Wenn Schüler zu Sanitätern werden

Von: Julia Mull
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Das muss sitzen: Das Anlegen des Verbandes übt Schulsanitäterin Jeanett Tuncer mit ihrer Kollegin Lydia Schmitz. Foto: Stefan Schaum

Nordkreis. Die Tür zum Sanitätsraum öffnet sich, ein junges Mädchen humpelt ins Zimmer. Fatma Burbut (14) kümmert sich gleich um die verletzte Schülerin. Ihr ist ein Tisch auf den Fuß gefallen, der schon kräftig anschwillt. Doch Fatma weiß, was nun zu tun ist.

Sie zieht der Schülerin den Schuh aus, um sich den Fuß anzuschauen. Sicherheitshalber packt sie gleich einen Kühlakku drauf, denn die Kälte lindert den Schmerz und die Schwellung wird gestoppt. Gebrochen scheint nichts zu sein, Glück gehabt! Zum Arzt wird das Mädchen später nicht müssen, die junge Helferin hat es gut versorgt.

So wie Fatma gibt es noch 36 weitere Schulsanitäter an der Gustav-Heinemann-Gesamtschule in Alsdorf. Angeleitet von vier ausgebildeten Lehrkräften sorgen sie dafür, dass die Ersthilfe ortsnah und rasch funktioniert.

Im Nordkreis gibt es viele Schulen, die solch einen Schulsanitätsdienst - kurz SSD - eingerichtet haben. Auch an der Gesamtschule und am Gymnasium in Herzogenrath stehen Jugendliche parat.

Damit sie helfen können, wenn auf dem Pausenhof jemand hingefallen ist, was jetzt im Winter des öfteren passiert. In solchen Fällen helfen die Schulsanitäter mit Bandagen, Druckverbänden, Pflastern und anderen Dingen.

Doch gibt es eine klare Grenze: Medikamente dürfen sie keinesfalls geben. „Und darüber sind die meisten sehr froh”, sagt Martin May, betreuender Lehrer des SSD an der Gesamtschule Alsdorf.

Schnell könnten die Helfer oder deren Betreuer nämlich haftbar gemacht werden, falls dabei etwas schief ginge. Auf Prellungen, Schnittwunden oder Schürfwunden sind die Sanitäter jedoch bestens eingestellt.

Die nötige Ausstattung lagert in den Schränken, finanziell sei man recht gut gepolstert, sagt May. Die Kommunen schultern als Schulträger auch die Materialkosten der Sanitätsdienste.

Jede Hilfe muss dokumentiert werden. In ein so genanntes Verbandbuch tragen die Sanitäter ein, wen sie versorgt haben und warum. Und vor allem: wie.

Auch seelische Hilfen gehören ganz klar dazu. „Die Sanitäter sind nicht nur da, um Verletzungen zu behandeln. Sie leisten auch seelischen Beistand und trösten, wenn jemand Schmerzen hat”, sagt Ralf Klein, ebenfalls ein betreuender Lehrer des Schulsanitätsdienstes an der Gesamtschule in Alsdorf.

Fachliche Unterstützung bekommen die Schulen von Hilfsdiensten wie den Johannitern und dem Jugendrotkreuz. Die helfen dabei, Schüler und Lehrer auszubilden - damit der Schulalltag ein wenig sicherer wird.

Ab Klasse sechs

Schüler, die sich für den Sanitätsdienst interessieren, können im Herzogenrather Gymnasium und in der Gesamtschule ab der achten Klasse an einer Ausbildung zum Ersthelfer teilnehmen. In Alsdorf geht das schon ab der sechsten Klasse. Ob das nicht ein wenig zu früh ist? Schließlich werden die Schüler auch schon mal mit heftigeren, blutigen Verletzungen konfrontiert. „Nein”, sagt Martin May. „Die Schüler machen ein halbes Jahr lang ihre Ausbildung, danach schauen sie sich den Alltag im Sanitätsraum an und können so durch die Erfahrungen der anderen profitieren.” Zudem wird regelmäßig untereinander gesprochen, werden die Dinge aufbereitet, Erfahrungen verarbeitet. Überfordert sei daher bislang noch niemand mit der Aufgabe gewesen. Auf ältere Schüler könne die Gesamtschule auch kaum zurückgreifen. „Die meisten sind ja nur bis zur zehnten Klasse bei uns. Dann verlassen viele die Schule. Und Oberstufenschüler haben meist keine Zeit mehr für den Sanitätsdienst.”

Jungs sind selten

Was auffällig ist: Jungs sieht man selten in den Sanitätsräumen. Unter den 37 Helfern an der Alsdorfer Gesamtschule sind es gerade mal vier Jungen. Warum das so ist? Das weiß die betreuende Lehrerin Sigrid Crott-Eichhorn auch nicht. Doch sie vermutet: „Mädchen haben wohl einfach einen ausgeprägteren Hilfsinstikt.” Und sie können bei Bedarf ganz gut zupacken. „Schwester Rabiata” - diesen Spitznamen hat die Lehrerin unter Kollegen weg.

Sie lacht: „Wenn es um die Hilfe geht, darf man eben manchmal nicht zimperlich sein.” Und der Erfolg gibt ihr Recht. „Gut 85 Prozent aller Unfälle können wir hier gut selbst behandeln”, sagt sie. Nur selten müsse ein Arzt hinzugerufen werden.

Während der Schulpausen ist der Sanitätsraum an der Gesamtschule, die gut 1200 Schüler hat, stets besetzt. Doch auch wenn mal etwas während der Unterrichtszeit passiert, sind die Helfer rasch zur Stelle.

Im Herzogenrather Gymnasium sind sie sogar mit eigenen „Diensthandys” ausgestattet. Die Jugendlichen helfen, weil es ihnen auch Spaß macht. Und weil es vielleicht der Beginn einer beruflichen Karriere ist.

Jüngst war Lehrer Ralf Klein auf einer Ausbildungsbörse. Und wen hat er dort getroffen? Eine ehemalige Schulsanitäterin. „Die ist jetzt eine Rettungsassistentin. Das ist doch was.”
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