Wie die Jodverteilung nach einem nuklearen Ernstfall abläuft

Von: Verena Müller
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In drei Wochen wird entschieden, wie die Jodverteilung nach einem nuklearen Ernstfall ablaufen soll. Foto: Oliver Berg/dpa

Nordkreis. Wie soll die Bevölkerung im Falle eines Gaus mit Jod versorgt werden? Werden an den Rathäusern Tabletten verteilt? Oder sollte man in Anbetracht der naheliegenden Vermutung, dass alle schnellstmöglich mit der Windrichtung das Weite suchen, eine Art Drive-In-Schalter an den Ausfahrtstraßen einrichten?

Am Donnerstag, 23. März, will sich der Arbeitskreis KRITIS der Städteregion Aachen, in dem neben dem Fachamt der Städteregion alle Ordnungsämter der regionsangehörigen Kommunen (ohne Aachen) vertreten sind, mit dieser Frage befassen und sich mit den Kommunen auf eine einheitliche Lösung verständigen. Darauf habe er auch gedrängt, sagt Würselens Bürgermeister Arno Nelles unserer Zeitung auf Nachfrage.

„Es geht nicht an, dass jede Stadt das anders handhabt“, findet er. Nur ein abgestimmtes Konzept könne auch funktionieren. Alles andere würde beim Bürger nur für Irritationen sorgen. „Die Leute unterscheiden nicht zwischen den Kommunen“, glaubt er.

Angenommen, am Wohnort würde die Verteilung an Schulen erfolgen, am Arbeitsort aber an der Feuerwache, wäre das Risiko groß, dass darüber keine Kenntnis vorliege oder es zu einer Verwechslung komme. „Deshalb müssen wir mit einer Zunge reden“, sagt Nelles.

Zu einem von ihm favorisierten Modell wollte er sich nicht äußern. Nicht, um zu „mauern“, wie er betont, sondern weil seine Meinung seine Privatsache sei. Erhalten haben die Kommunen die Jodvorräte bereits, im Falle von Würselen beispielsweise sind sie im Rathaus eingelagert. „In für die Bevölkerung ausreichender Menge“, wie Nelles sagt.

Ralf Kahlen, Erster Beigeordneter der Stadt Alsdorf, wird da etwas konkreter, in beiden Punkten: Rund 33000 Tabletten seien es für die Alsdorfer, und wenn es nach ihm ginge, wäre eine dezentrale Lagerung und Verteilung die beste Variante. Wichtigste Voraussetzung sei hier, dass die Städteregion auf die Bestände immer zugreifen könne. Was beispielsweise bei Schulen der Fall wäre.

Der Vorteil: Schulen sind über das gesamte Stadtgebiet verteilt, die Bürger wissen normalerweise, wo sich die nächste befindet, es sind Lagerkapazitäten vorhanden und diese zugänglich. „Entscheidender Punkt: dass die Lehrer einverstanden sind“, gibt Kahlen zu bedenken.

Die Lehrergewerkschaft GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Regionalverband Aachen) äußert sich dazu sehr zurückhaltend. Das sei bislang kein Thema. „Ich bin weder von einem unserer 1300 Mitglieder noch von einem aus unserem 13-köpfigen Vorstand darauf angesprochen worden“, sagt der Vorsitzende Walter Lohne. „Wir warten erst einmal ab, wie kommunalpolitisch entschieden wird.“

Was einer Verteilung an Schulen durch Lehrer entgegenstehen könnte, ist der Fakt, dass es vom Land NRW einen Erlass gibt, nach dem Lehrer nicht verpflichtet werden können, Medikamente an ihre Schüler zu verabreichen. Ob sich dieser Erlass aber auch auf den Katastrophenfall und andere Bürger aus dem jeweiligen Viertel anwenden ließe, ist offen.

„Wichtig erscheint uns, dass wir auf Regionsebene zu einer möglichst einheitlichen Lösung zur Verteilung der Jodtabletten für alle Kommunen kommen, die sowohl den Anforderungen des Innenministeriums und den medizinischen Vorgaben als auch den berechtigten Interessen der Bevölkerung nach einer möglichst unkomplizierten Regelung größtmöglich Rechnung trägt“, findet auch der Beigeordnete der Stadt Baesweiler, Frank Brunner. Die Details müssten nun „rasch geklärt“ werden.

Was die Vorab-Verteilung anbelangt, ist bereits eine Einigung erreicht. „Ich bin froh, dass der Vorschlag der Stadt Herzogenrath, die Vorverteilung über die Apotheken abzuwickeln, gefruchtet hat“, sagt Bürgermeister Christoph von den Driesch.

„Wir werden vonseiten der Stadt die entsprechenden Bescheinigungen zur Abholung vorbereiten. Die Apotheken sind fachlich ganz anders als wir in der Lage, die auftretenden medizinisch-pharmazeutischen Fragen zum Zeitpunkt und zu den Konsequenzen der Einnahme der Jodtabletten zu beantworten und damit die Bürgerinnen und Bürger über schriftliche Ausführungen hinaus auch individuell in dieser Hinsicht zu beraten.“

Wegen der Nähe zum umstrittenen belgischen Atommeiler hatte die Region beim Land auf eine Verteilung schon vor einem Ernstfall gedrängt. Menschen, die 45 Jahre und jünger sind, erhalten deshalb Bezugsscheine, mit dem sie sich in der Apotheke Tabletten holen können. Nach einer Empfehlung der Strahlenschutzkommission ist bei älteren Menschen das Risiko von Nebenwirkungen durch Jodtabletten höher als das Risiko, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken.

An all diese Überlegungen und logistischen Abläufe knüpfen sich unweigerlich praktische Fragen an: Weiß man in einer Paniksituation noch, wo man seine Jodtabletten aufbewahrt hat? Kehrt man für Erhalt und Einnahme der zweiten Tablette – nach acht Tagen ist der blockierende Effekt gegen das radioaktive Jod 131 vollständig aufgehoben – an den Wohnort zurück? Was ist mit der Fluktuation in der Bevölkerung? In Alsdorf ziehen pro Jahr 3000 Menschen zu oder weg. Eine Garantie, dass jeder Bürger erreicht wird, kann es kaum geben.

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