Herzogenrath - Wie regelt man Teenager, die keine Regeln kennen?

Wie regelt man Teenager, die keine Regeln kennen?

Von: Stefan Schaum
Letzte Aktualisierung:

Herzogenrath. „Oft sind wir die letzte Chance, eine Heimunterbringung noch zu verhindern”, sagt Rosi Coenen, die Leiterin von „Klartext”.

Schüler, die keine Unterrichtsstunde vergehen lassen, ohne über Tische und Bänke zu springen, Mitschüler zu schlagen oder sich komplett aus dem sozialen Umfeld auszuklinken, sind die Kandidaten für die Sozialpädagogische Tagesgruppe.

Seit fünf Jahren betreuen Sozialpädagogen des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) dort jeweils sechs Elf- bis 15-Jährige, die kurz davor stehen, alles zu verlieren. In der Regel werden sie über das Jugendamt vermittelt.

Täglich werden diese Schüler von einem Zivildienstleistenden mit einem Kleinbus nach dem Unterricht von den Schulen abgeholt. In der Tagesgruppe wird dann zunächst gemeinsam gegessen. Auch das ist geregelt, versteht sich. Niemand darf mit Essen werfen, spucken oder seinen Nebenmann schlagen. Eine Selbstverständlichkeit?

„Nicht für diese Kinder”, sagt Rosi Coenen. „Die haben oft kein Unrechtsbewusstsein und überhaupt keine Frustrationstoleranz. Da fehlt es an den ganz grundlegenden Dingen des Miteinanders.” Nicht selten, weil die Eltern in der Erziehung überfordert waren oder fast nie zu Hause.

Deshalb müssen sie bei „Klartext” mit ins Boot. Coenen: „Wir besuchen sie zu Hause, laden sie zu Treffen ein. Damit sie lernen, wieder die Verantwortung zu übernehmen, wieder eine Familie zu werden.” Bis zu fünf Stunden pro Tag verbringen die Kinder in der Tagesgruppe, wo sie langsam tatsächlich zu einer Gruppe werden. Wo sie Nähe zulassen und lernen, sich auch mal auf andere einzustellen. Kommunikation fällt dabei allerdings oft schwer. Denn die Welt der Kinder ist so klein wie deren Sätze kurz sind.

Coenen: „Da kommen oft nicht mehr als ein, zwei Worte.” Einmal habe sie eines der Kinder gefragt, ob es Appetit mitgebracht habe. Ein verständnisloses Schulterzucken und „Nein, nur meinen Schulranzen”, kam da als Antwort.

Man könnte darüber ebenso schmunzeln wie über den 14-jährigen Jungen, der einmal fragte, „warum die Alemannia Aachen nicht bei der Fußball-WM mitspielt? Die sind doch auch gut.” Man könnte. Aber bei „Klartext” tut das niemand. Coenen: „Die Kinder sind oft noch völlig lebensfremd, die leben in einer Art Game-Boy-Welt.” Gespräche und Ausflüge gehören daher ebenfalls zum Angebot. Damit die Kinder die Welt kennenlernen, in der sie tatsächlich leben. Im Schnitt bleiben die Teenager zwei Jahre lang bei „Klartext”, 28 waren es bislang in Herzogenrath. Was für sie danach kommt? Hoffentlich etwas Gutes. Coenen: „Wir können sie nur auf ihren weiteren Weg vorbereiten.” Aber gehen müssen sie ihn alleine.
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