Weihnachtsspezial: „Nach die Tare“ und nach der Schulzeit

Von: Yannick Longerich
Letzte Aktualisierung:
13692157.jpg
Alarmstufe Rotwein-Rot: Zum Jahreswechsel kommen die schrägsten Bräuche in den Stuben der Region vor. Jürgen B. Hausmann stellt sich mit Witz gegen das „Feiertagsgrauen“. Foto: Yannick Longerich

Alsdorf. Als ehemaliger Schüler von Jürgen Beckers am Heilig-Geist-Gymnasium (HGG) in Broich, sehe ich mir als Mitarbeiter unserer Zeitung Jürgen B. Hausmanns „Weihnachtsspecial“ an. Ich treffe am frühen Abend einen Mann wieder, den ich einerseits als Dompteur einer kleinen skurrilen Schülergruppe kenne, die sich einst freiwillig dazu entschlossen hatte, Altgriechisch zu lernen.

Und andererseits treffe ich einen Prominenten, der im WDR neben Show-Legenden wie Götz Alsmann auftritt und die Hallen der Nation unterhält.

Es geht ans Eingemachte

Jahre nachdem für mich das letzte Mal die Pausenglocke verklungen ist, sitze ich Jürgen Beckers nun zur Abwechslung mal abends gegenüber, zusammen mit weiteren rund 800 tränenlachenden Gästen. Ich möchte herausfinden, was von einem guten Lehrer übrig bleiben kann, der das Genre so rigoros gewechselt hat.

Am Ende des Abends ging es ohne Umschweife ans Eingemachte: Mag der Rheinländer noch so schrullig, spießig und unglaublich skurril sein – der ehemalige Lehrer für Latein und Altgriechisch hat die schärfsten Pointen seines Programms immer noch buchstäblich am eigenen Leib erfahren.

Beim Gedanken an Schüler X schlägt es beim Lehrer 13. Wenn beim Elternsprechtag aber die werten Eltern aufmarschieren, stellt sich instinktiv nur ein Gedanke bei Beckers ein: „Och, im Vergleich zu Ihnen ist es bei Ihrem Filius ja halb so wild.“ Ob er auch ein wenig an mich dachte? Meine Eltern hatten jedoch die Sprechtage immer so gründlich gemieden, wie der Teufel das Weihwasser...

Die guten Vorsätze

In seinem Weihnachtsspecial „Nach die Tare“ versüßt Hausmann zusammen mit seinem „Musikus“ Harald Claßen den anstehenden Festtagskater und gibt das seltsame Neujahrstreiben seiner grenzenlos bizarren Beschaffenheit preis. „Im nächsten Jahr trink ich keinen Alkohol mehr, Prosit Neujahr!“ Überhaupt ist die Zeit „zwischen den Jahren“ von ganz merkwürdiger Natur: „Mir isses heut am Mittwoch wjie Donnerstaach, jestern waret mir wie heut“, lautet nur eine der Hausmann‘schen Weisheiten.

Sind „die Tare“ endlich geschafft und der Kater am Neujahrstag verflogen, erwartet den Alsdorfer das Einlösen der ersten „juten Vorsätze“: Die werte Frau geht zum Friseur mit dem Ergebnis „Ach, dann machen Sie es halt wie immer“ und der gebeutelte Mann bricht auf zum Endkampf am Autowasch-Center. Einmal einen Platz ergattert, wird die Brause einer Jagdtrophäe gleich geschultert und dient – ganz praktisch – auch zur Abwehr anderer Kfz-Besitzer, die ihm den Rang streitig machen wollen.

Gemeinsamkeiten zu seinem früheren Beruf sieht Beckers nach wie vor: „Entertainment war für mich immer wichtig. Natürlich kann ich dieses Bedürfnis nun grenzenloser ausleben, aber schon als Lehrer war es mein Ziel, den Stoff niemals langweilig zu vermitteln.“

Das eigene komödiantische Potenzial zu bremsen, wäre angesichts des Schulalltags nie einfach gewesen. Als Komiker blieben aber nur etwa 40 Prozent von der Art und Weise erhalten, wie er einst den Umgang mit seinem Schülerpublikum pflegte. „Als Lehrer hast du in gewisser Weise die Vorgabe, Recht zu haben. Das ist beim Kabarett ähnlich.“

Beckers selbst hat, ebenso wie ich, die altgriechischen Grundlagen bei Arno Offermanns gelernt, ebenfalls Lehrer am HGG. Die engen Freunde trennen 14 Jahre und laut Beckers noch mal eine Welt an Wissen über die Altsprachen. „Arno hat mir die Begeisterung für alte Sprachen vermittelt. Sein Enthusiasmus gerade für das Altgriechische ist unerreicht.“

Dazu zählt auch die anfängliche Skepsis von Offermanns gegenüber der kabarettistischen Karriere von Beckers. Geradlinigkeit und ein „sicherer“ Ausbildungsweg sei eine Tugend gewesen, die ihm neben seinen Eltern vor allem sein Mentor aus Schulzeiten klargemacht habe. Dennoch wusste Jürgen Beckers früh, dass ein Lehrposten nicht das Ende der Fahnenstange sei – und auch Offermanns gehört seit geraumer Zeit zu seinen größten Fans.

Humor als Katalysator

Eine klare Meinung vertritt Beckers in Bezug auf die aktuelle Bildungssituation speziell in Nordrhein-Westfalen. Das Turboabitur in all seinen Auswüchsen beispielsweise bestärke junge Menschen darin, Entscheidungen über einen gradlinigen Karriereverlauf unnötig lange hinaus zu zögern. Schülern würde nahegelegt, ohne Spezialisierung und dem notwendigen Enthusiasmus trotzdem jedes noch so hoch gesteckte Ziel erreichen zu können.

Umgekehrt sei das heutige System im Vergleich zu seiner Schulzeit weitaus fördernder im Umgang mit künstlerischen Talenten und trage mehr zu dessen Entfaltung bei.

Schon nach wenigen Gesprächsminuten unter vier Augen in den Katakomben der Stadthalle hat sich das Gefühl aus vergangenen Schultagen bei mir wieder eingestellt. Mir gegenüber sitzt ein Mann, der trotz beruflicher Wandlung es nach wie vor schafft, seinem Zuhörer elementare Dinge zu vermitteln – inklusive einer schmerzhaften Zwerchfell-Zerrung. Aus dieser Sicht betrachtet, hat sich Beckers also praktisch gar nicht verändert: Humor diene den meisten Menschen seit je her als Katalysator, komplizierte Dinge besser auf- und anzunehmen.

Arno Offermanns hat sich erst am Folgeabend angekündigt, um seinen alten Freund beim Jahresabschluss zuzusehen. Ungemein schade, hätte man zwei grundverschieden-ähnliche Vorbilder zusammen wieder getroffen. Andererseits – mit Blick auf meine verheerenden Ergebnisse in den gefürchteten, spontanen Vokabel-Abfragen – bin ich vermutlich noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert