Alsdorf - Weitere Spender für Stolpersteine werden noch gesucht

Weitere Spender für Stolpersteine werden noch gesucht

Von: Verena Müller
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Jeder kennt sie inzwischen: Weitere Stolpersteine will der Arbeitskreis Wider das Vergessen verlegen lassen. Foto: V. Müller
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Stephan Saffer: Alsdorfer im Einsatz gegen das Vergessen.

Alsdorf. Bei Stephan Saffer muss man immer ein bisschen aufpassen, dass man mitkommt. Räumlich und inhaltlich. Bereits auf halber Wegstrecke kann er plötzlich kehrtmachen oder – am Zielort angelangt – noch schnell von was ganz anderem erzählen.

Aber immer geht es ihm darum, dass Alsdorfer mit jüdischen Wurzeln, die verfolgt und ermordet wurden, nicht vergessen werden. Deshalb setzt sich Saffer auch für das Verlegen von Stolpersteinen ein. Nicht alleine, sondern mit dem Arbeitskreis „Wider das Vergessen.“ Am Steuer seines goldenen Mercedes-Kombi älteren Modells mit Nussbaumoptikinnenverkleidung, auf dem Weg von einem Stolperstein zum nächsten, grüßt Saffer durchs offene Seitenfenster Bekannte – „ey, alles klar?“.

Über die nächste Kreuzung drüber, zack, geparkt, raus aus dem Auto. Dann klingelt er mal eben schnell an einer Haustür, vor der einer der Stolpersteine liegt. Noch bevor die Tür aufgeht, kniet er sich blitzschnell hin, poliert mit der Faust drüber, setzt zu einer Erklärung an – da steht ein Junge in der Tür. Saffer: „Eltern nicht zu Hause? Ok. Viele Grüße! Weißt Du, wer ich bin? Alles klar“ und weiter geht‘s.

Saffer ist Alsdorfer. Er ist Lehrer an der Heinrich-Heine-Gesamtschule Aachen, stellvertretender Vorsitzender des Alsdorfer Geschichtsvereins und noch eine ganze Menge mehr, was hier aber wenig zur Sache tut. Kleingärtner zum Beispiel. Oder Mitbegründer der Grünen in Alsdorf. Damals. Mit noch längeren Haaren.

1979 hat er Abitur gemacht, auch während seiner Studienzeit hat Saffer in Alsdorf gewohnt. Damals habe er nicht gewusst, dass in seiner Nachbarschaft ehemalige Wohnhäuser von Menschen mit jüdischen Wurzeln standen, sagt er. Während seiner Schulzeit sei Lokalgeschichte kaum existent gewesen.

„Guck mal“, sagt er und knufft einen in die Seite. „Das ist vielleicht interessant.“ Wendig und schnell geht er in kurzärmeligem Jeanshemd und Jeanshose mit Hosenträgern erst über den Alsdorfer Nordfriedhof, erläutert, wer das Denkmal für die 27 jüdischen Bürger aufgestellt hat (ein Mitglied der Familie Weil nämlich, in den 50ern, um speziell der eigenen Angehörigen zu gedenken) oder erzählt später, wer auf dem kleinen jüdischen Friedhof in Broichweiden liegt (zivile Zwangsarbeiter, die aus der Ukraine deportiert worden waren, um in der Grube Maria unter Tage zu arbeiten).

Wie schwer es anfangs gewesen – und zum Teil immer noch – ist, die NS-Zeit in seiner Heimat aufzuarbeiten, das weiß Saffer nur zu gut. Die Zeitspanne 1933 bis 1945 fehlte in den Chroniken der Stadt fast gänzlich, vieles war aus dem Stadtbild beseitigt oder in Vergessenheit geraten. Das Interesse des EBV, an die Zwangsarbeiter in den Zechen zu erinnern, sei gering gewesen, sagt Saffer, und zum Teil scheuten selbst Nachfahren von Opfern einen offenen Umgang mit der Geschichte.

Aber nach und nach erobert sich die in den letzten Jahrzehnten gewachsene Erinnerungskultur das, was ausgelöscht wurde, zurück. Und damit ist Alsdorf laut Saffer noch lange nicht fertig. Deshalb bittet er im Namen des Arbeitskreises, einem Zusammenschluss von Kirchenvertretern und Alsdorfer Bürgern, um Spenden.

Wie beim letzten Mal sollen ein Dutzend Stolpersteine beim Künstler Gunter Demnig bestellt werden. Ein Stein kostet rund 120 Euro, jeder Spender kann, wenn er möchte, eine Patenschaft übernehmen. Die Menschen, dener gedacht werden soll, ihr Werdegang – soweit bekannt – und die Straße, in der sie wohnten: Julius Elkan (Sobibor), Mathilde Elkan (Sobibor) und Rosa Elkan (Auschwitz) aus der Bahnhofstraße; Szrul Koplowicz (ermordet in Gusen/Mauthausen), Esther Koplowicz (Auschwitz) und Czarny Koplowicz (Auschwitz) aus der Linnicher Straße; Leo Lucas, Susanne Lukas und Else Lucas (emigriert), Schillerstraße; Hedwig Voss (geb. Moses; Izbica), Hilde Voss (emig.), Mordechai Voss (Izbica), Walter Voss (emig.), Jülicher Straße; Benjamin Weil und Sarah Weil (deportiert), Jülicher Straße; Israel Weinblum (Auschwitz), Frieda Weinblum (Auschwitz) und Ester Israel Weinblum (Auschwitz) sowie Max und Anna Riefka Weinblum (geb. Saskowski), Robert-Koch-Straße.

„Und das sind noch längst nicht alle Menschen jüdischer Tradition, die in Alsdorf Opfer der Shoah wurden“, sagt Saffer.

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