Wenn der Protest gegen einen Sozialbau den Falschen trifft

Von: Verena Müller
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Der Bau der GSG soll die Lücke am Bahndamm zwischen Pützdrieschstraße und Narzissenstraße schließen. Foto: Verena Müller
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Der Bau soll 19 Parteien enthalten. Dagegen regt sich Widerstand. Zum Teil wegen einer Konzentration von sozialem Wohnungsbau in den anliegenden Straßen, zum Teil, weil Kindern damit eine Spielfläche verloren geht. Grafik: Heuer Faust Architekten
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Erhielt überraschend Zustimmung für das Projekt: GSG-Geschäftsführer Dieter Sandlöbes.
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Will trotz wohlwollendem Urteil über den geplanten Bau weiter protestieren: Ute Glogau.

Alsdorf. An die 200 Unterschriften haben Katharina Hensen und Ute Glogau, Anwohnerinnen aus der Pützdrieschstraße, gesammelt. „Wir sind mit der Bebauung Narzissenstraße nicht einverstanden“, ließ Katharina Hensen im jüngsten Stadtentwicklungsausschuss wissen.

Die Gründe, die die Anwohnerinnen – zunächst – nannten: In unmittelbarer Nachbarschaft befänden sich bereits Sozialbauten, außerdem an der Hans-Böckler-Straße eine Obdachlosenunterkunft. „Wir verteufeln den sozialen Wohnungsbau ja nicht“, so Hensen. „Aber wir wollen den nicht konzentriert auf zwei, drei Straßen“, sondern eine breitere Streuung aufs gesamte Stadtgebiet.

Und nebenbei: „Die Verkehrslage ist jetzt schon angespannt. Außerdem ist die Wiese die einzige freie Fläche, wo Kinder in der Umgebung spielen können.“ Und darum, sollte sich später herausstellen, geht es eigentlich.

„Optische Wiese“

Ausschussvorsitzender Heinrich Plum (SPD) dankte den Anwohnerinnen für ihren Mut, sich zu Wort zu melden, musste ihnen aber eine Absage erteilen, als diese den Punkt „Narzissenstraße“ aus dem nicht-öffentlichen Teil in den öffentlichen Teil gezogen haben wollten.

Wegen der Belange Dritter sei dies nicht möglich. Und in der Sache handele es sich nur rein optisch um eine Wiese, tatsächlich sei es Bauland. Plum schlug aber vor, den Bauherrn um einen Gesprächstermin zu bitten, damit dieser einmal seine genauen Pläne vorstellen könne. Damit waren die beiden Frauen einverstanden.

Der Termin fand nun am vergangenen Donnerstag statt. Dieter Sandlöbes von der Gemeinnützigen Siedlungsgesellschaft Alsdorf mbH (GSG) stellte die Pläne vor. Für die Anwesenden einigermaßen überraschend lautete die erste Reaktion von Ute Glogau: „Ganz ehrlich, das Projekt ist super!“

Da stutzte Sandlöbes. Eigentlich ginge es ihr nämlich gar nicht um den Bau an sich, führte Glogau aus, sondern darum, dass ihren beiden achtjährigen Kindern eine Spielwiese genommen würde. In der Gegend gebe es wenig Freiflächen und der nächste Spielplatz, am Rewe, führe direkt an einem Nachtclub vorbei und sei nicht einsehbar. „Spritzen, Kondome, Haschtütchen“, hätte sie dort schon gefunden.

„Ich fürchte, da bin ich der falsche Ansprechpartner“, sagte Sandlöbes etwas ratlos. Wofür er aber der richtige Ansprechpartner ist, ist das Bauprojekt an sich: Die GSG, eine Tochter der Stadt, will an der Pützdrieschstraße die Baulücke zum Bahndamm mit 19 Wohnungen schließen. Davon zwölf kleinere Wohnungen von 60 Quadratmetern oder weniger, vier Drei-Zimmer-Wohnungen und drei Vier-Zimmer-Wohnungen.

Zielgruppe: in erster Linie Senioren. Miete: 5,25 Euro pro Quadratmeter. Es handelt sich um geförderte Wohnungen. Menschen mit einem sogenannte Wohnberechtigungsschein hätten hier also Vorrang. „Wenn Wohnungen nicht belegt sind, können diese aber auch von anderen gemietet werden“, sagte die Technische Beigeordnete Lo Cicero-Marenberg.

Sie teile die Auffassung der Anwohnerinnen, dass eine „gewisse Konzentration“ von sozialem Wohnungsbau in dieser Gegend vorliege. Dass die Gegend mit einem weiteren Bau „abgewertet“ werde, wollte die technische Beigeordnete „so aber nicht stehen lassen“: „Privater und sozialer Wohnungsbau sind in den Straßenzügen dort nicht zu unterscheiden.“ Und Beschwerden hätten sie derzeit auch noch keine erreicht.

GSG-Geschäftsführer Sandlöbes betonte ebenfalls, dass „ganz normale Menschen aus der Mitte der Gesellschaft“ als Nachbarn zu erwarten seien. Denn, „unter uns“, führte er aus, wolle keiner eine zweifelhafte Klientel, da diese in der Regel mit Beschwerden und einem hohen Verwaltungsaufwand verbunden seien. Er verdeutlichte, welche Einkommensklassen einen Wohnberechtigungsschein erhalten: „Ein Rentnerpaar darf brutto 2435 Euro verdienen, eine Familie mit einem Kind 3614 Euro brutto.“

Alle Wohnungen sind barrierefrei geplant, es gibt also Aufzüge und die Badezimmer sind entsprechend angelegt. Die GSG will drei Millionen Euro investieren.

Jahrelang hatte sie sich aus dem sozialen Wohnungsbau rausgehalten, „weil es zu wenig Fördermittel gab“, so Sandlöbes. „Inzwischen verzeichnen wir aber einen großen Bedarf und haben uns entschlossen, ein neues Projekt auf einem Grundstück zu realisieren, das uns schon lange gehört.“ Eben zwischen Pützdrieschstraße und Narzissenstraße.

Vor etlichen Jahren hatte es einmal andere Pläne für dieses Grundstück gegeben: Einfamilienhäuser. Aber das hatte die GSG mangels Resonanz damals ad acta gelegt. Offenbar kursierten aber vor ein paar Jahren noch diese alten Baupläne. Denn von einem solchen Bauvorhaben sei sie ausgegangen, als sie und ihr Mann eine Eigentumswohnung in dem Haus mit der Nummer 77 gekauft haben, sagte Ute Glogau.

Sandlöbes ging im weiteren Verlauf auf Details der Planung ein und Verwies darauf, dass nicht die gesamte Fläche bebaut werde: Von den gesamt 4500 Quadratmetern würden 1360 abgetrennt. Da bliebe also noch viel Grün übrig...

Und Plum verwies darauf, dass es eine Spielplatzkommission gebe, die ebenso wie die Verwaltung Ansprechpartner sei, wenn der Zustand von Spielplätzen zu wünschen übrig lasse.

Nachdem alle Unklarheiten, Missverständnisse und Gerüchte beseitigt waren, stellte sich die Frage, wie es jetzt weitergeht. Wird die Unterschriftenliste zurückgezogen? Verebbt der Protest? „Nein“, antwortete Ute Glogau. Sie sei nach wie vor für den Erhalt der Wiese. Aber nicht gegen das Bauvorhaben. Das sei „sicher gut durchdacht, nur müsste es woanders gebaut werden. Dann wäre es perfekt.“ Man werde sich mit den Nachbarn beraten und dann weitersehen.

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