Von der Platte zur Palette: 40 Jahre „Scheibenproduktion“ in Alsdorf

Von: Karl Stüber
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Vinylscheiben-„Schmiede“: So leger wie beim Pressen der guten alten Tonträger geht es schon lange nicht mehr in den modernen Cinram-Fertigungsautomaten zu. CD, DVD und Blu-ray wollen „hochrein“ produziert werden. Foto: Verena Müller (1), Cinram (2)
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Produktion von „Silberlingen“: CD, DVD und Blu-ray bleiben für Cinram in Alsdorf wichtig, aber der Standort profiliert sich immer mehr als Dienstleister auch für branchenfremde Kunden. Foto: Verena Müller (1), Cinram (2)
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Lenkt die europäischen Cinram-Niederlassungen von Alsdorf aus: Geschäftsführer Dieter Lubberich. Foto: Verena Müller (1), Cinram (2)

Alsdorf. Was haben „Der weiße Hai“ von Steven Spielberg und Alsdorf gemeinsam? Das Jahr 1975. Als sich der fiese Fisch durch die Kinosäle fraß, wurde die Record Service GmbH in der (Noch-)Bergbaustadt gegründet. Da war die Welt noch analog und Filme sah man wirklich gut nur im Kino.

An der Spitze der deutschen Single-Charts stand der Superhit „Paloma blanca“ der Georg Baker Selection. Das ist 40 Jahre her. Für die älteren Alsdorfer wie gestern, für die jüngeren eine – nur schwer zu verstehende Ewigkeit – weit zurückliegend.

Gründungsgeschäftsführer Friedrich Carl Coch und seine Truppe begannen mit der Distribution von Tonträgern für Warner, Electra und Atlantic im Jahr 1976 lief die Schallplattenfertigung an. Solche Vinylplatten erleben derzeit eine kleine Renaissance. Die Nachfrage ist aber nicht groß genug, um noch einmal am Standort Alsdorf Vinylscheiben zu produzieren, sagt der aktuelle Geschäftsführer der „Plattenschmiede“, Dieter Lubberich. Die letzte Vinylplatte wurde am 4. September 1998 in Alsdorf gepresst. Es bleibt dabei: aus und vorbei mit dieser Produktionslinie.

Längst eingestellt ist auch die Produktion der guten alten Musik-Casette, die vor allem Autofahrer in den Wahnsinn zu treiben drohte, wenn sich mal wieder das Band in der Mechanik des Abspielgerätes verhakt hatte. Der Name Record Service ist auch schon Geschichte. 2003 erfolgte er Übergang in den Cinram-Konzern.

Dafür hält sich der Standort mit seinen bis zu 1200 Angestellten – dieser Stand wird regelmäßig in der zweiten Jahreshälfte mit Blick auf Weihnachtsgeschäft erreicht – trotz aller Unkenrufe bei der Produktion von CD, DVD und Blu-ray recht wacker. Unlängst wurden 5,1 Millionen Filmträger des Kinoerfolgs „Minions“ in der Alsdorfer Fabrikationsstätte für das Europageschäft hergestellt und auf die Reise geschickt.

Lubberich hat „Silberhochzeit“ am Standort Alsdorf gefeiert. Er gehört dem Unternehmen seit 25 Jahren an. Vor kurzem ist er im Cinram-Konzern die Treppe ein Stück raufgefallen. Er trägt jetzt nicht nur für den Alsdorfer Standort, sondern für alle europäischen Niederlassungen des Konzerns die Verantwortung. „Wir werden also in Europa die Geschäfte weiter führen, mit Alsdorf als Schwerpunkt und einzigem Standort für die Produktion von Scheiben“, sagt Lubberich.

Das hat positive Auswirkungen, zumal der Hauptkunde Universal Pictures im Jahre 2015 mehrere Blockbuster landete, deren „Zweitverwertung“ als DVD und Blu-ray gute Auslastung für Cinram Alsdorf brachte. Der Geschäftsführer spricht von einem „überdurchschnittlich guten Jahr“. Da zudem Produktionsvolumen vom Standort Ipswich übernommen wurde, „konnten wir auf Restrukturierungsmaßnahmen verzichten“. Auch in 2016 sei so etwas nicht geplant. Zuletzt war sogar die Rede davon, die Zahl der Beschäftigten um bis zu 50 aufzustocken.

Aber der Stellenerhalt will immer neu erarbeitet werden, so Lubberich. So wurde Personal je nach Auftragslage sowohl in „Scheiben“-Produktion und Dienstleistungssektor eingesetzt. „Wir haben das Unternehmen als Ganzes gesehen“, formuliert der Chef. Der Bereich Dienstleistung (Distribution), also das Lagern und Zusammenstellen von Bestellungen, wird immer wichtiger, so für den skandinavischen Markt. Hierzu wurde auf dem Gelände ein spezielles „Scandinavian Warehouse“ eingerichtet.

Ein großer Erfolg ist, die Unternehmensgruppe Tengelmann als Kunden gewonnen zu haben. Der Versorger bedeutet den Einstieg in die Dienstleistung für Branchenfremde und als Referenzprojekt für weitere potenzielle Kunden.

In Sachen Tengelmann bedeutet dies, dass die Altdorfer Cinram-Mitarbeiter für die in der Tengelmann E-Commerce GmbH angesiedelten Online-Shops „Plus.de“ und „gartenXXL“ ab März die Lagerung und Auslieferung der Waren übernehmen. Der Vertrag wurde erst einmal auf drei Jahre abgeschlossen.

Für beide Onlineshops sollen auf dem Gelände des Alsdorfer Logistikers rund 4000 Produkte vorgehalten werden. Von dort aus gehen sie an Verbraucher in Deutschland und Österreich. Dafür sind rund 10 000 Quadratmeter Fläche in Werk 6 vorgesehen. Die Hallen werden nun für die Aufnahme von bis zu 8000 Paletten eingerichtet und Packtische für fleißige Hände aufgebaut. Lubberich rechnet mit täglich rund 1000 Aufträgen. In der Garten-Saison – also Frühjahr und Herbst, wenn der Hobbygärtner besonders aktiv wird und Gerätschaften benötigt – können es täglich bis zu 2500 Aufträge werden, die dann von Speditionen in Alsdorf abgeholt werden.

An so viele und komplexe Aufträge hatten die Gründer von Record Service bestimmt nicht gedacht. Vor 40 Jahren „verwaltete“ eine Dame der Telefonzentrale in einem Glaskasten die beiden Leitungen für Ferngespräche. Ins Ausland durfte nur mit ausdrücklicher Genehmigung telefoniert werden. Bis Mitte der 1980er Jahre wurden Bestellungen bzw. Lieferungen noch per Telex abgewickelt. „Die eintreffenden Nachrichten wurden über Nacht auf sogenannte Presskarten gedruckt und morgens per Hand entlang der Perforation auseinandergerissen und in eine Stecktafel einsortiert“, wie in der kleinen Firmenchronik nachzulesen ist.

Für Jugendliche heute liest sich das wie tiefste Steinzeit. Die ziehen sich auch lieber Musik und Filme aus dem weltweiten Netz und finden zumeist CD, DVD und Blu-ray „uncool“.

Aber bis diese drei Ton- und Bildträger einmal das Schicksal der guten alten Vinylplatte teilen, will Cinram am Standort die Sparte Dienstleister konsequent ausbauen.

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