Vortrag des Geschichtsvereins: Woher kommen denn die Baesweiler?

Von: Margret Nußbaum
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Wolfgang Backhaus, Jana Blaney und Günter Pesler (v.l.) freuen sich, ihrem geschichtsinteressierten Publikum Interessantes über die Entwicklung Baesweilers präsentieren zu können. Foto: Margret Nußbaum
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Auch das ist ein Teil der Stadtgeschichte: Im Dezember 1975 verließ die letzte Lok die Zeche Carl Alexander. Foto: Wolfgang Sevenich

Baesweiler. Günter Pesler und Wolfgang Backhaus vom Geschichtsverein Baesweiler sowie VHS-Leiterin Jana Blaney durften sich über einen voll besetzten Saal freuen. Pesler beleuchtete die Entwicklung des früheren Dorfes zu einer Bergbau-Gemeinde und bot einen höchst interessanten Einblick in die Geschichte des früheren Bergwerks Carl Alexander Anfang des 20. Jahrhunderts.

Landwirtschaftlich geprägt

„Baesweiler war landwirtschaftlich geprägt. Hätte sich die Zeche hier nicht angesiedelt, wären wir heute ein maximal 3000 Einwohner zählendes Dorf“, sagte Pesler. Die Steinkohle-Ära nahm ihren Lauf. Nachdem die Röchling’sche Eisen- und Stahlwerke GmbH in Völklingen an der Saar Land von der Gemeinde Baesweiler gekauft hatte, begann man mit den ersten Tiefbohrungen für die Schachtanlagen der Gewerkschaft Carl Alexander. Namensgeber waren der damalige Röchling-Seniorchef Carl Röchling und der Leiter der mitbeteiligten französischen Gruppe Alexander Dreux. Wegen der langen Dauer des Ersten Weltkriegs verzögerte sich die Weiterentwicklung der Schachtanlage. Die erste Kohle wurde im Jahr 1921 gefördert. „Die meisten Bergleute kamen aus anderen Regionen Deutschlands“, erklärte Pesler. Es musste Wohnraum geschaffen werden.

Erste Bergmannssiedlungen, so genannte Kolonien, entstanden. Jedes Haus hatte einen eigenen großen Garten, in dem für den Eigenbedarf Obst und Gemüse gepflanzt und Nutztiere gehalten wurden. Die Bergwerksunternehmer setzten auf die Disziplin ihrer Belegschaft. „Wer ein Haus und einen Garten in Ordnung hielt und bewirtschaftete, übte sich in gerade dieser Tugend. Man hoffte, dass diese sich auf die Einstellung zur Arbeit in der Grube positiv auswirkte.“ Doch die Idylle täuschte. Die Grubenbesitzer hielten das Lohnniveau sehr gering. Einer Familie mit zwei Kindern blieb gerade mal 100 Mark netto monatlich.

Chronisch unterernährt

Kleidung war fast nicht erschwinglich. Es wurde geflickt und ausgebessert, bis Hose oder Kleid nur noch in Fetzen hingen. Doch der Mangel hatte noch andere Gesichter. „Bei einer großen Musterungsaktion im Jahr 1935 erwiesen sich 51 Prozent der Bergleute als nicht tauglich. Sie waren chronisch unterernährt“, erzählte Pesler.

Auch im Straßenbau tat sich lange Zeit fast nichts. Bis auf vier Straßen mitten in Dorf waren alle anderen nichts als bessere Feldwege. Straßen wie die Jülicher oder die Kapellenstraße hatten bei Regen oft eine bis zu 30 Zentimeter hohe Schlammdecke. Der Stadt fehlte das Geld für eine Kanalisation.

Auch Arbeitslosigkeit machte den Bergleuten zu schaffen. Mit der Einführung des Presslufthammers in den 1920er Jahren wurden viele Hauer entlassen. „Die Arbeitslosen wurden zu Straßenbauarbeiten herangezogen und mussten laut Anordnung der Bürgermeisterei einen Spaten mitbringen“, hatte Pesler herausgefunden. „Die Gemeinde hatte kein Geld für Werkzeuge.“

Wolfgang Backhaus referierte anschließend über die Geschichte der Zuwanderer und Migranten. „Wer in Baesweiler nicht Jorgas, Derichs oder Braun heißt, dessen Familie hat wahrscheinlich einen Migrationshintergrund“, sagte er und zählte Straßen auf, die Auskunft über die Herkunft vieler Bürger geben: Saarstraße, Breslauer Weg, Königsberger Straße oder Neue Heimat.

Backhaus hatte sich alte Heiratsregister vorgenommen und manch interessante Familiengeschichte entdeckt, etwa die des früheren stadtbekannten Sozialdemokraten Bodo Mühlen. Sein Vater Felix hatte im Saarland keine Möglichkeiten, als Metzger zu arbeiten. Also heuerte er als Bergmann bei Carl Alex an. „Ein äußerst gefragter Kollege“, erzählte Backhaus. „Er ging nach Feierabend zu Freunden und Kollegen und schlachtete dort das Nutzvieh.“ Sein Sohn Bodo – Jahrgang 1926 – wurde Kriminalbeamter und mischte in der Gemeinde und der späteren Stadt politisch mit.

Die Bergleute aus dem Saarland, aus anderen Gebieten Deutschlands und später die Gastarbeiter waren bei alteingesessenen Baesweilern jedoch nicht immer gut gelitten. Damals reichte es schon, wenn jemand evangelisch oder später muslimisch war. „In der Regel dauert es ein bis zwei Generationen, bis Einheimische und Fremde zusammengewachsen sind“, stellte Backhaus fest.

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