Alsdorf - Wenn der Alltag zu einer Barriere wird

Wenn der Alltag zu einer Barriere wird

Von: acm/pia/vm
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Negativbeispiel: Weder eine Rampe noch Geländer oder Markierungen gibt es hier an diesen Stufen an der Rathausstraße. Ohne die Hilfe von Heinz Marek käme Jürgen Müller hier nicht weiter. Foto: Pia Sonntag
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Gut gelöst: barrierefrei und mit geringer Steigung. Foto: Pia Sonntag

Alsdorf. Jürgen Müller aus Alsdorf, hat lange Zeit nicht darüber nachgedacht, was ein Leben mit Behinderung im Alltag bedeutet. Bis vor 13 Jahren: Da musste dem heute 68-jährigen ehemaligen Vertriebsleiter, als lebensrettende Maßnahme, das rechte Bein amputiert werden – eine zunächst harmlos erscheinende Wunde hatte sich zu einer lebensbedrohlichen Infektion entwickelt.

„Davor wusste ich zwar wie man Behinderung schreibt, aber nicht wie man sie lebt“, beschreibt Jürgen Müller rückblickend die Umstellung auf sein neues Leben. Denn mit dem Verlust des Beines verlor er zusätzlich einen großen Teil seiner Unabhängigkeit. Mit vielen neuen Fragen konfrontiert, die die Gestaltung seines neuen Alltags betreffen, stand er trotz der aktiven Suche nach Ansprechpartnern alleine da. Probleme, die er erst sah, als er selbst davon betroffen war.

Schnell stellte er fest, dass es kaum Selbsthilfegruppen gab, die auf die Belange der Beeinträchtigten adäquat eingehen. Neben vielen anderen Betroffenen hatte auch er Schwierigkeiten mit dem Umbau seines Wohnraums, aufgrund mangelnder Kooperation seitens der Versicherungen und Behörden.

Viel gravierender jedoch sollte sich noch die zukünftige Gestaltung seines Alltags außerhalb der eigenen vier Wände herausstellen. Denn Herausforderungen wie Bordsteine, Treppen, Kreuzungen, Busfahren oder einen einfachen Spaziergang durch die Stadt, vermitteln ihm nach seiner eigenen Aussage erst das Gefühl behindert zu sein.

Für gesunde Menschen unscheinbare Gegebenheiten – für körperlich eingeschränkte Menschen hingegen durchaus problematisch. Jürgen Müller beschloss, seine Probleme offensiv anzugehen: Im Jahr 2008 gründete er mehrere Selbsthilfegruppen, unter anderem für Arm- und Beinamputierte. So ist ihm neben der Unterstützung in Rechtsfragen, die Gestaltung und Optimierung der öffentlichen Plätze und Gebäude ein großes Anliegen.

Unterstützung bekommt er dabei von Heinz Marek, der sich ehrenamtlich für eine Gleichberechtigung einsetzt, damit die Inklusion vorangetrieben wird. Obwohl er selbst nicht körperlich eingeschränkt ist, besitzt er einen geschulten Blick für die problematischen Stellen im öffentlichen Raum. Hauptsächlich engagieren sich beide für die Barrierefreiheit.

Bei diversen Neubauprojekten wurde bereits ein besonderer Schwerpunkt auf die behindertengerechte Gestaltung gelegt. So wurden unter anderem eine taktile Führung eingerichtet, Fußgängerüberquerungen und Bushaltestellen angepasst. Konkret bedeutet das, dass Bedarfsampeltasten so niedrig angebracht sind, dass man sie aus einem Rollstuhl heraus bequem erreichen kann. Zusätzlich verfügen diese über ein Vibrationssignal für Blinde.

Nachbesserungsbedarf besteht jedoch noch zu genüge: So kann man an 180 Bushaltestellen in Alsdorf noch nicht barrierefrei einsteigen, weil die Busse keine automatisch ausfahrende Rampe haben. „Es kann nicht alles auf einmal umgebaut werden. Jedoch ist es wichtig, immer wieder schwerpunktmäßig auf Nachbesserungen hinzuweisen. Linienbusse der Aseag können alle barrierefrei genutzt werden, jedoch haben die Subunternehmer keine entsprechenden Busse im Einsatz, die einen barrierefreien Zugang ermöglichen“, so Müller.

Weitere Punkte sind fehlende Markierungen, die auf Hindernisse wie Stufen hinweisen sollen sowie fehlende Geländer, an denen sich Gehbehinderte festhalten können. Ein Beispiel dafür ist an der Rathausstraße zu finden. Eine akute Gefahrenstelle für Sehbehinderte seien Radwege, da auf diese zu wenig aufmerksam gemacht werde.

Die Stadt Alsdorf arbeitet nach eigenen Angaben seit rund sechs Jahren einen Leitfaden zur Barrierefreiheit ab, der auf der Diplom-Arbeit von Denis Kruse, selbst inzwischen bei der Stadt angegestellt, fußt. „Ein, zwei Ecken pro Jahr nehmen wir in Angriff“, so die Technische Beigeordnete Susanne Lo Cicero-Marenberg. Die neuralgischen Punkte hätte natürlich Vorrang und bei Neu- sowie Umbaumaßnahmen würde die Barrierefreiheit sofort berücksichtigt. Das gelte auch für Radwege. „Zuletzt sind beispielsweise die Übergänge an der Burg barrierefrei gestaltet worden“, so die Beigeordnete.

Auch die Nutzung öffentlicher Gebäude stelle oft eine Herausforderung dar, so sei dies nur mittels Aufzug möglich, führt Müller, der Lotse für Menschen mit Behinderungen, weiter aus. Leider seien Aufzüge aber entweder defekt oder gar nicht existent, ergänzt Marek. Außerdem ist bei manchen Ladenlokalen der Zugang durch Treppen erschwert bis unmöglich.

Selbst an einer Treppe, die zwar mit Rampe und einer Klingel ausgestattet ist, die suggeriert, dass Hilfe kommt, wenn ein Rollstuhlfahrer es nicht alleine schafft: Hier musste Müller einmal unverrichteter Dinge umkehren, nachdem er mehrere Minuten gewartet hatte. Inklusion ist ohne Barrierefreiheit nicht möglich.

Jürgen Müller hofft durch sein Engagement auf die Hürden im Alltag für Behinderte aufmerksam zu machen, um damit die Teilnahme am öffentlichen Leben zu garantieren.

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