Wenn Zuhause kein Schutz ist

Von: Elisa Zander
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Nicht zum Äußersten kommen l
Nicht zum Äußersten kommen lassen: Die Jugendämter der Nordkreiskommunen setzen auf frühe Hilfen, um Familien von Beginn an zur Seite zu stehen. Foto: imago/Jochen Tack

Herzogenrath. Die Kinder sind weg. Von jetzt auf gleich. Das Jugendamt hat sie mitgenommen. Nun sitzt die Mutter Zuhause und weint. Sie habe sich doch immer gut um den Nachwuchs gekümmert, beteuert sie.

An einem anderen Ort: Ein Kind wird mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert. Ein Schütteltrauma wird diagnostiziert. Lebensgefahr für den sieben Monate alten Säugling. Die Nachbarn der betroffenen Familie sind bestürzt. „Ständig ist das Jugendamt unterwegs, aber nie da, wo man es braucht”, schimpft ein Mann.

Zwei fiktive Situationen, wie sie so oder ähnlich aber häufig beschrieben werden. Dabei geht der Vorwurf meist in die gleiche Richtung: Das zuständige Jugendamt würde nicht richtig arbeiten. Die Anschuldigung kennen auch Bernd Krott, Leiter des Jugendamts Herzogenrath, und Norbert Latz, Teamleiter Sozialer Dienst. Im vergangenen Jahr haben hat das städtische Jugendamt 59 Mal Kinder oder Jugendliche in Obhut genommen. Dabei ist den Diplom-Sozialarbeiter insbesondere eines Wichtig: Das Wohl der Kinder.

Landesweit sind die Zahlen der Inobhutnahmen in den vergangenen fünf bis sechs Jahren „massiv angestiegen”, sagt Bernd Krott. Als Auslöser sieht er unter anderem die vielen durch die Presse gegangenen Fälle. „Dadurch ist die Bevölkerung sensibilisiert worden.” Jede eingegangene Meldung wird ernst genommen. Zwei Sozialarbeiter befassen sich mit einem Fall, teilweise unter Einbezug des Arbeitsgruppenleiters. Zwar gebe es auch einige Fehlmeldungen. „Da werden wir teilweise instrumentalisiert”, etwa bei einem Nachbarschaftsstreit, bedauert Bernd Krott.

Doch das halte die Mitarbeiter nicht davon ab, jedem Hinweis nachzugehen. Von Außen könne man schließlich als Bürger nicht unterscheiden, ob es sich bei einem ständig schreienden Kind um ein Opfer von körperlicher Gewalt handele, oder es ein Schreikind ist. „Es ist gut, wenn uns Bürger informieren.” Selbst wenn die Familie sich gut um das Kind kümmere, könnten Angebote für die Eltern gemacht werden, die sie in ihrem Bemühen unterstützen.

Viele Menschen meldeten sich anonym, erzählen die Sozialarbeiter. „Da wünschen wir uns mehr Zivilcourage”, so Norbert Latz. „Dann bekommt die Sache etwas mehr Substanz.” Die Angst der Bürger vor Konsequenzen habe jedoch die Überhand. Von Seiten des Jugendamtes „haben die Melder nichts zu befürchten”, betont Krott ausdrücklich. Lieber sei man einmal zu viel unterwegs, als dass keine Informationen weiter geleitet würden.

Ein anderer Grund für den Anstieg der Inobhutnahmen sind gesellschaftliche Krisen. „Die Zahl der Hilfen verläuft fast parallel zu der Kurve der Arbeitslosigkeit”, erläutert Krott. Risikofaktoren, die dazu führen können, dass Kinder Schaden nehmen sind neben der Arbeitslosigkeit, aus der heraus Eltern unbeherrscht handeln können, Drogen- und Alkoholmissbrauch. Dabei finden sich solche Fälle quer durch alle Gesellschaftsschichten und kulturellen Hintergründe.

Bis zum 30. Juni hatte das Jugendamt in Herzogenrath in diesem Jahr 19 Inobhutnahmen vornehmen müssen. Drei Gründe können der Auslöser sein: Erstens: Das Kind oder der Jugendliche kommt zum Jugendamt und bittet um Inobhutnahme. Zweitens: Die Mitarbeiter stellen bei ihrer Arbeit fest, dass das Kindeswohl gefährdet ist. Und Drittens: Ein Kind oder Jugendlicher wird durch die Polizei aufgegriffen. „Eine Inobhutnahme ist ein vorläufiger Verwaltungsakt”, beschreibt Latz, „an die sich eine Information an die Eltern anschließt.”

Die Erfahrung der Sozialarbeiter ist, dass die meisten Eltern einer Inobhutnahme zustimmten. Ist das nicht der Fall, muss spätestens am Folgetag zur Klärung das Familiengericht konsultiert werden. Ziel ist dabei immer, aus der krisenhaften Situation herauszukommen, und mit allen Beteiligten eine Klärung zu erreichen. Das kann dazu führen, dass ein Kind in die Familie zurückgeführt wird. Dazu muss die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen zuvor jedoch so geändert werden, dass sie wieder in der familiären Situationen leben können und wollen.

Die Zahl der Kinder, die nicht in die eigene Familie zurückkehren wollen, schätzen die Experten für Herzogenrath auf etwa fünf Prozent. Maximal soll eine Inobhutnahme drei Monate dauern. „Wir versuchen es so schnell wie möglich in Hilfen zur Erziehung umzuwandeln”, erläutert Latz. Es sei ein „langer Prozess, der auch belastend ist und viel Flexibilität von den Mitarbeitern erfordert”, beschreibt Bernd Krott die Alltagssituation der Mitarbeiter im Jugendamt.

Dass sie als Jugendamt ein „doppeltes Mandat”, wie Bernd Krott es nennt, haben, macht es manchen Bürgern scheinbar schwer, die Entscheidungen der Mitarbeiter nachzuvollziehen. Zum einen wird Hilfe angeboten und beraten. Zum anderen hat das Amt jedoch eine „hoheitliche Aufgabe”, und muss als staatliches Organ teilweise gegen den Willen der Eltern in Familiensituationen eingreifen.

Diese Zweischneidigkeit, Hilfeinstanz und Wächteramt, schürt bei Eltern teilweise die Angst, „hier würde die Obrigkeit in den Fokus gestellt, aber das ist nicht so”, betont Krott. „Eine Inobhutnahme steht am Ende einer langen Reihe von Angebotsbausteinen, die im Voraus aktiviert werden.”

Kommt es dann aber doch zu diesem „gewaltigen Eingriff in die Rechte von Eltern”, die das Jugendamt nur dann einsetzt, wenn keine anderen Möglichkeiten mehr auszuschöpfen sind, werden die Kinder in der Regel in Bereitschaftspflegefamilien vermittelt. Jene sind speziell geschult und bereit, ein Kind für einen festgelegten Zeitraum aufzunehmen. Darüber hinaus besteht eine enge Kooperation mit zwei Heimeinrichtungen in Stolberg und Eschweiler.

Diese haben im wöchentlichen Wechsel Bereitschaftsdienst. „Das gibt uns die Sicherheit, dass wir Kinder auch rund um die Uhr schützen können und einen Platz für sie haben.” Gedacht ist die Heimunterbringung als erste Schutzmaßnahme und Garantie, dass die betroffenen Kinder und Jugendliche dort für drei Tage versorgt werden.

Während ein 15-Jähriger etwa meist einen Weg findet, sich bei Problemen in der Familie jemandem anzuvertrauen, sind jene, die sich nicht wehren können, besonders gefährdet und schutzbedürftig: Säuglinge und Kleinkinder. Schon früh ansetzen, keine Betreuungslücken und so Probleme und Überbelastungen in Familien aufkommen lassen, ist der Weg, den die Jugendämter seit einigen Jahren einschlagen.

Der Bereich der frühen Hilfen wird ausgeweitet, Angebote gemacht. „Wir haben ein Netzwerk aufgebaut, sodass man frühzeitig in Familien kommt, Kontakt herstellt, sich vorstellt und das Gespräch sucht”, erläutert Norbert Latz. Schließlich ist das Wohl des Kindes das, was die Sozialarbeiter immer im Blick haben. Und das bekommt es am besten in einer intakten und liebevollen Familie.

Der Bereich der frühen Hilfen als Präventionsmaßnahme wird in allen Kommunen ausgebaut. Dem zugute kommt das Ergebnis der Verhandlungen zwischen Bund und Ländern zur Umsetzung des neuen Bundeskinderschutzgesetzes. Darin wurden auch dauerhafte finanzielle Unterstützungen des Bundes für den Kinderschutz und frühe Hilfen vor Ort durchgesetzt.

Aus diesen Mitteln erhält Alsdorf für 2012 und 2013 48.000 Euro, Herzogenrath 36.000 Euro und Würselen 28.000 Euro. Baesweiler profitiert aus den Mitteln für das Kreisjugendamt Aachen, das eine Gesamtsumme von knapp 30.000 Euro erhält.

Insgesamt entfallen auf NRW 2012 etwa 6 Millionen Euro, in 2013 sind es neun Millionen Euro und dann 10,3 Millionen Euro dauerhaft ab 2014.

Im Land werden die Mittel danach verteilt, wie viele Kinder unter drei Jahren im SGB-II-Bezug leben.

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