Wenn das Untergeschoss im Schlamm versinkt

Von: Beatrix Oprée
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„Von hier floss das Wasser in Richtung Wagnerstraße“: Hans-Hermann Sachs zeigt auf die betroffenen Häuser. Der Asphaltwall rund um das Ende der Erschließungsstraße mit dem damals überforderten Kanaleinlauf ist erst später angelegt worden. Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. Das Unwetter dauerte nur rund eine Dreiviertelstunde, doch für Familie Korbanek, die sich gerade im Urlaub befand, hatte es verheerende Konsequenzen. Bis auf 1,50 Meter lief ihr Untergeschoss voll Schlamm, das Fenster im Lichtschacht hatte den Wassermassen nicht mehr standgehalten.

Und auch durch die Terrassentür im Erdgeschoss der insgesamt 140 Quadratmeter großen Mietw ohnung drang das Wasser, ließ Parkettböden aufquellen, hinterließ Schmutzränder an den Wänden. Sämtliche Möbel im Souterrain waren zerstört, „Totalschaden“, urteilte auch die Versicherung.

„Auch alle Böden im Erdgeschoss mussten raus, die Holzmöbel auf dieser Etage konnten zum Glück aufgearbeitet werden “, schildert Gerhard Korbanek . Ebenso ein wertvoller Teppich, bei dem sich die 1500 Euro teure Reinigung noch lohnte. Am 23. Juli ist das alles geschehen.

Zwischen 60.000 und 80.000 Euro werde der Schaden wohl liegen, sagt Korbanek, der mit seiner Frau und seinem 14-jährigen Sohn voraussichtlich noch bis Anfang Januar in einer möblierten Ausweichwohnung in Aachen wohnen muss. 2600 Euro zusätzliche Miete kostet das im Monat „und wird zum Glück ebenfalls von der Versicherung getragen“, sagt Korbanek.

Feuerwehr pumpt ab

Auch das Nachbarhaus an der Wagnerstraße, im Eigentum von Hans-Hermann Sachs, wurde in Mitleidenschaft gezogen, die Wassermassen suchten sich von Haus Nummer 24 – in dem Familie Korbanek wohnt – hinüber ihren Weg. Die Keller wurden fußhoch überschwemmt, der Pumpensumpf war überfordert, „die Feuerwehr musste auch hier abpumpen“, berichtet Sachs unserer Zeitung.

Das Wasser strömte zudem über einen städtischen Grünstreifen zwischen den Häusern 22 und 20 (das ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen wurde, wie Sachs berichtet) direkt auf die Wagnerstraße. Von Anwohnern aufgenommene Videos belegen das eindrucksvoll.

Überschwemmungen dieser Art sind den Bewohnern der Wagnerstraße bisher unbekannt gewesen, bekunden Sachs und Korbanek. Sie sehen die Ursache im angrenzenden, höher gelegenen, leicht abschüssigen Neubaugebiet Kämpchen-/Dornkaulstraße, dessen Erschließungsstraße Ende Mai unter anderem durch den Bürgermeister feierlich eröffnet wurde.

Keine zwei Monate später kam es zu besagtem Unwetter, habe sich das niederprasselnde Regenwasser auf der Erschließungsstraße gesammelt und sei über den neu angelegten, aber überforderten Kanaleinlauf und den angrenzenden Grünstreifen hinweg Richtung Wagnerstraße geschossen. „Durch die Baumaßnahmen war das bisher landwirtschaftlich genutzte Gelände bereits verdichtet, konnte das Regenwasser nicht mehr wie vorher versickern“, sagt Sachs: „Und an Haus Nummer 24 ist der tiefste Punkt.“

Also sei das Wasser hier zuerst eingedrungen. Nachdem die von Nachbarn gerufene Feuerwehr Sandsäcke im Garten ausgelegt hatte, sei das Wasser dann auf die Nachbargrundstücke 22 und 20 geflossen, schildert Sachs. Auf rund 14.000 Euro hat die Versicherung den Schaden in Sachs‘ Mehrfamilienhaus beziffert. Genau 1373,94 Euro muss er als Selbstbehalt tragen. Die hätte er gerne zurückerstattet – von der Grundstücksentwicklung Herzogenrath GmbH (GEG), die die Großbaustelle in Kooperation mit der Sparkassen Immobilien GmbH (S-immo) und dem Büro Heins Architekten projektiert.

„Ober-“ und „Unterlieger“

Auf sein Schreiben an die GEG erhielt er zunächst Post von der GVV-Kommunalversicherung VVaG, die ihm mitteilte, „dass eine Schadensersatzverpflichtung unseres Mitglieds nicht besteht“. Zum einen macht Sachs‘ Gegenpartei geltend, dass das Oberflächenwasser, das auf die „deutlich tiefer liegenden“ Grundstücke an der Wagnerstraße geflossen sei, „in erster Linie, wenn nicht sogar ausschließlich von den oberhalb gelegenen, mit Mais bepflanzten Parzellen herrührte“.

Zum anderen, so die Versicherung, sei „nach der einschlägigen Rechtsprechung“ der Eigentümer eines Grundstücks „grundsätzlich nicht verpflichtet“ zu verhindern, „dass das auf seinem Grundstück anfallende Niederschlagswasser auf ein tiefer liegendes Grundstück abfließt“. Dem „Oberlieger“ sei es lediglich verboten, „durch die Ausgestaltung baulicher Anlagen auf seinem Grundstück oder in sonstiger Weise Oberflächenwasser dem Nachbargrundstück gezielt zuzuführen“.Eine veränderte wirtschaftliche Nutzung eines Grundstücks wie im vorliegenden Fall sei indes nicht als „gezieltes Zuleiten“ zu sehen „und folglich dem Grundstückseigentümer gestattet“.

Darauf beruft sich auch der Geschäftsführer der GEG, Stadtkämmerer Markus Schlösser, in seinem ersten Schreiben an Sachs. Er führt ein Urteil des Bundesgerichtshofs an, dass selbst die Umgestaltung eines landwirtschaftlich genutzten Grundstücks zu einem Parkplatz „haftungsrechtlich nicht zu beanstanden“ sei. Losgelöst davon – „ohne Anerkennung einer Rechtspflicht“ – sei die Stadt bereit, einen Graben zum Abführen des Oberflächenwassers zu erstellen.

Dieses müsse allerdings – um eben im Schadensfall keine Haftungspflicht auszulösen – dem Kanalnetz zugeführt werden. Dazu aber bedürfe es der Genehmigung der Unteren Wasserbehörde. Zudem dürfe von dem Graben keine Gefahr, etwa für spielende Kinder, ausgehen, und unter anderem Pflegearbeiten durch den städtischen Bauhof müssten „in vertretbarem Aufwand“ bleiben.

Im Umwelt- und Planungsausschuss war davon dann keine Rede mehr, in dessen Bürgerfragestunde Sachs und Korbanek angesichts des Rechtsstreits vorstellig wurden. Vielmehr setze die Stadt nun auf eine „Handlungskaskade“, wie der Technische Beigeordnete Ragnar Migenda darlegte, um das Überschwemmungsrisiko zu mindern: aus Bepflanzungsmaßnahmen und einer geänderten Pflugrichtung auf dem angrenzenden Feld, auf dem kein Mais mehr angepflanzt werden soll.

„Ich gehe davon aus, dass es in absehbarer Zeit nicht mehr zu solch einem Ereignis kommt“, sagte Migenda, der, die eigene Betroffenheit angesichts des Schadens betonend, von einem „60-jährigen Ereignis“ sprach. Und: „Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nie.“

Maßnahmen vorziehen

Hans-Hermann Sachs hat jetzt noch einmal Post von der GEG bekommen, in der diese Auffassung untermauert wird: Durch Anlegen eines Grabens, Beckens oder Walls – wie von den Anwohnern gefordert – werde Wasser gesammelt, wodurch bei zu großen Wassermengen – wie oben beschrieben – der Haftungsfall eintreten könne. „Daher werden wir“, so die GEG, „die Grünflächengestaltung, die erst im Rahmen des Endausbaus vorgesehen war, vorziehen, um die Wasserspeicherung unserer Flächen insgesamt deutlich zu verbessern.“

Des weiteren beharrt die GEG darauf, dass die Wassermengen am 23. Juli aus dem Maisfeld zugeflossen seien – „als zukünftige Eigentümer dieser Fläche haben wir den Landwirt gebeten, im kommenden Jahr die Bewirtschaftungsart und auch die Bewirtschaftungsrichtung zu ändern“.

Es folgt der Verweis auf das Schreiben der GVV mit Darstellung der Grundsatzurteile: „Danach ist die wirksamste Schutzmaßnahme der Mauerschluss an dem Grundstück Wagnerstraße 24.“ Was nunmehr den Besitzer besagten Mietshauses als „Unterlieger“ in die Pflicht nimmt...

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