Vortrag im Alten Rathaus: Als Schmuggler Hochkonjunktur hatten

Von: ehg
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Großes Interesse: Zu einem Vortrag über das Schmuggeln in der Region begrüßte Heimatvereinsvorsitzender Heinz Blankenheim Nina Polzer im Alten Rathaus. Foto: W. Sevenich

Würselen. Zu einem Vortrag über das Schmuggelwesen in den ersten Jahren nach Ende des Zweiten Weltkrieges hatte der Heimatverein Würselen in das Kulturzentrum „Altes Rathaus“ eingeladen. Vielfältige Einblicke in dieses unrühmliche Kapitel der Nachkriegsgeschichte gewährte die Lehramtsanwärterin an der Gesamtschule Eschweiler, Nina Polzer, die an der RWTH Aachen die Fächer Deutsch und Geschichte studiert hat.

Ihrer Lichtbilddokumentation legte sie ihre Staatsarbeit zugrunde. In ihr kamen auch einige Zeitzeugen zu Wort, die inzwischen verstorben sind. Mit der Referentin freute sich der Vorsitzende des Vereins, Heinz Blankenheim, über die Resonanz, die die Veranstaltung auch über den Kreis der Mitglieder hinaus fand.

Vorab definierte Nina Polzer, die gerade mal acht Jahre alt war, als die innerdeutsche Grenze aufging und die Grenzen nur auf Urlaubsreisen mit den Eltern wahrgenommen hatte, wie Schmuggel juristisch definiert ist. Wer gewerbsmäßig Ausfuhr- beziehungsweise Einfuhrabgaben hinterziehe, der betreibe Schmuggel und mache sich strafbar. Gegenüber stellte die Referentin in ihrem lebendigen Vortrag Schmuggel, wie er heute bis hin zum Menschenschmuggel betrieben wird, und wie er sich in den Nachkriegsjahren darstellte. Der Kaffeeschmuggel sei vor allem im Gang gekommen, weil das Kilo Rohkaffee mit 1,60 DM Zoll und zehn DM Steuer belegt worden sei.

Die angehende Lehrerin erzählte auch von ihrer Begegnung mit dem „Oecher Ömchen“. Veranschaulicht wurde, dass auch aus der Not heraus geboren „privat“ zu besonderen feierlichen Anlässen geschmuggelt worden sei. Zur traurigen Berühmtheit sei „das Loch im Westen“ gelangt, als Schmuggel „bandenmäßig“ betrieben worden sei. 1949 wurden 3000 Tonnen, wovon 500 Tonnen von Kindern geschmuggelt waren, illegal von den Niederlanden und von Belgien aus nach Deutschland „importiert“. Bekanntschaft machten die interessierten Besucher der Veranstaltung auch mit der „Rabatz-Bande“. Mit diesem Spitznamen waren die schmuggelnden Kinder belegt worden. Sie gehörten einer 300-köpfigen Bande an. Der „Spiegel“ sprach vom „Lumpenproletariat aus dem Aachener Hinterland“.

Nina Polzer ging auch der Frage nach schmuggelnden Pilgern beziehungsweise nach pilgernden Schmugglern auf dem Weg nach Moresnet nach. Welche Formen das bandenmäßige Schmuggeln an der „sündigen Grenze“ erlangte, dokumentierte sie durch ein Foto von einem zum Kaffeepanzer umgerüsteten Militärfahrzeug. Wie Räuber und Gendarm hätten sich Schmuggler und Zöllner gegenüber gestanden. Wobei es auf beiden Seiten nicht nur Verletzte, sondern auch Tote – sogar Kinder – gegeben habe. 1951 habe die Regierung darauf hin den Gebrauch von Schießwaffen verboten. Alle, die „geschnappt“ worden seien, seien hart bestraft worden. Bei den meisten Besuchern lebte vielfältig vor dem geistigen Auge auf, was ihnen von ihren Eltern beziehungsweise Großeltern über den Schmuggel im Dreiländereck seinerzeit berichtet worden ist.

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