Herzogenrath - Warten auf Sozialhilfe: Seit einem Jahr keinen Cent in der Tasche

Warten auf Sozialhilfe: Seit einem Jahr keinen Cent in der Tasche

Von: Katrin Fuhrmann
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Wollen endlich ihr Taschengeld bekommen: Die Eheleute Edeltraud und Wolfgang Neikes sind Ende Dezember 2016 in das Seniorenwohnheim Am Bockreiter in Herzogenrath gezogen. Seitdem warten sie auf die Auszahlung ihres monatlichen Barbetrags, der ihnen zusteht. Foto: Katrin Fuhrmann
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Setzt sich für die Eheleute Neikes ein: Thomas Vieg, Leiter der Einrichtung Am Bockreiter.

Herzogenrath. Seit einem Jahr leben die Eheleute Edeltraud (69) und Wolfgang Neikes (72) im Seniorenwohnheim Am Bockreiter. Seit einem Jahr bekommen sie ihren sogenannten Barbetrag nicht. Das Seniorenwohnheim erhält zudem keine Erstattung der Kosten. Der Grund: Der Kreis Viersen hat Anträge, die für die Auszahlung vonnöten wären, immer noch nicht bewilligt (Stand 3. Januar 2018).

Aber der Reihe nach: Das Ehepaar Neikes hat bis Dezember 2016 im Kreis Viersen gelebt. Deswegen ist die dortige Behörde für die beiden zuständig. Aufgrund einer schweren Erkrankung von Wolfgang Neikes musste das Ehepaar im Dezember 2016 beziehungsweise im Januar 2017 in ein Seniorenwohnheim ziehen. Edeltraud Neikes hatte es zuletzt nicht mehr geschafft, ihren kranken Mann zu Hause zu pflegen.

Die Tochter der Neikes wohnt in Herzogenrath, nur wenige Straßen vom Seniorenwohnheim Am Bockreiter entfernt. Deswegen entschieden sich die Eheleute, dieses Heim zu beziehen.

Weil die Eheleute über kein großes Vermögen verfügen (kleine Rente, kaum Rücklagen), sind sie auf Sozialhilfe angewiesen. Laut Gesetz muss die Zahlung der Heimkosten beantragt und durch die zuständige Behörde bewilligt werden.

Mittlerweile ist allerdings ein Jahr vergangen. Die offenstehenden Kosten belaufen sich auf etwa 30 000 Euro. Seit einem Jahr stellt das Heim die pflegerische Versorgung sicher. Von Seiten des Kreises Viersen ist aber bislang keine Bewilligung beziehungsweise ein Geldbetrag bei dem Heim eingegangen.

Thomas Vieg (57), Einrichtungsleiter des Seniorenwohnheims Am Bockreiter und Haus Rode, kann das nicht nachvollziehen. „Ich habe ein solches Verhalten im Miteinander mit Behörden in all den Jahren bislang noch nicht so zu spüren bekommen“, sagt Vieg. Er leitet das Seniorenheim seit 21 Jahren.

Kein Vermögen

Vieg streitet nicht ab, dass ein Teil des vergangenen Jahres wegen der schleppenden Mithilfe oder besser gesagt, der Unerfahrenheit der Antragsteller, vielleicht auch wegen einer gewissen Einschränkung bestimmter Fähigkeiten, verstrichen ist. „Genauso deutlich muss ich aber feststellen, dass hinsichtlich der Behandlung dieses Antrags die zuständigen Sachbearbeiter wegen ihrer überzogenen Korrektheit immer wieder Gründe und Inhalte nannten, um die Bewilligung hinauszuzögern“, sagt Vieg. Das zumindest ist sein Eindruck. Am Ende habe die Familie Neikes trotzdem kein Vermögen und die Anträge auf Pflegewohngeld und Sozialhilfe seien berechtigt.

Der Kreis Viersen streitet die Vorwürfe, sich dieses Falles nicht angenommen zu haben, ab. Mit dem nächsten Zahllauf Ende Januar wird die Auszahlung erfolgen, heißt es von Seiten des Kreises. Man bedauere, dass für das Ehepaar Neikes Unannehmlichkeiten entstanden sind.

„Wir sind überrascht zu hören, dass das Ehepaar Neikes in den vergangenen Monaten ohne Bargeld gelebt haben soll. Der Gesetzgeber hat dies nämlich ausgeschlossen. In einem Fall wie dem des Ehepaar Neikes mit laufendem Prüfverfahren ist die Einrichtung verpflichtet, das Taschengeld aus der Rente der Betroffenen auszuzahlen. Die Rente ist in der Höhe des Taschengeldes von einer Verwertung ausgenommen. Entsprechend steigen dann die Ansprüche des Trägers an die staatlichen Stellen“, teilt der Kreis Viersen auf Nachfrage mit.

Normalerweise, so Vieg, dauern die Verfahren nicht länger als drei bis höchstens sechs Monate. In all den Jahren seiner Tätigkeit habe er noch nie ein Jahr auf sein Geld warten müssen. Dass Vieg die bislang entstandenen Kosten in Höhe von etwa 30.000 Euro noch nicht erhalten hat, ist für ihn zwar unverständlich, aber hat für ihn (noch) keine Konsequenzen.

Viel schlimmer findet er, dass die Neikes ihren Barbetrag nicht bekommen. Der Betrag steht Bewohnern zu, die in einem Heim leben und Sozialhilfe zur Deckung der Heimkosten erhalten. Der Betrag, der auch als Taschengeld bezeichnet wird, steht den Bewohnern zur freien Verfügung. Für erwachsene Heimbewohner beträgt der Betrag mindestens 27 Prozent des Sozialhilfesatzes. Seit Januar 2017 liegt der Mindestbarbetrag bei 110,43 Euro, in diesem Jahr steigt er etwas an. Die Neikes haben also noch mehr als 2400 Euro zu bekommen.

Neikes‘ Tochter hat drei Kinder und nicht die finanziellen Möglichkeiten, ihre Eltern zu unterstützen.

Seit Monaten melden sich Vieg und seine Mitarbeiter immer wieder beim Kreis Viersen und der zuständigen Behörde, etliche E-Mails wurden hin und her verschickt. Bislang ohne Ergebnis. Zuletzt hatte Vieg Ende Dezember dem Leiter des Amtes für Personal und Organisation eine E-Mail geschrieben, in der er seinem Ärger ordentlich Luft machte und beklagte, wie unzuverlässig die Sachbearbeiter in den vergangenen Monaten agiert hätten.

In der Antwort-E-Mail, die unserer Redaktion vorliegt, heißt es von Seiten des Amtsleiters „ein Fehlverhalten meiner Mitarbeiterin ist (...) nicht erkennbar. Zusammengefasst vermag ich Ihrer Beschwerde daher nicht abzuhelfen“. Zudem in der E-Mail vom Amtsleiter, dass der Antrag bereits geprüft werde. „Ich bin, und das ist in meiner 21-jährigen Tätigkeit als Einrichtungsleiter wirklich einmalig, am 7. September mit Frau Neikes extra nach Viersen gefahren, um angeblich fehlende Unterlagen vorzulegen und eine Beschleunigung des Verfahrens zu erreichen“, sagt Vieg.

Bis heute hat er „keine Regung der Mitarbeiter des Kreises Viersen erleben dürfen“. Und ergänzt: „In all den E-Mails, die ich von Seiten des Kreises Viersen bekommen habe, vermisse ich jede Form der christlichen Nächstenliebe.“ Und Vieg geht sogar noch einen Schritt weiter. „Vor allem ist es den Eheleuten Neikes gegenüber würdelos, die um ihr Taschengeld betteln müssen, obwohl es ihnen zusteht.“

Edeltraud Neikes kann nicht mehr. Sie hat keine Kraft, sich ständig Sorgen um ihr Geld zu machen. Neikes braucht keinen Luxus, wie sie sagt. Sie möchte sich nur endlich noch einmal die Haare schneiden lassen und einen Backfisch auf dem Herzogenrather Markt essen.

Zumindest erfahren die Neikes in der Einrichtung ein wenig Nächstenliebe. Vor kurzem hatten einige Bewohner einen Teil ihres Taschengeldes zusammengelegt, um Edeltraud Neikes einen Frisörbesuch zu schenken.

„Viele Heimbewohner haben selbst kaum Geld. Es ist zwar schön, dass hier Nächstenliebe alle groß schreiben, aber der Kreis Viersen soll endlich zahlen“, sagt Vieg.

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