Wer hat den Anwohnern vom Müschekamp die Abkürzung geklaut?

Von: Verena Müller
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An der Lücke im Erdwall am Premiumradweg: Michael J. Pauly (r.) mit Stadtverordnetem Josef Nevelz (Freie Wählergemeinschaft Alsdorf). Foto: vm

Alsdorf. Michael J. Pauly ist ein Mensch, der sehr genau weiß, was rechtens ist und was nicht. Und er weiß auch, wann er Partei ergreifen muss. Nämlich dann, wenn wehr- und hilflosen Bürgern Behördenwillkür oder anderes Ungemach widerfahren ist.

Eigentlich möchte der 52-Jährige mit dem grauen Zopf und dem noch leicht rotstichigen Bart seinen Namen an dieser Stelle lieber nicht lesen. Aber irgendjemand muss sich ja um die, wie er sie nennt, „himmelschreienden Ungerechtigkeiten“ kümmern.

Auf seinen Spaziergängen durch Hoengen nämlich sei er von Bürgern auf die parallel zum Premiumradweg verlaufende Erdanhäufung angesprochen worden, sagt Pauly: eine unüberwindbare Hürde für Kinder und alte Menschen, die (etwa auf dem Weg zum nächsten Supermarkt) zwischen Müschekamp und Jülicher Straße abkürzen wollten. Anwohner hätten selbst einen Durchgang geschaffen, der sei aber von der Städteregion Aachen wieder geschlossen worden.

Die angeordnete Lücke

Dabei hat die Städteregion gar nichts gegen die Lücke, sie hat sie sogar angeordnet. Das Ganze scheint eine Provinzposse erster Güte zu sein. Aber bestimmt nicht für Michael J. Pauly und die Anwohner, für die er spricht.

Ja, ein Kümmerer sei er, dieser Begriff würde gut auf ihn passen, sagt Pauly. Andere, vor allem auf der „anderen Seite“, in den Verwaltungstrakten von Stadt und Städteregion, würden ihn wohl eher als Nörgler und Querulanten bezeichnen. Aber das ist eine Frage der Perspektive.

Pauly war früher selbst auf der „anderen Seite“, bis 2008 als Pressesprecher der Stadt Alsdorf. Auch in der Lokalpolitik war er aktiv. Dann: Burn-out. Seitdem befindet er sich in vorzeitigem Ruhestand, widmet viel Zeit seinem Jack-Russell-Terrier und seiner Star-Wars-Sammlung: Alle seit 1976 publizierte Literatur um und über das Science-Fiction-Heldenepos hat er erworben und katalogisiert. Aber darum soll es an dieser Stelle nicht gehen. Eher um seine Rolle als „Hundespazierer“, wie er es nennt, oder vielmehr das, was er während der Ausübung dieser Tätigkeit gewahr wird und was daraus resultiert. Meist eine Auseinandersetzung mit einer Behörde nämlich. Wie auch in diesem Fall.

Zum Hintergrund: Der Premiumradweg tangiert das Wohngebiet Müschekamp, kreuzt die Jülicher Straße und verläuft auf der anderen Straßenseite Richtung Jas-persberg weiter. Die aufgeschüttete Erde war schon vor dem Radweg da, seit dessen Bau wurde sie bis an ein Grundstück des Neubaugebiets verlängert. Laut Städteregion keine Anwohnerschikane, sondern Unterbinden von unbefugtem Befahren durch Autos. Fußgänger aus dem Müschekamp mussten also zeitweise bis an die Jülicher Straße laufen, dort eine Kehrtwende machen und auf dem Radweg wieder in entgegengesetzter Richtung zurücklaufen. Ein Umweg von 196 Metern, wie Recherchen unserer Zeitung vor Ort ergeben haben.

Unserer Redaktion liegen inzwischen auch Augenzeugenberichte, Stellungnahmen der Städteregion und Bildmaterial vor, so dass das Wechselbad aus Erdaufschüttung und Durchbruch, Verschluss und erneutem Durchbruch im Detail nachgewiesen werden kann. Es sei kurz in Erinnerung gerufen: Es geht um ein Loch mit einer Breite von rund einem Meter in einem flachen Erdwall.

Die Chronologie: Am 14. Dezember war Abnahme mit der durch die Städteregion beauftragten Baufirma. „Hierbei war als Restarbeit auch die Herstellung eines Durchganges im Erdwall (...) festgelegt“, sagt die Städteregion. Entgegen zunächst anderslautenden Angaben hat die Baufirma dies aber nicht umgesetzt. Stattdessen haben Anwohner selbst zum Spaten gegriffen, wie Bilder vom 18. Dezember und Augenzeugenberichte von zwei weiteren Anwohnern belegen.

In der vergangenen Woche war die Lücke – zur großen Verärgerung der Anwohner – wieder geschlossen. „Wir waren das nicht“, lautete die erste Reaktion der Städteregion. Was nicht stimmte.

Pauly sieht darin System. Die Leute sollten absichtlich verwirrt werden, sagt er. Es handele sich um nur eines von vielen Beispielen, bei denen er oder andere Bürger von Behörden angelogen worden seien.

Inzwischen ist die Verwirrung aufgeklärt: „Der Vorarbeiter hatte wohl die Information zum Durchgang nicht vollständig erhalten“, so Städteregions-Sprecher Detlef Funken. Vor Ort „muss ihm wohl der ,unfachmännisch‘ hergestellte Durchgang (...) aufgefallen sein – und er hat auch dort ,nachgearbeitet‘.“ Und kaum ein paar Tage später hatten Anwohner wieder eine „unfachmännische“ Lücke geschaffen. Das interne Missverständnis sei aber nun beseitigt und am gestrigen Freitag sei der fachmännische Durchbruch hergestellt worden, so Funken.

Aufatmen in Hoengen?

Nein. Denn Pauly ist erstens nicht zufrieden („Kein Kinderwagen geht da durch und die Seiten sind nur etwas abgeflacht. (...) Ein älterer Rollatorfahrer ist schon steckengeblieben“) und zweitens kann er dem Gesamtprojekt Premiumradweg wenig abgewinnen: Statt Geld für die Asphaltierung auszugeben, hätte man dieses besser in die Instandhaltung der alten Schotterstrecke investiert. Vorfahrtsregelung für Radfahrer an der Rosenstraße? Auch falsch. „Das hätte man einheitlich machen müssen.“ Poller an der Jülicher Straße, der ein Einbiegen von Autos auf den Radweg verhindert? „Eine horizontale Absperrung wäre besser gewesen. Außerdem befindet sich das Problem nicht an der Jülicher Straße, sondern an der Rosenstraße.“

Was noch?

Aus Paulys Sicht eine Menge. Aber das würde an dieser Stelle nun wirklich zu weit führen.

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