„Wie geht es Nachkriegskindern heute?“

Von: Alice Klieser
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Selbst ein Nachkriegskind mit vielen Fragen: die Autorin Sabine Bode bei der Lesung in Würselen. Foto: Alice Klieser

Würselen. „Krisen haben ein Gedächtnis“, sagte Bürgermeister Arno Nelles zur Eröffnung einer Lesung mit Sabine Bode. Es gebe Menschen, die eigentlich mit dem Krieg selber nichts zu tun haben, aber durch Sprachunfähigkeit und nicht überwundene Traumata der Eltern betroffen sind.

In Deutschland sind diese Menschen, die etwa zwischen 1960 und 1975 geboren wurden, „Kriegsenkel“, wie Sabine Bode sie nennt.

In Ihrem Buch „Kriegsenkel, Die Erben der vergessenen Generation“, das sie im Euregiokolleg vorstellte, beschäftigt sie sich mit dieser Gruppe. Die Buchhandlung Schillings in Würselen und die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Silke Tamm-Kanj, hatten Sabine Bode zur Lesung eingeladen. Etwa 45 Wissbegierige hatten sich eingefunden, um Bode zuzuhören.

Sabine Bode ist 1947 geboren und definiert sich selbst als Nachkriegskind. Oft traf Bode als Kind auf der Straße auf Kriegsrückkehrer, in ihrer Umgebung war noch einiges zerstört. Doch das hat sich verändert. „Es gibt keine Spuren der Nachkriegszeit, außer in meiner Erinnerung.“ In ihrer Kindheit verbarg sich hinter dem Wort „Krieg“ immer ein großes Geheimnis. Als Bode ihre Eltern auf Auschwitz ansprach, „reagierten diese mit Wut und Schweigen“.

Sabine Bode sammelt heute Geschichten. Sie lässt etwa ein Dutzend oder mehr Menschen in ihren Büchern zu Wort kommen. So entsteht Gemeinschaft. Sie ist sich sicher: „Um Kriegserinnerungen zu teilen, braucht man Gemeinschaft, denn Muster werden erst in Gruppen erkennbar.“

Bevor sie mit ihrem Buch „Kriegsenkel“ begann, fragte Bode sich: „Wie geht es den Nachkriegskindern eigentlich heutzutage?“ Doch es dauerte lange, bis sie Antworten bekam. Nur etwa drei von 100 befragten Nachkriegskindern gaben ihr Antworten. Viele Nachkriegskinder brachten psychische Probleme in ihrem Leben gar nicht mit dem Krieg und den Erlebnissen ihrer Eltern in Verbindung. Auch die Eltern der Nachkriegskinder verstehen oft nicht, dass auch die folgende Generation unter dem Krieg leiden kann, obwohl sie diesen nicht selbst mitbekommen haben.

Erziehung werde durch die Erfahrung der Eltern geprägt. Eltern mit nicht überwundenem Trauma können ihre Kinder oft nicht gut trösten und nehmen manchmal die Probleme der Kinder nicht ernst, da sie selbst schon Schlimmeres erlebt haben, sagt Bode. „Viele Nachkriegskinder konnten in ihrem Leben nie selbstständig werden, oder sie hatten zwar eine erfolgreiche Karriere, aber schlechte Beziehungen zu ihren Kindern.“ Oft hörte Bode von Nachkriegskindern, die die Kriegserlebnisse ihrer Eltern nachträumten, obwohl niemals darüber gesprochen wurde. Nachkriegskinder fragen sich: Kann man Alpträume und Erinnerungen von den Eltern vererbt bekommen? Diese Frage bleibt unbeantwortet, doch Sabine Bode weiß: „Eltern haben keinen Einfluss darauf, ob sie ihre Kinder belasten oder nicht“.

Am Ende der Veranstaltung meldeten sich viele Besucher zu Wort, viele davon waren ebenfalls Nachkriegskinder oder Kriegskinder. Ein Teilnehmer konnte sich nicht vorstellen, dass Erlebnisse vererbt werden. Eine Zuhörerin dagegen bedankte sich bei Sabine Bode für ihr Buch. „Danke, dass Sie mir die Fragen gegeben haben, die ich meinen Eltern stellen musste“. Sie selbst sei Nachkriegskind und erzählte: dieses Buch habe ihre ganze Familie verändert.

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