Wenn in der Dorfkneipe das Licht ausgeht

Von: Stefan Schaum
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Das Zapfen ist Familiensache: Mit Mutter Ingrid teilt sich Marcel Heyman die Arbeit hinter Theke gern. Doch künftig sollen die Abende nicht mehr den Gästen, sondern Frau und Kind gehören. Foto: Stefan Schaum
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WM-Helden und Lovericher Jubel: Aus der brasilianischen Finalnacht hat Monika Knips eine Collage für den Gastraum gemacht. Die muss nun bald bei ihr zuhause hängen.

Baesweiler. Es wird so sein wie im alten Karnevalshit: Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Die närrischen Tage nimmt Marcel Heyman gern noch mit, denn die sind immer gut fürs Geschäft. Und dann sperrt er die Kneipe zu. Licht aus im einzigen Lovericher Gasthaus.

Für den jungen Familienvater wird es auch eine Erleichterung sein. Doch für das Dorf ist es ein Verlust.

Denn da ist ja sonst nicht mehr viel. Wenn kleine Ortsteile ihre Kneipe verlieren, ist das ein Problem für dortige Vereine. Andererseits sitzen oft zu wenig Leute an der Theke, dass sich so ein Laden für den Wirt noch lohnt. Also ein Dilemma.

Im Fall von Marcel Heyman ist Amelié der Grund für die Entscheidung. Ein schöner Grund. Die Kleine kam vor anderthalb Jahren zur Welt – doch Zeit für die Familie ist bei Gastronomen knapp bemessen. „Mir war schnell klar, dass das nicht mehr lange weitergehen kann“, sagt der 35-Jährige. „Ich möchte für meine Familie da sein, wenn sie mich braucht, und nicht, wenn ich Zeit habe. Schließlich gibt sie mir Mut und Kraft.“

Es kann sich noch rechnen

Das Finanzielle war nicht der Grund für die Schließung. Klar: es gibt einige umsatzstarke Monate. Ebenso klar: es gibt mindestens genau so viele, die richtig mau sind, vor allem im Sommer, wenn abends nur hinter der Theke jemand ist. „Am Jahresende kann es sich immer noch rechnen“, sagt der gelernte Hotelfachmann. Allerdings werde es von Jahr zu Jahr ein wenig knapper, das sei schon spürbar. „Ich sehe die Schließung keinesfalls als ein Aufgeben an. Wir haben immer mit Herzblut agiert.“

Vor allem Mutter Ingrid, die gute Seele. Die war ein Beweggrund, warum Marcel vor vier Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit im Heimatort wagte. Seine Eltern hatten zuvor lange Jahre eine Kneipe in Alsdorf, die Fürstenbergstube am Mariadorfer Dreieck. Dann starb Vater Rudi, es konnte nicht mehr weitergehen. Gemeinsam mit der Mutter hat er neu begonnen. „Sie liebt die Gastronomie sehr und hat mich inspiriert.“

So standen sie gemeinsam in der Kneipe, Mama und Sohn. Die Mutter oft in der Küche, gut-bürgerlich der Speiseplan, mit saisonalen Angeboten. „An so einem Ort brauchst du mehrere Standbeine“, sagt Marcel Heyman. „Nur Ausschank ist zu wenig und ein reines Restaurant funktioniert womöglich auch nicht.“

Auch kleine Weihnachtsmärkte und Konzerte von Bands fanden dort statt. Frischer Wind in der Dorfmitte. Junge Leute angezogen zu haben – darauf ist er stolz. Auch die Kegelbahn war gefragt. 14 Clubs nutzen sie, freitags und samstags war die Bahn komplett ausgebucht. Dieser Tage hängen Luftschlangen über der Theke, denn freilich hat die KG Blaue Funken ihre Hofburg hier. Und die St.-Josef-Schützen ihr Vereinsheim. Zwei Sparclubs gibt es ebenfalls. Hier trinkt zusammen, was im Dorf zusammenhält.

Das fühlt sich leer an

Monika Knips ist Stammgast, Freundin, Vereinsmensch. Häufig sitzt sie abends an der Theke. Wie sie es findet, dass bald Schluss ist? „Beschissen.“ Wie es sich im Dorf ohne Kneipe anfühlen wird? „Leer.“ Denn das hier sei nun mal das Kommunikationszentrum. „Wenn du Knatsch und Tratsch hören willst, kommst du hierher.“ Wenn du Spaß willst, auch. Wie haben sie noch vor ein paar Monaten gefeiert.

Als Deutschland Fußballweltmeister wurde, lagen sie sich in der Kneipe in den Armen und jubelten. Proppenvoll war es da. Fotos aus dieser Nacht hatte Monika Knips mit Spielerbildern zu einer Collage gemacht und sie an die Wand im Gastraum gehängt. „War eine Leihgabe“, wie sie jetzt sagt. Denn das Bild wird sie bald abnehmen. Schließlich weiß ja kein Mensch, ob hier wieder neues Leben reinkommt. Bevor Heymans anfingen, stand das Lokal ein halbes Jahr lang leer, diesmal könnte es länger dauern.

Einfach Ehrensache

Denkt Marcel Heyman zurück, denkt er an schöne Zeiten. „Als wir eröffnet haben, stand das halbe Dorf parat.“ Mancher half mit, den Kühlraum zu schrubben, andere pinselte Wände an, schauten nach den Stromleitungen. Ehrensache war das. Wer auf dem Land eine Kneipe eröffnet, der eröffnet ein Gemeinschaftshaus. Wer es schließt, nimmt was weg.

„Mir fällt es sehr schwer, das hier zu beenden“, sagt Heyman. Er schaut zum Zapfhahn, über dem ein rosa Schnuller baumelt. Den hatte ein Gast ihm geschenkt, zur Geburt der Tochter. Marcel Heyman lächelt. Ja, hier ging es stets familiär zu. Jetzt bleibt die Familie. Das sei der richtige Schritt für ihn. Er hofft sehr, dass sich ein Nachfolger findet. Dann wird er gerne wieder hier sein, versteht sich. Vor der Theke. Auch wenn er selbst jetzt aufhört, weiß er ja: „Eine Kneipe gehört zum Dorf!“

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