Andersdenkenden und Minderheiten“ mit Tim Ohnhäuser, Universitätsklinikum Köln, sowie „Die Rolle der Jugendlichen und Studenten im und für den Nationalsozialismus. Fanatische Unterstützung, Mitarbeit – Widerstand“ mit Nicola Kresken, Universität Köln, sowie die Abschlussveranstaltung „Was bleibt? – NS-Kontinuitäten nach 1945 und aktuelle Entwicklung von Pegida über Front Nationale zur Neuen Rechten“ mit Maik Fielitz, Universität Frankfurt. Die Hauptvorträge werden jeweils durch Co-Referenten ergänzt.

Wer Fragen und Anregungen hat, das Projekt „Geschichte verstehen – Zukunft gestalten“ unterstützen oder sich anmelden möchten, wende sich an die VHS Nordkreis Aachen, speziell an die Leiterin Jana Blaney: jana.blaney@vhs-nordkreis-aachen.de, Telefon 02404/906314.

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