Von Splatter-Prolls und Museums-Snobs

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Marco Siedelmann in einem Herzogenrather Café. Foto: V. Müller
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Wer kennt ihn nicht? Chuck Norris in einem seiner Action-Filme. Mit diesem und deutlich weniger bekanntem Trash befasst sich unter kulturhistorischen und ästhetischen Gesichtspunkten Marco Siedelmann. Foto: Imago

Herzogenrath. Ninja, Martial-Arts, Splatter oder Breakdance – das sind Genres, mit denen sich Marco Siedelmann beschäftigt. In seiner Freizeit und beruflich, wenn man so will, denn eine Unterscheidung gibt es da eigentlich nicht.

Siedelmann ist 30, stammt aus Merkstein und hat nach dem Fachabi nicht sehr viel gemacht – außer trashige Filme zu schauen, über sie zu lesen und sich für die Leute zu interessieren, die über diese Filme schreiben. Und das ist eine Menge. Nebenbei hat er gejobbt.

Inzwischen hat Marco Siedelmann einen eigenen Verlag gegründet: Éditions Moustache, im Logo ein gezwirbelter Schnäuzer mit einem großen M darüber. Verena Müller sprach mit ihm über seine ersten Veröffentlichungen.

Herr Siedelmann, erzählen Sie bitte kurz, wie es zur Verlagsgründung kam.

Siedelmann: Gemeinsam mit einer Freundin wollte ich ein Buch über das „golden age“ der Schwulenpornografie der 70er Jahre veröffentlichen, und ich habe mich mit ihr nach Verlegern umgeschaut. Ein Verlag in Berlin fand das auch interessant, wir waren aber schockiert, als wir erfahren haben, was man dafür bekommt.

Zehn Prozent?

Siedelmann: ... des Nettos vom Einkaufspreis des Buchhandels.

Und dann haben Sie sich gesagt, Sie machen es lieber selbst.

Siedelmann: Ja. Ich habe mich schlau gemacht, was alles dazugehört und vor einem Jahr den Verlag gegründet. Dabei war schnell klar, dass es nur Sinn macht, wenn nicht nur die Qualität, sondern auch die Quantität eine Rolle spielt. Deshalb habe ich mich für Reihen entschieden. Die erste ist das schwul-lesbische Kino. Ich muss an der Stelle ausdrücklich betonen, dass das nicht mein Schwerpunkt ist, denn man wird leicht in eine solche Schublade gesteckt. Ich bin auch nicht schwul, aber das nur am Rande. Neben dieser Reihe veröffentliche ich eine Chronik der kommerziellen Independent-Filme der 80er und 90er Jahre.

Klingt nach Cannes, ist es aber vermutlich nicht.

Siedelmann: Stimmt, gemeint ist das Gegenteil. Also all das, was nicht in Cannes Preise abräumt. Also zum Beispiel Power Rangers, Horror, japanische Actionfilme und so weiter. Viele tun das als minderwertiges Kino ab, dabei gibt es große Schnittmengen mit der Avantgarde oder den großen Filmen. Viele berühmte Cutter oder Effektspezialisten haben einmal in diesen Genres angefangen oder arbeiten in beiden Bereichen.

Wo gibt es Schnittmengen?

Siedelmann: Zum Beispiel in der Zusammenarbeit zwischen Matthew Barney und Gabriel Bartalos. Barney ist einer der angesagtesten zeitgenössischen Künstler, für eine seiner Ausstellungen wurde mal das ganze New Yorker Guggenheim geräumt. Die meisten Leute, die Splatter-Filme von Gabe Bartalos kennen, würden sich aber nie für Matthew Barney interessieren. Und andersrum würden die, sagen wir mal, Museums-Snobs nie Filme der Splatter-Prolls anschauen.

Und was ist ein prominentes Beispiel für eine Karriere vom Trash zum anerkannten Film?

Siedelmann: Maskenbildner Rick Baker (King Kong, Star Wars, American Werewolf) oder – um ein weniger populäres Crew-Mitglied zu nennen – Sound-Mixer Rolf Pardula, der beim Pornofilm angefangen hat und später langjähriger Wegbegleiter von Spike Lee wurde, dem wichtigsten Filmemacher des New Black Cinema.

Unter dem Strich kann mal also sagen: Alles etwas Abseitige ist in Ihrem Fokus?

Siedelmann: Ich finde Kino von Minderheiten interessant, wenn in ihm die Minderheit eine Stimme findet.

Maskenbildner, Cutter – die Schauspieler sind Nebensache?

Siedelmann: Schauspieler sind zum Teil nur ein paar Wochen am Set, ein Cutter aber verbringt Monate in seinem Schneideraum mit einem Film, hat unter Umständen jede einzelne Szene hundertmal gesehen. Der Schnitt ist genuin cineastische Sprache. Anders formuliert: Es geht darum, wie man einem Film mit Hilfe des Editings eine Sprache verleiht.

Sie führen viele Interviews. Wie begegnen Sie Ihren Interviewpartnern? Mit Ehrfurcht? Respekt? Ironie?

Siedelmann: Ganz normal. Ehrfurcht wäre total fehl am Platz. Wenn ich die Arbeit bewundere, bewundere ich noch längst nicht den Menschen. Andersherum schmälert ein Skandal nicht das Werk. Die Musik wird ja nicht plötzlich dadurch schlechter, dass sich jemand einen Fehltritt geleistet hat.

Worum geht es im Kern in den Interviews?

Siedelmann: In erster Linie kulturhistorische Aspekte, und ich lote aus, inwiefern die Anforderungen des Marktes die Kunst planiert. Zum Beispiel will der Käufer in Japan mehr Explosionen als der in Europa.

Es geht also mehr um Handwerk, Gesetzmäßigkeiten und Rahmenbedingungen, weniger um Handlungen oder Inhalte.

Siedelmann: Ja. Es geht um Ästhetik, Zeitgeist. Der – oder die Handschrift der Beteiligten – spiegelt sich in den vermeintlich zweitklassigen Filmen ja genauso wie in den großen Filmen wider.

Wie haben Sie Ihre Gesprächspartner für ein Interview gewonnen?

Siedelmann: Ich rufe einfach an. Sam Firstenberg, bekannt durch die Inszenierung von B-Filmen wie „Night Hunter“ oder „Die Rückkehr der Ninja“, habe ich in Düsseldorf persönlich getroffen, weil seine Frau dort gerade zu tun hatte. Die meisten spreche ich aber am Telefon oder per Skype.

Ok, aber ich glaube kaum, dass die nur darauf gewartet haben, dass Marco Siedelmann aus Merkstein bei ihnen anruft.

Siedelmann: Klar. Aber es gibt kaum Bereiche ohne Überschneidungen. Jeder kennt jeden. Wenn man erst einmal eine Liste mit Leuten interviewt hat, ergibt sich der Rest wie von alleine. Wenn ich zum Beispiel mit Al Pacino sprechen wollte, nur mal angenommen, dann würde ich versuchen, über seinen Cutter an ihn heranzukommen. Ihm von seinem beeindruckenden Werk, das ich natürlich von vorne bis hinten kenne, vorschwärmen.

Nicht schlecht. Und was wollen Sie wissen? Also nicht von Al Pacino, die Schauspieler interessieren Sie ja nicht, sagten Sie. Sondern von den Cuttern oder Maskenbildnern?

Siedelmann: Ich versuche herauszufinden, wie sehr sie sich mit ihrer Arbeit identifizieren. Ist es nur ein Job für sie oder mehr?

Psychologisieren Sie?

Siedelmann: Kommt drauf an. Wenn mir jemand erzählt, wie ein Projekt nach einem Jahr harter Arbeit gescheitert ist, frage ich natürlich nach. Manche sagen dann: So ist nun mal das Business. Anderen merkt man an, dass sie das nach 30 Jahren immer noch grämt.

Auf welches Interview sind Sie besonders stolz?

Siedelmann: Auf das mit Barbara Carrera, dem Bond-Girl aus „Sag niemals nie“.

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