Nordkreis - Weißer Ring: „Opfer sind in erster Linie Zeugen“

Weißer Ring: „Opfer sind in erster Linie Zeugen“

Von: Naima Wolfsperger
Letzte Aktualisierung:
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Hinter verschlossenen Türen: In Deutschland erfahren etwa 100.000 Frauen jährlich häusliche Gewalt. Hinzu kommt eine Dunkelziffer, weil solche Übergriffe oft nicht angezeigt werden. Der Weiße Ring hilft Kriminalitätsopfern.

Nordkreis. Menschen, die Gewalt erfahren haben, fühlen sich oft von der Welt im Stich gelassen. Manchmal sogar von den Behörden zusätzlich gequält. So geht es auch Fatima (Name von der Redaktion geändert), die unter zwei Tätern, ihrem Mann und später ihrem Freund, gelitten hat.

25 Prozent aller Frauen in Deutschland sind oder waren Opfer häuslicher Gewalt. Mehr als 100.000 Frauen sind jährlich betroffen. Hinzu kommt eine Dunkelziffer, weil Verbrechen im familiären Bereich selten angezeigt werden.

Die Marokkanerin heiratete mit 16 Jahren und lebte mit ihrem Mann in Würselen. Er ist offenbar Gewalttäter. Nicht nur seine Frau hat er vergewaltigt und geschlagen, er ging auch auf Nachbarn los. Schließlich wurde er zu sieben Jahren Haft verurteilt. Aber Fatima wird ihn nicht los, diesen Mann, der sie nicht nur schwer verletzt hat, sondern sie auch noch bedrohte, nachdem sie ihn schon lange verlassen hatte.

Sie hat Angst

Selbst jetzt, wo er im Gefängnis sitzt, kann sie sich nicht von ihm befreien. Der Ex-Mann geht immer wieder in Revision. Er will früher entlassen werden. Fatima, inzwischen Ende 30, kann den Gedanken kaum ertragen, ihm zufällig auf der Straße zu begegnen. Sie hat Angst. Aber nicht nur das.

Eine weitere Folge seiner Revisionsanträge: Sie wird immer wieder zu den Gerichtsterminen geladen. „Mal soll ich erneut erzählen, wie er mich vergewaltigt hat. Mal, wie er mich schlug.“ Sie hat aber keine Lust mehr darüber zu sprechen. Sie will die Geschichte hinter sich lassen. „Stattdessen regiert er immer noch mein Leben.“

Das sei, leider, ein ganz normaler Prozess, erklärt Hans Jahn vom Weißen Ring. Jahn betreut Fatima, begleitet sie zu Gerichtsterminen und hat ihr geraten, sich eine Opferanwältin zu nehmen. „Für Straftäter gibt es Pflichtverteidiger. Die Opfer müssen sich selbst um rechtlichen Beistand kümmern.“

Das deutsche Rechtssystem ist so angelegt, dass mutmaßliche Täter als unschuldig gelten, bis ihre Schuld bewiesen ist. Dass Menschen nicht willkürlich und auf Verdacht eingesperrt werden können, ist ein Grundpfeiler des demokratischen Rechtssystems. Trotzdem fühlen sich die Opfer dabei oft so, als würden sie zusätzlich noch einmal abgestraft.

Es gibt eine Schieflage

Der Weiße Ring hilft Kriminalitätsopfern. In Deutschland ist er die größte Organisation seiner Art. In der Städteregion Aachen kümmern sich 18 ehrenamtliche Mitarbeiter um knapp 59 Betroffene. Bei einigen von ihnen, besonders in Fällen von Gewalt, gebe es eine Schieflage, erklärt Jahn.

Tätern werden nicht nur Anwälte zur Verfügung gestellt, sondern auch Psychologen; außerdem werden sie darauf hingewiesen, dass sie nicht aussagen müssen, wenn sie sich damit selbst belasten. „Opfer sind in erster Linie Zeugen“, sagt Jahn. „Ihnen wird erklärt, dass sie die reine Wahrheit sagen müssen und sonst bestraft werden.“ Und Hilfe müssen sie sich selbst suchen.

Die Opferberatungsarbeit der Polizei sei dabei schon eine große Hilfe, sagt Jahn. Er betont auch die gute Zusammenarbeit mit der Behörde. Das Opferschutzgesetz aus dem Jahr 1979 sei außerdem ein wichtiger Schritt für Betroffene. Davor habe es gar keine Rechte für Opfer gegeben. Trotzdem könne man noch mehr tun.

„Wir leisten vor allem menschlichen Beistand“, sagt Jahn. Oft kümmern sich die ehrenamtlichen Mitarbeiter aber auch kurzfristig um sichere Unterkünfte und geben finanzielle Hilfestellung.

Fatima wird vor Gericht von ihrem Ex-Mann beschimpft. Sein Anwalt versucht aufzuzeigen, dass sie unzuverlässig ist und unglaubwürdig. „Der tut so, als hätte ich die Gewalt verdient, die mir angetan wurde.“ Das sei ein großes Problem, sagt Jahn: „Der Job des Strafverteidigers ist es, den Beschuldigten freizuboxen. Deshalb versucht er, die Zeugen zu diskreditieren.“

Für die Opfer habe das oft traumatische Folgen. Manchmal ist Fatima einfach nicht hingegangen, zu den Gerichtsterminen. Ließ sie einen ausfallen, dann fragte der Strafverteidiger ihres Ex-Peinigers, warum sie den Termin nicht wahrgenommen habe. „Ich wollte nicht“, hat sie einmal gesagt. Dabei stimmt das nicht so ganz. Sie habe Zuhause gesessen, auf dem Sofa, startbereit. Stunden später saß sie immer noch dort und starrte vor sich hin. „Ich war wie gelähmt.“

Nach der Scheidung versucht Fatima, ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Sie findet einen neuen Lebensgefährten. Er ist Deutscher und ein guter Freund aus Kindertagen. Nach anderthalb Jahren ziehen die beiden zusammen. Die Gewalt, die Fatima in ihrer Vergangenheit widerfahren ist, bleibt aber ihr Geheimnis. Nur ihre Familie ist eingeweiht. Vor allem will sie das Erlebte hinter sich lassen; wie ein möglichst normaler Mensch an ihrer Zukunft arbeiten.

Doch dann wurde sie wieder aus ihrem Alltag gerissen und von der Vergangenheit eingeholt. Denn nach dem Umzug hat Fatima keinen Nachsendeantrag bei der Post gestellt. Als ihr Ex-Mann erneut in Revision geht, bleiben die Briefe zur Vorladung unbeantwortet. Die Termine unbesucht. Schlussendlich steht die Polizei vor der Tür. Die Beamten nehmen sie mit, zur „zwangsweisen Vorführung“. Dem schockierten Freund erklären sie eher beiläufig, dass Fatima vergewaltigt und geschlagen wurde.

Erst sind es ein paar Ohrfeigen

Nach dem Abend, an dem Fatima von der Polizei abgeholt und ihr Leid wieder in ihre Gegenwart getragen wurde, ist nichts wie es war. Immer eifersüchtiger wird ihr Partner. Dann fängt auch er an zuzuschlagen. Erst sind es ein paar Ohrfeigen. Wenige Wochen später schlägt er sie krankenhausreif. „Ich hatte Angst du bringst mich um“, wird sie später zu ihm sagen. „Das wollte ich in dem Moment auch“, wird er antworten.

Fatima hat gelernt, dass man selbst in den eigenen vier Wänden nicht immer sicher ist. Sie versucht trotzdem, wieder nach vorne zu blicken, hat einen neuen Job und eine neue Wohnung. Weil sie aber immer wieder vorgeladen wird, fühlt sie sich von den Behörden und ihrem Ex-Mann weiter gequält. Auch in diesem Jahr muss sie wieder gegen ihn aussagen. „Revisionsverfahren vier, Leidensjahr... gefühlt 1000. Er hat mir nicht nur meine Vergangenheit genommen, er zerstört auch meine Gegenwart.“ Sie verzweifele regelrecht an ihm.

„Der Opferschutz kommt hier zu kurz“, sagt Jahn und wirbt für mehr Sensibilität, mehr Rechte und Hilfe für Betroffene.

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