Wenn der Alltag im Alter zur Bürde wird

Von: Verena Müller
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Nicht nur eine Frage des Geldes: Altersarmut hat viele Gesichter. Eine Überforderung mit dem Alltag und ein fehlendes soziales Netz können auch Aspekte sein. Foto: dpa
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Wolfgang Schleibach (l.) und Detlef Loosz. Foto: vm
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Wolfgang Schleibach (l.) und Detlef Loosz. Foto: vm

Alsdorf. Karl-Heinz Ahrens stand eines Tages unvermittelt vor dem Schreibtisch eines Sachbearbeiters des Alsdorfer Sozialamts. In der Hand: einen dicken Stapel mit Briefen. 30, 40 Rechnungen. Er wisse nicht so recht, was der damit anfangen solle, sagte er. „Gucken Sie mal“ und reichte den Stapel an den Sachbearbeiter weiter.

Gas- und Stromrechnungen waren darunter, aber auch Verträge über Käufe, die der 60-Jährige wohl im Laufe des zurückliegenden Jahres abgeschlossen hatte, ohne genau zu wissen, was er da eigentlich unterschrieben hatte. Mahnungen und Schreiben von Inkasso-Büros waren inzwischen gefolgt.

„Das, was dem Mann widerfahren war, hätte gar nicht passieren brauchen“, sagt Amtsleiter Wolfgang Schleibach. Denn Ahrens und seine Frau waren schon „im Bezug“. Ihre Rente wird vom Sozialamt aufgestockt. Die für viele Ältere große Hürde, der Schritt zum Amt, war also schon geschafft. Und die Wege zu den Sprechstunden der Caritas oder der Verbraucherzentrale sind in Alsdorf räumlich und organisatorisch kurz. Vom Rathaus bis in die Luisenpassage ist es ein Katzensprung, die Kontakte zwischen der Behörde und den Trägern der diversen Angebote eng. Und so wurde auch Ahrens schnell geholfen.

„Sozialamt? Eher sterbe ich“

Wenn Wolfgang Schleibach über Altersarmut spricht, berichtet er nicht nur von den finanziellen Aspekten. Sondern auch von sozialer Armut, vom Verlust der Selbstständigkeit, Zurückgezogenheit, Überforderung mit dem täglichen Leben. Karl-Heinz Ahrens ist so ein Beispiel.

Die Aufgabe des Sozialamts sei deshalb nicht die einer reinen Zahlstelle, sie bestehe vielmehr in erster Linie darin, den Menschen genau zuzuhören, sagt Schleibach, der seit 41 Jahren in diesem Teil des Rathauses arbeitet.

Die Gründe dafür, warum die eigene Rente nicht reicht, seien die klassischen, sagt Schleibach: „Ein zu geringes Einkommen trotz ununterbrochener Erwerbsbiografie, zu geringe Witwenrente oder zu geringe Vorsorge bei Selbstständigen.“ Frauen und Männer seien gleichermaßen betroffen, die Bergbautradition der Stadt Alsdorf spiele sicherlich auch eine Rolle.

Zum vergangenen Jahresende haben er und seine Mitarbeiter 560 Menschen betreut, deren Rente nicht ausreicht und die darüber hinausgehende Unterstützung benötigen. Damit liegt Alsdorf mit seinen Fallzahlen gemessen an seiner Einwohnerzahl (rund 46.000) im bundesweiten Durchschnitt. Trend: leichter Anstieg auf hohem Niveau. „Vor 20 Jahren kam man mit der normalen Rente noch aus und wenn nicht, hat man sich innerhalb der Familie geholfen. Das hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert“, sagt Schleibach.

Das Verhältnis zwischen dem Amt und älteren Menschen sei vielfach von Scham geprägt, weiß Schleibach. Sätze wie „Zum Sozialamt? Nee. Da gehe ich nicht hin. Eher sterbe ich“, habe er schon zuhauf gehört. Wer Transferleistungen bezieht, ist stigmatisiert, so die Wahrnehmung der älteren Generation. Man will nicht um Hilfe bitten müssen, auf andere angewiesen sein. Damit stehen die älteren Bezieher von staatlicher Unterstützung oft im krassen Gegensatz zu Jüngeren, die eher ein Anspruchsdenken an den Tag legen, so Schleibachs Erfahrung.

Nach dem Erstkontakt seien die meisten Hürden und Ängste aber abgebaut. Das Amt geht eigeninitiativ vor und Hinweisen aus der Nachbarschaft nach, macht Hausbesuche, berät. Zweimal die Woche ist außerdem ein Psychologe im Rathaus und nimmt sich der Fälle an, in denen das Sozialamt an seine Grenzen stößt.

Damit sind dennoch nicht alle Probleme gelöst. Viele Ältere wollen in ihren Vierteln wohnen bleiben, deshalb schafft die Stadt Alsdorf altersgerechten, bezahlbaren Wohnraum „in den Quartieren“, wie es so schön heißt. Manchen, die sich regelmäßig mit dem Thema auseinandersetzen, greift aber auch das noch zu kurz. Dazu gehört Detlef Loosz (SPD). Loosz ist Fraktionsvorsitzender im Stadtrat und seine Partei arbeitet eng mit der Arbeiterwohlfahrt (AWO) zusammen. Die AWO bietet seit Jahrzehnten eine Reihe von Veranstaltungen an, die das Thema „Alter und Armut“ zwar nicht im Titel tragen, deren Zielgruppe aber eindeutig ist. Seniorencafé, Skatturnier, Ausflüge. An Räumen mangele es in Alsdorf nicht, beispielsweise werde das zentral gelegene Café des Altenheims am Denkmalplatz von Älteren etwa zum Frühstücken in Gruppen frequentiert.

Was Heimunterbringung und Pflege anbelangt, seien die übergeordneten Ebenen – entsprechend ihrer Zuständigkeiten – gefragt, sagt Loosz. „Für stationäre Einrichtungen müssen bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden.“ Ebenso für pflegende Angehörige und die Angestellten in Pflegeberufen. Damit verweist Loosz auf das Programm der Landes-SPD.

In dem Papier mit dem Titel „NRW-Plan 2017-2022“ ist ein eigenes Kapitel dem Leben im Alter gewidmet. Darin ist auch der Quartiersgedanke explizit genannt, im Sinne des Erhalts der Lebensqualität, der Würde und Eigenständigkeit.

Auf Alsdorf runtergebrochen, sieht Loosz das so: „Eigentlich bräuchten wir in jedem Quartier einen Ansprechpartner, egal welcher Parteizugehörigkeit oder von welchem Verein. Einer, der die Anliegen der Älteren an die richtigen Stellen leitet.“ Hilfe beim Einkaufen? Das kann direkt in der Nachbarschaft geklärt werden. Fragen zu Vorsorgevollmachten? Diakonie. Chronische Erkrankung und damit verbundene Kosten für Medikamente oder Spezialernährung? Sozialamt.

Die Hilfe müsse keine Einbahnstraße sein. Seit ein paar Jahren beispielsweise gibt es eine Reparaturwerkstatt unter dem Dach der AWO, wo Senioren ihre Hilfe gegen ein geringes Entgelt anbieten. Alt und Jung könnten noch viel mehr voneinander profitieren. Innerhalb des Quartiers, sagt Loosz.

Dann hätte Karl-Heinz Ahrens vielleicht schon viel eher den Mut gefunden, sich jemandem anzuvertrauen, der ihm mit seinen Rechnungen weiterhelfen kann.

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