Widerstand gegen ungeliebten Cent wächst

Von: Annika Kasties
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Weniger Geklimper in der Kasse: Svenja von Rekowski beobachtet als Auszubildende zur Fleischfachverkäuferin regelmäßig, dass gerade ältere Menschen mit dem Zählen der kleinen Münzen überfordert sind. Foto: Annika Kasties

Herzogenrath. Für Jasmin Jurinda ist der Griff zum Trinkgeldfach mittlerweile Routine geworden. Die Umweltplakette ist bei ihren Kunden des Fachhandels für Autozubehör und -ersatzteile zurzeit heiß begehrt, vor allem bei den niederländischen Autofahrern.

9,99 Euro kostet der Aufkleber, mit dem die Grenzgänger seit Anfang des Monats ihr Auto in Aachen als umweltfreundlich deklarieren müssen. Ein Glück für die Kaffeekasse der Angestellten, könnte man meinen. Denn genauso häufig wie die grüne Plakette dieser Tage über die Theke geht, bleibt der kupferne Cent Wechselgeld auf ebenjener liegen.

Dabei würde Jurinda gerne auf die zusätzliche Münze verzichten. „Es wäre viel einfacher, wenn der Cent wegfallen würde“, sagt die Einzelhandelskauffrau. Schließlich beult der Cent nicht nur das Portemonnaie aus. Er kostet die Händler auch Geld.

EU-Verordnung

Denn seit dem vergangenen Jahr sind Banken aufgrund einer EU-Verordnung dazu verpflichtet, jede einzelne Münze auf ihre Verkehrssicherheit und Echtheit zu überprüfen. Jedes Cent- und Eurostück hat nach dem Einzahlen einen langen und teuren Prüfweg vor sich. Eine Summe, die viele Banken an ihre Kunden weitergeben. So erhebt die Sparkasse Aachen für Geschäftskunden pro abgegebenem Münzbeutel – einem sogenannten „Safebag“ – eine Gebühr von 4,50 Euro. Die Abgabe von bis zu 50 Münzen bleibe kostenfrei, teilte Achim Plaum von der Sparkasse Aachen mit. Privatkunden müssten für Kleingeldgeschäfte „im üblichen Umfang“ weiterhin nichts zahlen.

Für Einzelhändler, die mehrmals pro Woche ihr Kleingeld zur Bank bringen müssen, bedeutet die EU-Verordnung hohe Zusatzkosten. In Kleve hat deshalb ein Großteil der Einzelhändler Ein- und Zwei-Cent-Münzen aus ihren Kassen verbannt. Stattdessen runden die Geschäfte die vom Kunden zu zahlenden Beträge auf fünf Cent auf oder ab. In den benachbarten Niederlanden ist dies bereits seit Jahren gelebte Praxis.

Was etwa 150 Kilometer entfernt möglich ist, sollte auch in Herzogenrath umsetzbar sein, findet Jurinda. Schließlich bestimmt die Nähe zu den Niederlanden mit dem steten Wechsel von gelben und weißen Autokennzeichen das Stadtbild. Die Neustraße markiert die Grenze zwischen deutschem und niederländischem Staatsgebiet, eine Grenze, die nur noch auf der Landkarte zu existieren scheint – und an der Kasse.

Luk Bazen kann das Festhalten der Deutschen an dem Kleingeld nicht nachvollziehen. Der Niederländer ist das Auf- und Abrunden an der Geschäftskasse gewöhnt. „Ob das nun 5,98 Euro kostet oder man 6 Euro zahlt, ist doch letztlich egal“, findet er. Bei Einkäufen in Deutschland lässt er die Münzen deshalb gerne liegen. Auch Rosemarie, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will, würde das Modell Kleve in Herzogenrath begrüßen. Seit 20 Jahren lebt die 76-jährige Deutsche in den Niederlanden, zum Einkaufen geht es einmal die Straße entlang in den Lebensmitteldiscounter auf deutscher Seite. „Das Portemonnaie wird wegen des Kleingelds immer voller, das braucht doch keiner.“

Mit dem Zählen überfordert

Dass ein Großteil der Kunden gerne auf das Geklimper mit den Münzen verzichten würde, glaubt auch Svenja von Rekowski. Die Auszubildende zur Fleischfachverkäuferin beobachtet regelmäßig, dass gerade ältere Menschen zunehmend mit dem Zählen des Kupfergelds überfordert seien. „Und auch uns hält das Münzgeld unnötig auf, vor allem wenn samstags viel los ist“, sagt die 23-Jährige. Die holländische Kundschaft hingegen lebe in der Metzgerei vor, dass es auch anders gehen kann. „Die runden von sich aus auf und lassen das kleine Geld bei uns liegen, weil sie es nicht gebrauchen können.“

Eine stichprobenartige Umfrage in der Fußgängerzone ergab: Die meisten Verbraucher stehen dem Verzicht auf Ein- und Zwei-Cent-Münzen durchaus positiv gegenüber. Zweifel daran, dass weitere Städte wie Kleve das niederländische Münz-Prinzip in nächster Zeit übernehmen könnten, kommen hingegen aus einer niederländischen Tankstelle kurz hinter der Grenze. „Wenn wir Diskussionen mit dem Cent haben, dann immer mit den Kunden aus Deutschland“, berichtet ein Angestellter, der in der Zeitung ungenannt bleiben will. Trotz Grenzlage müsse er regelmäßig erklären, dass die kleinen, bronzefarbenen Münzen in den Niederlanden nicht mehr millionenfach den Besitzer wechseln. Die Haltung manch eines deutschen Kunden bliebe jedoch standfest: Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert.

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